Demo gegen Corona-Maßnahmen
  • Demonstranten bei einer Anti-Corona-Demo im Oktober in Berlin.
  • Foto: dpa

„Schnitzelpanik“ in Österreich – und hier? Der Streit um die Winter-Strategie

Steigende Infektionszahlen, viele Ungeimpfte und besorgte Intensivmediziner: Während die Debatte um die beste Strategie für den Corona-Winter in Deutschland in vollem Gange ist, greift ein Nachbarland schon hart durch. In Österreich gilt ab Montag landesweit 2G. Nur Geimpfte und Genesene dürfen noch in Restaurants, Hotels oder zum Friseur. Ist das die Lösung, um die vierte Welle zu brechen?

Von einer regelrechten „Schnitzelpanik“ ist in Österreich die Rede, die Ungeimpfte nun massenweise in die Impfzentren treibt. Wartezeiten von bis zu anderthalb Stunden soll es am Samstag vor einem Impfzentrum in Wien gegeben haben, berichtet der österreichischer Fernsehsender ORF. Die gestiegene Impfbereitschaft der Menschen kommt nicht von ungefähr: So verzeichnete das Land am Wochenende einen neuen Höchststand von 9943 Neuinfektionen pro Tag. Mit der 2G-Regelung zieht die Regierung jetzt die Notbremse und richtet eine Art Lockdown für Ungeimpfte ein.

Corona-Experten: Jetzt geht es um die Ungeimpften

Auch in Deutschland türmt sich die vierte Corona-Welle weiter auf. Bei 191,5 liegt die Sieben-Tage-Inzidenz je 100.000 Einwohner am Sonntag. Im Gegensatz zu Österreich debattiert Deutschland allerdings noch, was jetzt zu tun ist. Die Sorge vor einer Ausgrenzung von Teilen der Bevölkerung und einer Verhärtung der Debatte scheinen die Politik völlig zu lähmen. Die wöchentlichen Querdenker-Demos und zunehmende Attacken auf Ärzt:innen tun ihr übriges.

Dabei sind die Ansagen der Experten deutlich: „Entscheidender Faktor beim Brechen der vierten Welle ist das Impfen der Ungeimpften“, sagt der ehemalige Leiter des Hamburger Impfzentrums, Dirk Heinrich, der MOPO. Man müsse jede Anstrengung unternehmen, um die Impfskeptiker zu überzeugen. Damit meint Heinrich mehr Werbung, noch mehr Impfaktionen mit mobilen Teams und ein 2G-Modell für alle in Restaurants und bei Veranstaltungen.

Drosten: Impflücke schließen und mehr Testen

Die sogenannte „Impflücke“ zu schließen, darin sieht auch Virologe Christian Drosten den entscheidenden Hebel, um die vierte Welle flach zu halten. Das Boostern schütze zwar alte Menschen und Risikopatienten, könne aber nicht die Verbreitung der Infektion unter Ungeimpften verhindern, schreibt er auf Twitter. „Die Auffrischungsimpfung für alle unter 60 Jahren ist Beiwerk und wird nicht entscheidend zum Brechen der vierten Welle beitragen“, sagt auch Heinrich zur MOPO. Aber wie sollen die Ungeimpften noch überzeugt werden, sich piksen zu lassen?

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Das 2G-Modell scheint in Österreich zu helfen. Forscher wie der Hamburger Virologe Jonas Schmidt-Chanasit sagen dagegen, es schaffe nur eine „Scheinsicherheit“. Auch Geimpfte könnten sich infizieren und das Virus übertragen, auch wenn die Wahrscheinlichkeit geringer sei. Wenn man wirklich Sicherheit wolle, helfe nur 1G weiter – also alle zu testen, egal ob geimpft, ungeimpft oder genesen. Das sollte vor allem für problematische Bereiche gelten, wo vulnerable Menschen gefährdet seien. Schmidt-Chanasit warb zugleich für eine „Testoffensive“ und kritisierte, dass die kostenlosen Bürgertests Mitte Oktober abgeschafft wurden.

Politikerin fordert Testpflicht für Pflegeheime

Mit dem Ende der Tests hatte die Politik gehofft, Einsparungen zu machen und auch Impfunwillige zu einer Impfung motivieren zu können. Jetzt fordern unter anderem auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und Grünen-Chef Robert Habeck die Rückkehr zu den Gratis-Tests. Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt plädierte dafür, eine Impfung als Zugangsvoraussetzung für Pflegeheime zu prüfen. In Pflegeheimen hatte es trotz hoher Impfraten zuletzt wieder mehrere größere Corona-Ausbrüche gegeben.

2G in Österreich
In Österreich dürfen ab Montag nur noch Geimpfte und Genesene ins Restaurant gehen.

Booster-Impfungen: Hamburg impft streng nach StiKo

Eine weitere Stellschraube, deren Drehen den Corona-Winter milder ausfallen lassen könnte, ist die Auffrischungsimpfung. Weil der Impfschutz mit der Zeit abnimmt, empfiehlt die Ständige Impfkommission (StiKo) sie besonders für ältere und immungeschwächte Menschen. In Hamburg haben bisher etwa drei Prozent der Geimpften einen sogenannten Booster erhalten. Bei den über 60-Jährigen sind es 8,2 Prozent. Das liegt grob im bundesweiten Durchschnitt.

Im Verhältnis zu den anderen Stadtstaaten Berlin (17,3 Prozent) und Bremen (11,2 Prozent) fällt Hamburg bei den über 60-Jährigen zurück. Denn an den offiziellen Impfstellen der Hansestadt werden die Booster nicht für alle, sondern nur streng nach den Empfehlungen der StiKO vergeben. Weil sich die Hamburger:innen in den Praxen den Piks aber auch abseits der Empfehlung nach Beratung mit ihrem Arzt oder ihrer Ärztin abholen können, sieht die Hamburger Sozialbehörde die Strategie nicht als Sonderweg.

Die potenziellen Regierungspartner SPD, Grüne und FDP wollen eine neue Rechtsgrundlage für Anti-Corona-Regeln schaffen, bevor die epidemische Lage am 25. November endet. Über den Entwurf wird der Bundestag voraussichtlich am Donnerstag beraten.

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