Menschen am Flughafen von Kabul
  • Auch am Dienstag versammelten sich hunderte Menschen am Flughafen Kabul.
  • Foto: (c) dpa

Drama um Luftbrücke: Taliban lassen nur Ausländer zum Flughafen

Chaos, Schüsse, verzweifelte Menschen auf den Rollbahnen: Unter schwierigsten Bedingungen hat die eilig gestartete Evakuierungsaktion der Bundeswehr in der afghanischen Hauptstadt Kabul begonnen. Nachdem die erste Maschine den Flughafen in der Nacht zu Dienstag mit nur sieben Passagieren an Bord wieder verließ, beruhigte sich die Lage im Verlauf des Tages. Eine zweite Maschine landete am Dienstagmittag und flog mit 125 Menschen zurück nach Taschkent in Usbekistan. Nach Berichten gewähren die Taliban inzwischen nur noch Ausländern den rettenden Zugang zum Flughafen.

„Mit 125 Evakuierten ist der A400M von Kabul wieder auf dem Weg nach Taschkent/Usbekistan“, schrieb das Verteidigungsministerium am Dienstagnachmittag auf Twitter. „An Bord sind deutsche Staatsbürger und afghanische Ortskräfte sowie weitere zu Schützende.“ Die Lage in Kabul sei weiterhin „extrem unübersichtlich“. Außenminister Heiko Maas (SPD) twitterte: „Die Luftbrücke ist angelaufen und wird intensiv fortgesetzt, sofern die Sicherheitslage dies irgendwie zulässt.“ Zwei Bundeswehrmaschinen sollen zwischen Taschkent und Kabul pendeln.

Noch am Dienstag sollten zwei weitere Evakuierungsflüge aus Kabul starten, so Heiko Maas. Deutsche Staatsangehörige würden auf dem Weg zum Flughafen von den Taliban durchgelassen, daher habe die Botschaft sie aufgefordert, sich zum Flughafen zu begeben. Auch Ortskräfte befänden sich bereits am Flughafen. Man sei dabei, zusammen mit den USA und anderen Partnern zu organisieren, dass weitere Ortskräfte ebenfalls dorthin kommen könnten, sagte Maas: „Für die ist die Lage deutlich gefährlicher, weil es die Zusage, an den entsprechenden Kontrollpunkten der Taliban durchgelassen zu werden, nicht gibt.“

Menschen vor Stacheldraht
Afghanen vor dem internationalen Flughafen Kabul.

Wenige Stunden zuvor war das erste Flugzeug der Bundeswehr, das 80 Fallschirmjäger der Division Schnelle Kräfte nach Kabul gebracht hatte, nahezu leer zurück nach Taschkent geflogen, wo ein Drehkreuz für Charterflüge nach Deutschland installiert wird. Nur fünf Deutsche, ein Niederländer so wie eine afghanische Ortskraft hatten es in der Nacht zu Dienstag an Bord geschafft, dabei könnte die A400M bis zu 150 Menschen mitnehmen. Eine Transportmaschine der US-Streitkräfte war gar mit 640 Menschen abgehoben – Fotos zeigen die Passagiere dicht gedrängt im Laderaum.

Evakuierungen aus Kabul gestartet

Dass der erste deutsche Rettungsflug nur so wenige Menschen mitnahm, sorgte für jede Menge Kritik. Ein Sprecher des Auswärtigen Amts verteidigte die Entscheidung: „Aufgrund der chaotischen Umstände am Flughafen und Schusswechsel am Zugangspunkt war nicht gewährleistet, dass weitere deutsche Staatsangehörige und andere zu evakuierende Personen ohne Schutz der Bundeswehr überhaupt Zugang zum Flughafen erhalten würden.“

Die Taliban hatten den Flughafen in der Nacht abgeriegelt, die Maschine musste nach 40 Minuten wieder starten. „Husarenstück“ nannte Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) die nächtliche Landung auf einer unbeleuchteten Rollbahn, auf der sich noch Menschen befanden. Zuvor war der Transportflieger fünf Stunden lang über dem Flughafen Kabul gekreist, bis der Tank nahezu leer war.

Deutsche aus Kabul evakuiert

Afghanen, die die Bundeswehr unterstützt haben, sind nach der Machtübernahme der religiösen Fanatiker in Todesgefahr – und können trotz der Beteuerungen der Regierung auf wenig Hilfe durch die Deutschen hoffen. Bundeswehrhauptmann Markus Grotian vom „Patenschaftsnetzwerk Afghanische Ortskräfte“ schilderte im ZDF-Interview sichtlich erschüttert, dass die deutschen Soldaten nichts mehr für ihre afghanischen Mitarbeiter tun können. Verstecke in sogenannten „Safe Houses“ mussten aufgelöst werden, als die Taliban von Tür zu Tür gingen.

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Die Ortskräfte und ihre Familien sollten sich unter die Bevölkerung mischen, in der Hoffnung, von den neuen Machthabern nicht entdeckt zu werden. Dass diese Menschen es durch die Taliban-Absperrungen überhaupt in die Nähe des Flughafens, geschweige denn in eine rettende deutsche Militärmaschine schaffen, ist unwahrscheinlich: „Wir lassen 80 Prozent der Ortskräfte und ihrer Familien in die Hände der Taliban fallen“, so das bittere Fazit des Hauptmanns. Er verweist auf die Untätigkeit der deutschen Politik: „Wir haben es erwartet und auf die Probleme hingewiesen, es wollte keiner hören.“

Die Darstellung der Bundeskanzlerin klingt anders. Demnach habe die Bundesregierung bereits vor Monaten 4500 Ortskräfte, Menschenrechtler und Anwälte identifiziert, die mit ihren Angehörigen ausgeflogen werden sollen, insgesamt rund 10.000 Menschen. Das habe die Kanzlerin bei einer Sitzung des CDU-Vorstandes gesagt, wie die „Zeit“ berichtet. Unabhängig davon hat Hamburg sich gegenüber dem Bundesamt für Migration zur sofortigen Aufnahme von 200 Personen aus Afghanistan bereit erklärt.

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Wie lange der Flughafen offen gehalten werden kann? Das wurde Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg am Dienstag auf einer emotionalen Pressekonferenz in Brüssel gefragt. Seine Antwort: Darüber wolle er nicht spekulieren.

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