Andreas Bornemann auf der Mitgliederversammlung von St. Pauli
Andreas Bornemann auf der Mitgliederversammlung von St. Pauli
  • Andreas Bornemann musste sich bei St. Paulis Mitgliederversammlung reichlich Kritik gefallen lassen.
  • Foto: WITTERS

Attacken, Applaus, Pfiffe: Viele Emotionen bei Mitgliederversammlung

Gegenwind, aber kein Sturm und schon gar kein Umsturz. Auf der Mitgliederversammlung des FC St. Pauli im CCH ging es phasenweise hoch her und emotional zu – Pfiffe und Buhrufe inklusive. Der Rauswurf von Trainer Timo Schultz war das erwartet heiß diskutierte Thema, aber nicht das einzige. Für Aufsehen sorgte ein langes spontanes Statement von Sportchef Andreas Bornemann, der sich dabei auch vehement gegen Angriffe auf seine Person verteidigte. Die Besetzung des neuen Aufsichtsrates bietet vor allem Frauen-Power. Bei der Vorstellung der Kandidat:innen gab es aber eine direkte Attacke auf die Vereinsführung.

Der symbolische Schlusspunkt wurde knapp verpasst – um drei Minuten. Nicht um 1910, sondern um 19.13 Uhr war alles vorbei. Nach acht intensiven Stunden, die insgesamt ruhiger verliefen als gedacht. „Die Mitgliedschaft des FC St. Pauli lebt“, sagte Präsident Oke Göttlich am Ende in kleiner Runde. „Das haben wir erwartet. Wir hatten eine gute Diskussion und werden einiges ins nächste Jahr mitnehmen.“

Gleich zu Beginn der Versammlung im Saal 3 hatte die Aufsichtsratsvorsitzende Sandra Schwedler versucht, mit einem Statement außerhalb des Protokolls für eine konstruktive und sachliche Diskussion bei der MV zu werben und packte vor rund 1250 Mitgliedern direkt das emotionalste Eisen an.

1250 Personen bei Mitgliederversammlung des FC St. Pauli

 „Die Freistellung von Timo Schultz hat den Verein ordentlich durchgerüttelt, denn Timo ist nicht nur ein Trainer, sondern St. Paulianer durch und durch“, so Schwedler. Daraufhin gab es Zwischenapplaus der Mitglieder. Schwedler appellierte dann an die Anwesenden, offen und kritisch zu diskutieren, „fair miteinander umzugehen und möglichst sachlich zu bleiben“. Grundsätzlich und bei allen Emotionen gehe es „um das Wohl des Vereins“.

Nicht jeder fühlte sich angesprochen. Als Präsident Oke Göttlich zu Beginn seiner gut 30-minütigen Rede, dem Bericht des Präsidiums, Timo Schultz dankte und ihn als „echten St. Paulianer“ bezeichnete, gab es wütende Zwischenrufe. Ein aufgebrachtes Mitglied rief „Heuchler“, ein anderer „Heuchelei“, was wütende Gegenrufe provozierte. Nach seinem Satz „Das Präsidium ist der Empfehlung unseres Sportchefs Andreas Bornemann gefolgt“ gab es Pfiffe und Buhrufe.

Oke Göttlich bei Rede als „Heuchler“ beschimpft

Göttlich verteidigte das umstrittene Vorgehen in der Causa Schultz. „Wir spielen nicht schmutzig. Wir wollen unserer Verantwortung gerecht werden“, erklärte der Präsident. „Um es klipp und klar zu sagen: Wir stehen zu unserer Entscheidung. Wir sind fest davon überzeugt, dass ein Wechsel auf der Trainerposition hilft.“ Die Vereinsführung stelle sich der Kritik, so Göttlich, aber: „Wir weisen persönliche Angriffe und Beleidigungen zurück.“

Die Mannschaft des FC St. Pauli war zu Beginn geschlossen im Saal, verließ nach der Göttlich-Rede die Veranstaltung, weil an der Kollaustraße eine Trainingseinheit anstand.

