Ehsan Hajisafi, Torhüter Hossein Hosseini und Saeid Ezatolahi singen die iranische Hymne vor dem Spiel gegen Wales.
  • Ehsan Hajisafi, Torhüter Hossein Hosseini und Saeid Ezatolahi (v.l.) singen die iranische Hymne vor dem Spiel gegen Wales.
  • Foto: imago/Matthias Koch

„Riesiger Druck lag auf uns“: Iraner singen Hymne mit – Torschütze bezieht Stellung

Auch im zweiten Spiel der Iraner steht die Politik im Vordergrund. Bei der Nationalhymne stehen die Spieler dieses Mal nicht stumm auf dem Rasen, ihr leidenschaftlicher Einsatz reicht zum späten Sieg.

Die glücklichen iranischen Profis warfen ihren Trainer Carlos Queiroz in die Luft und feierten ihren bewegenden Sieg unter größtem politischen und sportlichen Druck. Der WM-Außenseiter gewann am Freitag im zweiten Vorrundenspiel der Gruppe B gegen Wales um Stürmerstar Gareth Bale dank Toren von Roozbeh Cheshmi und Ramin Rezaeian in der achten und elften Minute der Nachspielzeit mit 2:0 (0:0). Nach dem ganz späten Doppelpack gab es bei den Iranern kein Halten mehr. Ausgelassen tanzten sie in Al-Rayyan über den Rasen, im Stadion wurden Lieder zur Party abgespielt.

WM: Sicherheitskräfte verhindern Protest von Irans Fans im Spiel gegen Wales

„Heute waren wir mental bereit. Am Ende konnten wir zum Glück den Sieg einfahren. Das war ein Sieg der Solidarität“, sagte Torschütze Chesmi. Trainer Queiroz fand: „Wir haben uns diese beiden Tore verdient. Wales ist ein fantastisches Team, es war nur ein Spiel. Heute war unser Tag. Schon morgen kann der Tag von Wales sein.“ Bei den Walisern herrschte Frust. „Wir sind sehr enttäuscht. Es wird sehr schwer, wir haben noch ein Spiel. Wir müssen uns gut erholen und dann noch einmal alles geben“, sagte Superstar Bale, der praktisch die ganze Partie hinter seinen Möglichkeiten geblieben war.


MOPO

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Der walisische Torwart Wayne Hennessey hatte zuvor in der 86. Minute die Rote Karte nach einer Notbremse außerhalb des Strafraums gegen Mehdi Taremi gesehen. Beide Teams haben noch Chancen aufs Weiterkommen. Vor 40.875 Zuschauern im Ahmad bin Ali Stadion schwiegen die iranischen Spieler diesmal nicht bei der Nationalhymne, sondern bewegten mit ernsten Mienen sichtbar die Lippen. Die meisten Pfiffe in der Arena verstummten, als auf der Videowand ein herzzerreißend weinender älterer Fan mit einer iranischen Fahne gezeigt wurde. Zudem wurden den Anhängern Freiheitsbotschaften von Ordnern abgenommen, erneut stand vieles im Zeichen der Regime-Kritik.

Roozbeh Cheshmi: „Im ersten Spiel lag riesiger Druck auf uns“

Der Druck auf die Spieler, die auch um das Wohl ihrer Familien in der Heimat fürchten müssen, war wohl zu groß geworden: Vor dem 2:6 gegen England hatten sie stumm den Klängen gelauscht. Daraufhin war über drohende drastische Sanktionen vonseiten der Regierung berichtet worden. „Im ersten Spiel lag riesiger Druck auf uns, dem konnten wir nicht standhalten. Deswegen gab es ein Ergebnis, das nicht so ausfiel, wie wir das wollten“, sagte Cheshmi nach dem Sieg gegen Wales.

