Ein Arzt impft eine Person
  • Der „Piks“ kann einem viele Freiheiten zurückbringen. In anderen Ländern gibt es sogar noch größere Impfanreize als in Deutschland.
  • Foto: (c) dpa

Vorbild für Deutschland? So gehen andere Länder mit ihren Impfmuffeln um

Seit einigen Wochen stagniert das Impftempo in Deutschland – dennoch lehnen die verantwortlichen Politiker eine Impfpflicht ab. In einigen anderen Ländern sieht das anders aus: Hier ist eine Impfung Voraussetzung für die Arbeit in bestimmten Berufen sowie für Freizeitaktivitäten. Solche Regelungen gelten auch in beliebten Urlaubsländern.

48,5 Prozent der deutschen Gesamtbevölkerung waren laut dem Impfdashboard des Bundesgesundheitsministeriums am Donnerstag (22. Juli) vollständig gegen Corona geimpft. Doch die Kampagne stagniert: Während am 9. Juni 1.416.160 Impfdosen verabreicht wurden, waren es am 22. Juli nur noch 565.235.

Keine Impfpflicht – aber mehr Freiheiten für „Gepikste“

Trotz des stagnierenden Tempos und gleichzeitig steigenden Infektionszahlen lehnt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) eine Impfpflicht in Deutschland ab. „Wir haben nicht die Absicht, diesen Weg zu gehen (…)“, erklärte sie noch vor einer Woche. „Wir haben gesagt, es wird keine Impflicht geben.“

Anreize für den Piks gibt es dennoch: „Der erste Ansatz, den wir dringend brauchen, ist mehr Freiheiten für Geimpfte“, erklärte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU). Dazu gehöre beispielsweise der Wegfall von Quarantänevorschriften für zweifach Geimpfte und „ab Herbst auf jeden Fall die Öffnung von Clubs und Nachtgastronomie“.

Griechenland: Impfpflicht und hohe Strafen bei Verstößen

Andere Länder greifen zu deutlich größeren Anreizen – und schrecken auch vor Sanktionen für Ungeimpfte nicht zurück.

In Griechenland zum Beispiel gilt für Beschäftigte des Pflege- und Gesundheitssektors seit der vergangenen Woche eine Impfpflicht. Wer sich nicht daran hält, kann ohne Bezahlung freigestellt werden. Und auch den Betrieben drohen bei Zuwiderhandlung hohe Strafen: So können Altenheime, Kliniken und andere Gesundheitsbetriebe mit Bußgeldern zwischen 50.000 und 200.000 Euro belegt werden, wenn ihr Personal nicht geimpft ist. Zudem dürfen Arbeitgeber in der freien Wirtschaft ihre Angestellten entlassen, wenn sie sich nicht impfen lassen wollen.

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Auch vor dem Freizeitbereich machen die strengeren Regeln nicht Halt. In Innenräumen von Kinos, Theaterhäusern und gastronomischen Einrichtungen dürfen künftig nur noch Geimpfte Platz nehmen. Zudem gilt bis mindestens Ende August landesweit ein Tanzverbot. Impfwilligen 18 – 25-jährigen Griechen winken 150 Euro Guthaben, die sie auf ihr Konto bekommen und zum Beispiel für Kino- und Theaterbesuche ausgeben können.

In Frankreich wird das Leben für Ungeimpfte schwerer

In Frankreich soll ab September eine Impfpflicht für Gesundheitspersonal gelten. Das verkündete Präsident Emmanuel Macron in der vergangenen Woche. Die Ankündigung sorgte dafür, dass in Teilen des sonst recht impfskeptischen Landes die Impftermine über Wochen ausgebucht sind.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron kündigte eine Impfpflicht an.

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Weitere Maßnahmen sollen den Ungeimpften das Leben erschweren: So soll für Veranstaltungen mit mehr als 50 Teilnehmern ein sogenannter „Gesundheitspass“ Voraussetzung werden, ein Nachweis über ein negatives Testergebnis oder eine vollständige Impfung. Gleiches gilt für Fernzüge, Flugreisen und Restaurants. Ab September werden Schnelltests zudem kostenpflichtig für die Franzosen.