Auch Schwedler musste sich nach ihrem Bericht des Aufsichtsrats zahlreichen kritischen Nachfragen zum Schultz-Rauswurf stellen. „Der Aufsichtsrat ist dem Weg gefolgt“, sagte die Chefin des Gremiums, die sich nicht äußern wollte, ob der Rat geschlossen der Beurlaubung von Schultz zugestimmt hatte, weil er dies „grundsätzlich“ nicht preisgebe.

Aufsichtsrat wegen Rauswurf von Timo Schultz in der Kritik

Kritisch räumte Schwedler ein: „Wir sind aktuell vereinsintern nicht in der Lage, einen Trainer zu entwickeln, der langfristig erfolgreich arbeiten kann. Kontinuität ist in unserem Verein ein wichtiges Ziel, aber im Lizenzbereich ist die Zeit knapp.“

Merkwürdig, dass bei der Aussprache niemand nachfragte, ob der Aufsichtsrat auch mit Timo Schultz gesprochen und sich seine Sichtweise auf die Dinge erläutern lassen hat.

Überraschend ergriff in dieser Phase der scheidende Aufsichtsrat Roger Hasenbein das Wort. „Wir alle wissen, dass das Thema Timo Schultz hochemotional ist. Ich hatte Bauchschmerzen, denn ich schätze ihn als Mensch und für das, was er geleistet hat. So eine Entscheidung tut immer weh.“ Abschließend richtete Hasenbein einen Appell an die anwesenden Mitglieder: „Vertraut den Menschen, die jetzt handeln, und denkt an den Gesamtverein.“

Andreas Bornemann verteidigt Vorgehen bei Schultz

Unerwartet kam auch, dass Sportchef Andreas Bornemann im Rahmen der Aussprache nach dem Bericht des Aufsichtsrats das Wort ergriff, da in den Wortbeiträgen auch immer wieder Kritik an seiner Person geübt worden war. Rund 15 Minuten lang legte er seine grundsätzliche Herangehensweise und sein Grundverständnis seines Jobs dar. „Dass ich in meiner Zeit hier zwei Trainer verabschieden musste, gefällt mir überhaupt nicht“, sagte Bornemann, der noch einmal die schlechte sportliche Bilanz in diesem Jahr und die chronische Auswärtsschwäche, für die „wir keine Antworten gefunden“ haben, anführte. Die Tabelle spiegele nun mal die Ergebnisse wider.

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„Ich gehe nicht über Leichen“, sagte Bornemann vehement. „Mir wird die Attitüde angehängt, dass ich eiskalt links und rechts die Menschen wegräume.“ So etwas treffe ihn. „Es geht nicht darum, Timo zum Sündenbock zu stempeln.“ Der Sportchef verwies darauf, dass er in den Jahren zuvor nie Trainer beurlaubt habe und sogar selbst entlassen wurde, weil er einen Trainer nicht gefeuert hatte (in Nürnberg). „Ich finde es schade und bedauerlich, dass man ausgerechnet mir unterstellt, dass ich aus menschlichen und nicht sportlichen Erwägungen eine Empfehlung abgegeben habe.“ Nach dem Ende des Statements gab es viel und lange Applaus.

FC St. Pauli: Tarifverträge heißes Diskussionsthema

Massive Kritik mit sehr vielen Wortbeiträgen der Mitglieder gab es an der Verzögerung der Einführung von Tarifverträgen für die 180 Festangestellten. Bei der MV 2021 hatte die Mitgliedschaft per Votum das Präsidium beauftragt, „zeitnah“ Tarifverhandlungen aufzunehmen. Die Präsidiumsmitglieder versicherten, an diesem Thema zu arbeiten, was viele Mitglieder nicht überzeugte. Bernd von Geldern, Geschäftsleiter Wirtschaft und als besonderer Vertreter im Präsidium, betonte: „Wir sind absolut daran interessiert, diese Lücke zu schließen, wir wollen kein schlechter Arbeitgeber sein. Bei uns wird weitgehend übertariflich bezahlt.“

Die anschließende Vorstellung der Kandidat:innen für die Aufsichtsratswahl verlief weitestgehend unspektakulär, wobei sich der erst kurzfristig zur Wahl zugelassene Maik Nöcker aufgrund seiner wirtschaftlichen Verbindungen zum Verein (Moderator bei St. Pauli-TV), die er im Falle einer Wahl abbrechen will, viele bohrende Fragen gefallen lassen musste.

