Radfahrer fahren auf der Fahrradstraße an der Außenalster auf der Veloroute 4.
  • Radfahrer auf der Fahrradstraße an der Außenalster auf der Veloroute 4.
  • Foto: picture alliance / dpa/Marcus Brandt

Immer mehr Radfahrer in Hamburg – doch es gibt Probleme

Dass Corona die innerstädtische Mobilität verändert hat, liest sich an den Zahlen für Hamburg leicht ab: 33 Prozent mehr Radfahrende waren laut der Verkehrsbehörde im Jahr 2020 im Vergleich zu 2019 auf den Straßen unterwegs. Wie hat das die Stadt verändert? Und wo liegen die Probleme?

Ob dieser Boom im Radverkehr nur ein kurzfristiges Phänomen war, wird sich am Ende dieses Jahres zeigen. Doch in vielen Fahrradshops der Stadt sind sehr wenige Fahrräder auf Lager – der Absatz ist einfach zu groß.

Radfahren in Hamburg: Neue Zählung durch Infrarot

Bislang wurden die Hamburger Radverkehrsdaten mit den einmal im Jahr stattfindenden Pegelmessungen sowie an der Dauerzählstelle an der Gurlittinsel erhoben. Für genauere Zahlen ging im November 2020 dann das Radverkehrszählnetz mit circa 80 automatischen Zählstellen an den Start.

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Problem: Immer mehr Radfahrer benötigen gleichzeitig auch mehr Platz. Oft müssen sie noch mit den Fußgänger:innen um die sowieso schon schmalen Flächen konkurrieren.

Hamburg: Kreuzungen sind oft noch unübersichtlich

Das führt oft zu brenzligen Situationen. Ein Beispiel dafür ist die Ampel an der U-Bahn-Station Hoheluft in Eimsbüttel: Hier liegt der Radweg direkt vor dem Fußweg, sodass Fußgänger:innen diesen kreuzen müssen, wenn sie auf die andere Seite wollen. Nahezu täglich quietschen dort im letzten Moment die Bremsen oder die Verkehrsteilnehmenden verheddern sich ineinander.

Kirsten Pfaue, Koordinatorin für die Mobilitätswende, kennt das nur zu gut und spricht sich klar dafür aus, Knotenpunkte übersichtlicher zu gestalten. Als Beispiel nennt sie den Leinpfad in Winterhude, wo der Radweg ebenfalls auf dem Fußweg entlang führte. „Früher war dort Tempo 30 für die Autos, jetzt ist der Leinpfad zu einer Fahrradstraße umgebaut worden“, sagt sie der MOPO. „Radfahrende kamen sich zuvor oft mit Fußgänger:innen in die Quere. Durch den Umbau haben wir den Fußweg vom Radweg befreit, sodass beiden Parteien genug Platz haben.“ Anwohner dürfen weiterhin mit dem Auto in die Straße.

Hamburg: 62 Kilometer Radwege saniert oder gebaut

Laut der Verkehrsbehörde wurden im Jahr 2020 insgesamt 62 Kilometer Radwege neu gebaut oder saniert – ein Anstieg von 63 Prozent im Vergleich zum Jahr davor. Darunter fallen auch die Pop-Up-Bikelanes, die an immer mehr Orten in der Stadt auftauchen, zum Beispiel am Sandtorkai in der Hafencity. Der verkehrspolitische Sprecher der CDU, Richard Seelmaecker, bezeichnete die Radwegsbilanz der Behörde deshalb als „Mogelpackung“, da ein paar auf die Straße gepinselte Linien noch keinen richtigen Radweg machten.

Dabei hat aber auch der Ausbau des Veloroutennetzes deutlich Fahrt aufgenommen. Insgesamt zwei Drittel der geplanten 280 Kilometer sind inzwischen fertig gestellt, davon 26 Kilometer im Jahr 2020 und damit ungefähr doppelt so viel wie im Jahr davor.