Imago / PA Images Roozbeh Cheshmi (l.) feiert mit Mehdi Torabi sein erlösendes Tor zum 1:0 gegen Wales.
Roozbeh Cheshmi feiert mit Mehdi Torabi sein erlösendes Tor zum 1:0 gegen Wales.
Roozbeh Cheshmi (l.) feiert mit Mehdi Torabi sein erlösendes Tor zum 1:0 gegen Wales.

Der Iran wird seit Wochen von den schwersten Protesten seit Jahrzehnten erschüttert. Der Tod der erst 22-jährigen Mahsa Amini im Polizeigewahrsam hatte diese ausgelöst, der Sicherheitsapparat reagierte mit äußerster Härte. Den Spielern sind mögliche Konsequenzen ihres Handelns in ihrer Heimat bewusst. 

Cheshmi beklagt unfaire Behandlung der iranischen Fußballer

Gleichzeitig hatten viele Anhänger der Protestbewegung Irans Team Melli in den vergangenen Wochen scharf kritisiert. Vor allem ein Foto mit Präsident Ebrahim Raisi in ausgelassener Stimmung hatte kurz vor Abflug für Empörung gesorgt. Zu spät und zu klein sei die Aktion dann auf dem Spielfeld gewesen, bemängelten die Kritiker. „Wenn der Druck sich nur um Fußball drehen würde, wäre es akzeptabel“, sagte Cheshmi. „Zurzeit passieren einige Dinge für die Spieler, die nicht fair sind. Sie werden ungerecht behandelt, sie bekommen Druck abseits des Fußballs.“

Vor der Begegnung wurde bekannt, dass der ehemalige iranische Nationalspieler Voria Ghafouri nach Angaben der regierungsnahen Nachrichtenagentur Tasnim am Donnerstag verhaftet worden ist. Dem 35 Jahre alten Verteidiger werde Propaganda gegen das iranische Politsystem sowie Beleidigung der Nationalmannschaft vorgeworfen, hieß es. Dieses Mal lobte Tasnim die Spieler wegen Mitsingens der Hymne.  

Iran feiert verdienten Sieg – Wales droht das Vorrunden-Aus

Iran war bei allen bisherigen fünf WM-Teilnahmen in der Vorrunde gescheitert. Gegen die Waliser startete die Mannschaft stürmisch – und ohne den am Kopf verletzten Ali Beiranvand. Der 30-Jährige, der beim Auftaktspiel eine Gehirnerschütterung erlitten hatte, saß nur auf der Bank. Stattdessen begann Hossein Hosseini, der gegen England bereits eingewechselt wurde. Die FIFA hatte dem iranischen Verband mitgeteilt, dass der Torhüter nicht spielen sollte. Die letzte Entscheidung über einen Einsatz lag aber beim iranischen Verband.

Ali Gholizadeh ließ die Iran-Fans nach einer Viertelstunde mit seinem Tor jubeln, doch nach einer Videobeweis-Entscheidung wurde der Treffer wegen Abseits zurückgenommen. Die Waliser hatten in ihrem ersten Vorrundenspiel ein 1:1 gegen die USA erreicht. Gegen die Iraner geriet der EM-Halbfinalist von 2016 von Anfang an in Hektik. Auch der Leverkusener Sardar Azmoun beschäftigte die gegnerische Abwehr immer wieder. Er und sein Stürmerkollege Gholizadeh trafen nach der Pause innerhalb von Sekunden jeweils den Pfosten.

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Am Ende wurde es hektisch. Hennessey sah die Rote Karte, weil er gegen Taremi mit gestrecktem Bein deutlich zu spät kam – eine klare Rote Karte. Neun Minuten Nachspielzeit packte Schiedsrichter Mario Escobar obendrauf. Die Iraner probierten nochmal alles – und wurden spät belohnt. „Wir haben dieses Spiel Schritt für Schritt kontrolliert“, resümierte Queiroz. „Natürlich ist das ein wichtiger Sieg, aber wir haben unseren Job noch nicht beendet. In dieser Gruppe ist alles offen.“ (mp/dpa)

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