FC St. Pauli gegen den FC Homburg
  • In der Relegation kämpfte St Pauli im Jahr 1987 gegen den FC Homburg um den letzten freien Platz in der Bundesliga – und zog den Kürzeren.
  • Foto: WITTERS

Als Homburg in der Relegation auf St. Pauli traf: „Das war die Hölle!“

An das mit Abstand wichtigste Spiel zwischen dem FC Homburg und dem FC St. Pauli hat Roman Wojcicki noch einige bizarre Erinnerungen. „Das war die Hölle“, sagte der 62-malige Nationalspieler Polens. Als Homburg-Profi nahm er 1987 einen ziemlich ungewöhnlichen Weg von der Umkleidekabine auf das Spielfeld des alten Hamburger Millerntor-Stadions auf sich. „Wir mussten mitten durch eine Kneipe marschieren. Ich hatte die ganze Zeit das komische Gefühl: Hoffentlich kriege ich keine Flasche auf den Kopf.“ Homburger und Hamburger spielten damals in der Relegation um den letzten freien Platz in der Bundesliga.

Am Dienstagabend (20.45 Uhr, Liveticker auf MOPO.de) trafen sich beide Klubs im Achtelfinale des DFB-Pokals wieder. Der eine ein ambitionierter Regionalligist, der andere Aufstiegsfavorit der Zweiten Liga. Wie beide zu dem wurden, was sie sind: Das ist kaum zu erklären ohne die Geschichte der Saison 1986/87, die beide miteinander verbindet.

FC St. Pauli: Aufstieg zog Massen ans Millerntor

St. Pauli wurde damals trainiert vom ehemaligen HSV-Stürmer und späteren Bundesliga-Trainer Willi Reimann. Und der heute 73-Jährige weiß noch genau: Jene Saison, „das war die Geburtsstunde des FC St. Pauli als Kultklub und Zuschauermagnet.“

Denn Mitte der 80er-Jahre wirkten mehrere Entwicklungen zusammen: Der Kiezklub war gerade mit einer jungen und mitreißenden Mannschaft in die 2. Bundesliga aufgestiegen. In den Hamburger Stadtteil St. Pauli zogen immer mehr Künstler und Studenten. Und vor allem: Linke und Autonome, denen der Profifußball bis dahin eher suspekt war, zog es in diesem Umfeld auf einmal in Massen ins Stadion. Ein beliebter Schlachtruf am Millerntor war: „Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg, nie wieder 3. Liga!“

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Nach dem Aufstieg rechnete der Klub noch mit 3000 Besuchern pro Spiel. „Daraus wurden dann im Laufe der Saison teilweise 17.000 bis 18.000 Fans“, sagte Reimann. „Die haben sich alle selbst gefeiert. Ob wir da gespielt haben oder nicht – das war völlig egal. Ich erinnere mich an Spiele, da wurden manchmal die Tore gar nicht durchgesagt. Aber wenn auf der Haupttribüne das Bier ausging, rief gleich einer ins Mikrofon.“

FC Homburg gewann Bundesliga-Relegation gegen St. Pauli

Der Bundesliga-Aufstieg klappte trotzdem erst 1988. Den sofortigen Durchmarsch verhinderte der FC Homburg in der Relegation. Nach einem 1:3 im Saarland half dem FC St. Pauli drei Tage später alles nichts: ein Sturmlauf im Rückspiel (2:1), der Homburger Spießrutenlauf durch die Kneipe. „Die Atmosphäre“, sagte Reimann, „war trotzdem der Wahnsinn.“

Der FC Homburg war in dieser Zeit auch ein Phänomen – wenn auch auf ganz andere Weise. Der Klub aus dem kleinen 43.000-Einwohner-Städtchen hatte sich 1986 für insgesamt drei Jahre in die Bundesliga verirrt und ließ dort nichts aus. Er kaufte zwei polnische WM-Stars, er warb zum Ärger des prüden DFB für Kondome und hatte einen schillernden Präsidenten: Manfred Ommer war erfolgreicher Leichtathlet und Unternehmer.

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Auch in Fußballprofis sah er in erster Linie ein Anlageobjekt. So zahlte Ommer die Millionen-Ablöse für den Abwehrspieler Wojcicki und den Spielmacher Andrzej Buncol selbst. Von seinem Klub kassierte er für deren Einsatz eine Art Leasingrate.

Bayer Leverkusen kaufte Andrzej Boncul

Zumindest Buncol verkaufte er nach einem Jahr an Bayer Leverkusen weiter. Und auch Wojcicki sagte in der Rückschau: „Es war natürlich nicht meine Vorstellung, im Ausland zu einem Klub wie dem FC Homburg zu gehen. Aber ich habe mir gedacht: Das ist eine Chance, in die Bundesliga zu wechseln, mich dort zu zeigen und dann eventuell einen größeren Verein zu finden.“

Geklappt hat das nicht. Trotzdem nahm der 65 Jahre alte Wojcicki mit der polnischen Nationalmannschaft an drei Weltmeisterschaften teil und gewann mit Hannover 96 später noch den DFB-Pokal. Mit seiner Frau und seinem Sohn betreibt er seit Jahren eine eigene Physiotherapie-Praxis in Niedersachsen.

Roman Wojcicki mit positiven Homburg-Erinnerungen

„Der Klassenerhalt gegen St. Pauli war ein schönes Erlebnis“, sagte Wojcicki. Und diese Zeit wirkt bis heute nach. Den FC St. Pauli begleiten am Dienstagabend bis zu 4000 Fans in das mehr als 600 Kilometer entfernte Saarland. Und wenn irgendwo der Name Homburg fällt, dann gibt es immer noch Leute, denen dazu gleich das Stichwort Bundesliga einfällt.

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Wojcicki war erst im Herbst wieder in der Stadt. Er besuchte ein Spiel seines alten Klubs und wurde dort „von den Leuten und dem Vorstand sehr freundlich begrüßt. Das hat mich sehr gefreut“, sagte er. Die alten Zeiten sind noch nicht vergessen. (aw/dpa)

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