Eppendorf: Neues Fahrradparkhaus wird kaum genutzt

Frage ist aber auch, wo die vielen neuen Räder abgestellt werden sollen, wenn sie einmal am Ziel sind. Veränderung im Stadtbild bringt da das neue Fahrradparkhaus an der Kellinghusenstraße. Allerdings steht dieses bis jetzt weitgehend leer, während die Fahrradbügel an der anderen Seite bald aus allen Nähten platzen. Die Verkehrsbehörde will dem nachgehen und eine Befragung der Nutzer:innen starten. Allerdings müsse man neuen Projekten auch ein bisschen Zeit geben.

MOPO-Reporterin Annalena Barnickel testete das Fahrradparkhaus in der Kellinghusenstraße.
MOPO-Reporterin Annalena Barnickel testete das Fahrradparkhaus in der Kellinghusenstraße.

Außerdem in Planung: Ein 300 Kilometer langes Radschnellwegnetz, das von der City aus in die Metropolregion führen soll. In Hamburg wird dazu bereits das alte Gütergleis an der U1 als Verbindung in Richtung Bad Bramstedt ausgebaut.

Hamburg: Mehr Unfälle bei Radfahrenden 2020

Mehr geordnete Radinfrastruktur soll dabei helfen, schwere Unfälle zwischen Radfahrenden und Autos sowie Fußgänger:innen zu vermeiden. Laut Verkehrssenator Anjes Tjarks (Grüne) helfen vor allem bauliche Trennungen zwischen Radfahrenden und den anderen Verkehrsteilnehmenden. Ein Beispiel: „Fahrradweichen“, ein zwischen Autospuren liegender Radweg, sollen nicht mehr neu gebaut werden.

Fahrradweichen wie hier in der Jungiusstraße am Dammtor sollen laut dem Senat nicht mehr. gebaut werden.
Fahrradweichen wie hier in der Jungiusstraße am Dammtor sollen laut dem Senat nicht mehr. gebaut werden.

In der Praxis klappen diese Ziele noch nicht so ganz: Während die Gesamtzahl der Verkehrsunfälle in Hamburg – auch aufgrund der Corona-Pandemie – im Jahr 2020 um 15,6 Prozent gesunken ist, stieg die Zahl der Unfälle mit Radfahrerbeteiligung um 3,6 Prozent auf 3668. Dabei verunglückten 2735 Radler, 8,1 Prozent mehr als im Vorjahr.

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Auffällig: Zugenommen haben die Zusammenstöße unter Radfahrern mit einem Plus von zwölf Prozent und die Unfälle zwischen Radfahrenden und Fußgänger:innen um 2,5 Prozent. Die Unfälle mit Auto- und Lastwagenbeteiligung haben hingegen abgenommen – um jeweils zehn Prozent.

Hochbahn stattet Busse mit Abbiegeassistenten aus

Drei Radfahrer wurden bei den Unfällen getötet – zwei davon wurden von einem Lkw beim Abbiegen erfasst. Um Zusammenstöße zwischen Bus und Rad künftig zu vermeiden, hat die Hochbahn inzwischen begonnen, ihre Busflotte mit Abbiegeassistenzsystemen auszustatten. Für Lkw könnte das noch ein bisschen dauern. Laut der EU-Verordnung werden dort Abbiegeassistenten erst in ein paar Jahren erwartet. Die städtischen Lkw über 7,5 Tonnen sind bereits seit März damit gerüstet.

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Es bleibt also noch viel zu tun, zu planen und umzurüsten. Trotzdem verändert sich Hamburg bereits jetzt sichtbar. Nicht mehr das Auto soll perspektivisch im Zentrum stehen, sondern der sogenannte Umweltverbund, heißt ÖPNV, Fußgänger und Radler. Bis 2030 soll diese Gruppe 80 Prozent aller Wege in Hamburg zur Verfügung haben – ein innerstädtischer Umstieg vom Pkw könnte dadurch deutlich attraktiver werden.

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