England stimmt für Impfpflicht in Pflegeheimen

Das britische Parlament stimmte einer Impfpflicht für Pfleger in Heimen ebenfalls in der vergangenen Woche zu. Sie soll ab Oktober gelten. Wer sich nicht daran hält, dem kann von der Heimleitung eine alternative Stelle angeboten werden – Es gebe allerdings nur wenige Jobs in der Branche, die ohne Impfung möglich sind, warnte Staatssekretärin Helen Whately.

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Die Corona-Krise hatte in Großbritannien vor allem zu Beginn die Pflege- und Altenheime getroffen. Dort starben in den ersten Monaten der Pandemie fast 30.000 Bewohner mehr als im Vorjahreszeitraum. Die nun beschlossene Impfpflicht gilt zunächst jedoch nur im Landesteil England. Schottland, Wales und Nordirland haben noch keine Pläne in diese Richtung.

Auf der beliebten Urlaubsinsel Zypern gilt die Impfpflicht nicht nur für Mitarbeiter im Pflege- und Gesundheitssektor. Hier ist auch für einen Restaurantbesuch oder Behördengang der Nachweis über eine vollständige Impfung oder einen negativen Schnelltest nötig. Diese Tests müssen von den Bürgern und Touristen selbst bezahlt werden.

USA: Masken-, Test- und Abstandspflicht ade

In den Vereinigten Staaten, in denen fast 49 Prozent der Bevölkerung bereits vollständig immunisiert sind, gab es schon im März Lockerungen für Geimpfte. Für sie fielen die Masken- und Abstandsregeln weg sowie die Personenbegrenzung für private Treffen. Auch die Quarantäne- und Testpflicht für Inlandsreisen sowie nach dem Kontakt mit einer infizierten Person wurden für Geimpfte hinfällig.

Und noch einen Vorteil genießen geimpfte US-Amerikaner: Für sie öffnet das Nachbarland Kanada am 9. August seine Tore. Geimpfte Personen aus anderen Ländern dürfen dann ab dem 7. September wieder einreisen.

WHO-Europachef: „WHO könnte Impfpflicht empfehlen“

In allen Ländern gab es bereits Proteste gegen die beschlossenen Impfpflichten. In Athen und anderen Städten Griechenlands kam es in den vergangenen Tagen zu Demonstrationen von Impfgegnern. Sie warfen der Regierung vor, dass eine Impfpflicht nicht verfassungskonform sei. Unter den Demonstranten waren auch zahlreiche Rechtsextremisten und religiöse Eiferer. In einigen Fällen kam es zu Ausschreitungen. Die Polizei setzte Tränengas und Wasserwerfer ein, um radikale Impfgegner auseinander zu treiben.

Demonstranten halten ein Transparent, auf dem auf Griechisch steht: „Wir fordern die Regierung auf, die Maßnahmen zurückzunehmen“, während eines Protests gegen die Corona-Maßnahmen der Regierung vor dem Präsidentenpalast.
In Zypern demonstrierten die Menschen gegen die Impfpflicht.

Auch in Frankreich demonstrierten am Nationalfeiertag landesweit knapp 20.000 Menschen gegen die neuen Auflagen. In Zypern eskalierte eine Demonstration gegen Corona-Maßnahmen und -Impfungen: Vor dem Medienhaus des Fernsehsenders Sigma wurden Autos der Mitarbeiter des Senders angezündet, es flogen Steine und Brandsätze, mindestens zwölf Polizisten wurden verletzt, zwei von ihnen schwer, wie zyprische Medien am Montag berichteten.

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Ebenso wie die Bundesregierung steht der Europachef der Weltgesundheitsorganisation, Hans Kluge, einer Impfpflicht noch skeptisch gegenüber. „Wir können aber an einen Punkt gelangen, an dem die WHO eine Impfpflicht empfehlen wird“, erklärte er angesichts des stagnierenden Impftempos.  

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