Aufsichtsratswahl: Kandidat greift Göttlich und Bornemann frontal an

Frontal griff Aufsichtsratskandidat Joachim Weretka zum Ende seiner Vorstellungsrede Göttlich und Bornemann an: „Ich finde, es war ein Fehler, Schulle rauszuschmeißen. Oke und Andreas, ihr habt die Sache nur noch schlimmer gemacht“, sagte der Kommunikationsberater. „Ihr habt ihn nicht nur rausgeschmissen, ihr habt ihn auch demontiert. Darüber wundert sich ganz Fußball-Deutschland.“

Den Sprung in den Aufsichtsrat schaffte Weretka nicht. Die meisten Stimmen erhielt Kathrin Deumelandt (612) vor Inga Schlegl (525), Sandra Schwedler (519), René Born (335), Anna-Maria Hass (322), Philippe Niebuhr (289) und Sönke Goldbeck (280). Neben Schwedler gehörten auch Niebuhr und Goldbeck dem alten Rat an und wurden wiedergewählt. Dadurch, dass alle vier weiblichen Bewerber in den Rat gewählt wurden, ist die Frauen-Quote übererfüllt.

Aufsichtsrat: vier Frauen im neuen Gremium, Trio wiedergewählt

„Das ist ein sensationelles Ergebnis, nicht, weil es Frauen sind, sondern eine inhaltlich starke Aufstellung“, freute sich Göttlich.

Relativ knapp verpasste Georg Margaretha (260) einen Platz im Gremium. Auf den Plätzen folgten Weretka (129), Ali Sabetian (95), Maik Nöcker (74), Christian Anger (41) und Christoph Schleuter (30). Sabetian unterlief bei seiner Vorstellung ein Patzer als er von „Pauli“ sprach und das Sankt unterschlug, was für Gemurmel und Gemurre im Saal sorgte.

In den Ehrenrat wurden Heiko Schlesselmann (560), Suzann Edding (505), Nadia Mekhchoun (504), Manfred Heinzinger (440) und Minke Tiedemann-Borsutzky (339) gewählt.

Mit überwältigender Mehrheit der Mitglieder wurden sowohl das aktuelle Präsidium entlastet als auch der Antrag auf Satzungsänderung angenommen, künftig die Mitgliedschaft im Verein online beantragen zu können.

Antrag zur Regenbogen-Binde sorgt für hitzige Wortbeiträge

Der Antrag, dass die Kapitänsbinde bei der Profimannschaft künftig nicht mehr in Regenbogen-Farben getragen werden darf, sondern nur noch in den braun-weißen Vereinsfarben, wurde nach hitzigen Wortgefechten und Zwischenrufen während der verbalen Begründung des Antragstellers klar abgeschmettert. Nur der Antragsteller selbst stimmte dafür.

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Schon vor der Abstimmung über den Antrag des Fanklubs Braun-Weiße Kaffeetrinker, den Bestand des einzigen alkoholfreien Getränkestandes im Millerntorstadions, das sogenannte „Trockendock I“, zu sichern und künftig einen weiteren solchen Stand am Familienblock einzurichten, sagte Bernd von Geldern dies direkt für die Saison 2023/24 zu. Zudem werde es ein Suchtpräventionskonzept geben. Der Antrag wurde ohne Gegenstimme angenommen.

FC St. Pauli erwirtschaftet Gewinn – 50,3 Millionen Umsatz

Im Rahmen der MV hat der Verein zudem mitgeteilt, dass das Geschäftsjahr 2021/22 mit einem positiven Ergebnis abgeschlossen wurde. Der FC St. Pauli erwirtschaftete einen Konzernjahresüberschuss von rund 360.000 Euro. Im vorherigen Geschäftsjahr hatte es noch corona-bedingt einen Verlust von 5,8 Millionen Euro gegeben. Der Umsatz lag bei 50,3 Millionen Euro und das Eigenkapital konnte auf 8,1 Millionen Euro gesteigert werden (Vorjahr: 7,8). Laut Konzernbericht lagen die Personalkosten für die Profimannschaft bei 14,4 Millionen Euro.

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