Thomas Doll in Indonesien
Thomas Doll in Indonesien
  • Sobald wieder Fans dabei sein dürfen, werden Doll und seine Profis wieder vor vollem Haus (30.000) spielen.
  • Foto: hfr

Monsunregen und Erdbeben: Ex-HSV-Trainer Doll über sein „verrücktestes Jahr“

Der Abschluss hätte bezeichnender nicht sein können. Am Freitag, dem Tag vor Heiligabend, wollte Thomas Doll mit Persija Jakarta noch drei wichtige Punkte im Titelkampf einsacken, doch das indonesische Wetter machte den Plan kurz nach der Halbzeitpause zunichte. Monsunartige Regenfälle sorgten beim Stande von 0:0 für den Abbruch der Partie in Sleman. Das Ende eines turbulenten Jahres, das Ex-HSV-Idol Doll nun bald hinter sich hat.

Als er sich endlich auf dem Weg in Richtung Flughafen befindet, um über die Feiertage nach Europa zu fliegen, gehen ihm nochmal die Bilder der vergangenen Monate durch den Kopf. „Ein Wahnsinn“, sagt Doll der MOPO, während er seinen Fahrer bittet, die Musik einen Tick leiser zu machen. „So ist das hier. Alles, aber wirklich alles ist extrem. Was ich hier in sieben Monaten erlebt habe, erleben andere ihr Leben lang nicht.“

Seit Anfang Juni ist Doll in Indonesien. Sah den Himmel und erlebte die Hölle. Die unglaubliche Begeisterung der Persija-Fans, die in dem Deutschen den großen Hoffnungsträger sehen. Dann die furchtbare Stadion-Katastrophe von Malang mit 131 Toten. Dazu Erdbeben, immer wieder Wetterkapriolen. Und das alles immer mit Volldampf. „Unser letztes Spiel jetzt war ein gutes Beispiel“, erzählt Doll. „Mit einem Mal fängt es plötzlich an zu regnen und wenig später kannst du den Platz nicht mehr sehen. Sowas habe ich noch nicht erlebt …“

Doll führte den HSV als Trainer in die Champions League

Der 56-Jährige spricht ohne Umschweife von dem „verrücktesten Jahr meines Lebens“. Das soll aus Dolls Mund etwas heißen, denn der gebürtige Mecklenburger hat schon einiges gesehen. Er war Zeuge der Wende und des Zusammenbruchs der DDR, der ihm 1990 den Wechsel zum HSV und in die Bundesliga ermöglichte. 47 Mal spielte Doll für beide deutschen Nationalteams, wurde 1992 Vize-Europameister und in Italien bei Lazio Rom zum internationalen Star. Führte den HSV 2006 als Trainer in die Champions League, trainierte in der Türkei, Saudi-Arabien, Ungarn, auf Zypern. Und nun also Indonesien.

Ein Land der Extreme. Malang und die Massenpanik Anfang Oktober haben Doll sehr mitgenommen: „Das war fürchterlich. Das ganze Land war in Trauer.“ Der Trainer bereitete seine Profis gerade im Team-Hotel auf eine Partie vor, wurde dann in gepanzerten Bussen von der Polizei zurück nach Jakarta gebracht. „Der Spielbetrieb hat zwei Monate ausgesetzt, erst kürzlich haben die Nachholspiele begonnen – aber ohne Zuschauer“, berichtet Doll, der mit seinem Team als Tabellenfünfter auf Tuchfühlung zu Spitzenreiter Makassar liegt.

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Wenig später folgte der nächste Schock, als Doll Zeuge eines Erdbebens in der Elf-Millionen-Metropole Jakarta wurde. „Ich wohne im 50. Stock eines Hochhauses“, erzählt er. „Es hat richtig geschaukelt, das war ein ganz mulmiges Gefühl.“ Er hatte wohl noch Glück im Unglück: „Das Gebäude wurde jetzt nochmal untersucht und es wurden Risse entdeckt. Da wird nochmal Hand angelegt werden müssen.“ Wäre wohl besser.

Nun aber wartet erstmal die Normalität auf Doll. Eine wunderschöne. Nach seiner 18-stündigen Reise via Doha landet er an Heiligabend um 12.30 Uhr in seiner Wahlheimat Budapest. Pünktlich zum Fest mit Ehefrau Edina und Töchterchen Emilia Hanna (14 Monate), die im November schon vorflogen.

Doll lockte Ex-HSV-Talent Behrens nach Indonesien

Doll wird die Zeit genießen und doch immer mal wieder an Indonesien denken, wo er einen Vertrag bis 2025 besitzt. „Mir imponieren am meisten die Menschen“, stellt er fest. „Wenn man erlebt, unter welchen Bedingungen da alles gemeistert werden muss, ohne dass sich groß beklagt wird. Da können wir uns in Deutschland eine Scheibe von abschneiden.“

Anfang Januar geht es für Doll zurück in seine neue, wilde Welt. Dann wird er auch wieder auf Hanno Behrens (32) treffen (früher u.a. HSV, Darmstadt, Nürnberg, Rostock), den er zu Persija lockte. „Erst vorm Abflug meinte Hanno zu mir: Meine Güte, was wir hier erleben – da könnten wir echt ein Buch drüber schreiben“, sagt Doll lachend. „Genauso ist es auch. Und das Schönste ist: Ich würde diesen Schritt immer wieder machen. Es war alles genau richtig.“

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