Thomas Mertens
  • Thomas Mertens, Chef der Ständigen Impfkommission wusste schon im Sommer, was dem Land im Winter blüht.
  • Foto: picture alliance/dpa | Michael Kappeler

Corona-Versagen: Der Systemcrash

52.826 Neuinfektionen an einem Tag. Die Corona-Negativ-Rekorde purzeln momentan nur so, die Impfquoten sind nach wie vor zu niedrig. Fast wirkt es so, als sei das Krisenmanagement in Deutschland endgültig gecrasht. Dafür tragen viele die Verantwortung. Festmachen lässt sie sich aber vor allem an zwei Männern.

Besonders in der Kritik steht der (ehrenamtliche) Chef der Ständigen Impfkommission (Stiko), Thomas Mertens (71). Der Virologe aus Freiburg muss sich schon länger den Vorwurf anhören, das Impfen mehr zu behindern als es zu beschleunigen. Die Impfung für 5- bis 11-Jährige wird in den USA längst offiziell empfohlen, in Israel praktiziert. Von der Stiko bisher dazu kein Wort.

Mertens Booster-Ankündigung im Plauderton

Ähnlich war es bisher bei der Drittimpfung: Während andere Länder bereits alle Altersgruppen boostern, hielt die Stiko stur an ihrer Empfehlung fest, dies nur in der Gruppe Ü70 zu tun und mindestens sechs Monate Abstand zur zweiten zu halten. Auch letzteres gilt anderswo nicht.

Ausgerechnet bei „Markus Lanz“ ließ Mertens Dienstagnacht im Plauderton in einem Nebensatz fallen, dass die Stiko nun doch Booster für alle ab 18 empfehlen wird. So ganz scheint sich Mertens der Bedeutung seiner Worte gar nicht bewusst zu sein – praktisch alle Ärzte des Landes orientieren sich – egal was Politiker sagen – an den Empfehlungen der Stiko. Am Donnerstagvormittag sprach die Stiko schließlich die Booster-Empfehlung für alle Erwachsenen aus.


Der Newswecker der MOPO

Starten Sie bestens informiert in Ihren Tag: Der MOPO-Newswecker liefert Ihnen jeden Morgen um 7 Uhr die wichtigsten Meldungen des Tages aus Hamburg und dem Norden, vom HSV und dem FC St. Pauli direkt per Mail. Hier klicken und kostenlos abonnieren.


Der Stiko war bekannt, was passieren würde

Besonders schlimm: Mertens hat bereits im Juni gewusst, welch dramatische Lage im Winter auf das Land zukommen wird. Modellrechnungen haben dies gezeigt. Er habe zwar gelegentlich mit Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) telefoniert, aber: „Aus heutiger Sicht habe ich vielleicht zu wenig gesagt.“ So drastisch wie er es heute formulieren würde, habe er Spahn nicht aufgeklärt. Er sei aber davon ausgegangen, dass Spahn die Daten kennen würde. Diese seien schließlich kein Geheimnis gewesen.

Aber ob Spahn auch bei drastischeren Warnungen überhaupt reagiert hätte? Immerhin war damals Wahlkampf und die Inzidenzen vergleichsweise niedrig. Wer kündigt da schon gerne drastische Corona-Einschränkungen an?

Spahn und Braun haben Hausaufgaben nicht gemacht

Stattdessen setzte sich Spahn dann Anfang Oktober für ein Ende der „epidemischen Lage von nationaler Tragweite“ ein. Ein Gesetz, das frühzeitig einen neuen Rahmen für die Pandemie-Bekämpfung setzt, hat das Gesundheitsministerium aber nicht vorbereitet, klagt die werdende Ampel-Koalition nun. Auch deshalb verabschiedet der Bundestag erst heute das neue Infektionsschutzgesetz.

Das könnte Sie auch interessieren: „Mitten in einer solchen Notlage“: Angela Merkel findet deutliche Worte

Komplettiert wird der Crash im Krisenmanagement dann vom geschäftsführenden Kanzleramtschef Helge Braun (CDU). Der erklärte kürzlich: „Wir müssen bis Weihnachten erreichen, dass über 20 Millionen Auffrisch-Impfungen erfolgen können. Dafür sind wir noch nicht gerüstet.“ Verantwortlicher Koordinator der Bundesregierung für Impfen ist – richtig: der Chef des Bundeskanzleramts.

Email
Share on facebook
Share on twitter
Share on whatsapp