Christine Meinlschmidt
  • Christine Meinlschmidt (47) ist die neue Leiterin der Obdachlosen-Tagesstätte Alimaus.
  • Foto: Florian Quandt

Nach viel Streit: Die Alimaus hat eine neue Chefin

Der Job ist nicht ganz einfach: Seit fast einem Jahr herrscht Unruhe in der Obdachlosen-Tagesstätte Alimaus am Nobitstor (St. Pauli), Leitungen kamen und gingen. Im Sommer hat Christine Meinlschmidt (47) das Ruder übernommen und traut sich zu, das schlingernde Schiff wieder auf Kurs zu bringen. Die MOPO sprach mit der neuen Chefin über ihre Pläne, einen kleinen Camper und die Kraft des Tischgebets.

Im Dezember 2020 hatte der Ärger begonnen, als der Vertrag der beliebten Alimaus-Leiterin Christiane Hartkopf nicht verlängert wurde. Die konfessionslose Hartkopf sei dem katholischen Trägerverein nicht fromm genug, argwöhnten viele Ehrenamtler und verließen die Alimaus aus Protest. Eine Ordensschwester, die die Tagesstätte für ein Jahr führen sollte, warf nach wenigen Monaten hin, kurzfristig übernahm Vereinschef Kuno Kuhn kommissarisch die Leitung. Im August 2021 die nächste Überraschung: Priester Kuhn verließ nicht nur die Alimaus, sondern gleich den Verein.

Neue Chefin für Obdachlosen-Tagesstätte Alimaus

Wie will die neue Chefin nun Ruhe in diese aufgeschreckte Truppe bringen? Christine Meinlschmidt, zierlich, blond und von einem unerschütterlichen Optimismus, setzt auf einen klaren Schnitt: „Diese Aufregung ist Vergangenheit. Ich kann nur sagen: Wir starten jetzt neu und machen das, wofür wir alle hier sind: Menschen eine Mahlzeit, ein warmes Plätzchen und Frieden bieten. Und das geht nur, wenn wir auch Frieden halten.“

Die neue Alimaus-Chefin, schon seit Jahren ehrenamtlich in der Obdachlosenhilfe tätig, ist studierte Gerontologin und hat rund 20 Jahre lang Einrichtungen in christlicher Trägerschaft geleitet. Teambildende Maßnahmen, gesundes Arbeiten – das sind ihre Themen: „Als erstes habe ich gesagt: Wir machen alle zusammen Pause. Es ist auch mein Job zu gucken, dass die Leute sich nicht überfordern. Wenn nicht genug Mitarbeitende da sind, um 150 Brötchen zu schmieren, dann schafft man halt nur 100, dafür kommen sie am nächsten Tag fröhlich zur Arbeit.“

Innenansicht Alimaus
In der Obdachloseneinrichtung Alimaus sind viele Ehrenamtler engagiert, an der Wand hängt eine Christusfigur.

Derzeit gibt es Corona bedingt frisch gekochtes Essen nur zum Mitnehmen, zwischen 70 und 150 Portionen täglich. Aber ab dem 1. November werden wieder gemeinsame Mahlzeiten angeboten, die seit jeher das Herz der Alimaus sind. „Dass die Menschen Würde erfahren, gesehen werden und Gespräche auf Augenhöhe führen“, sagt Meinlschmidt, „das ist das Wichtigste.“

Geplant ist der 2G-Betrieb für 50 Personen, mit Einlasskontrolle und Kontaktnachverfolgung: „Das ist etwas komplizierter bei uns, weil viele der Gäste kein Smartphone haben. Aber alle haben eine Postadresse, viele sogar bei uns.“ Die meisten Obdachlosen sind inzwischen geimpft, ein weiterer Impftermin soll am 14. Oktober in der Tagesstätte angeboten werden.

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Der christliche Hintergrund der Alimaus, der sei ihr wichtig, sagt Christine Meinlschmidt, die in Delmenhorst geboren und aufgewachsen ist: „Ich bin keine Kirchengängerin, aber ein gläubiger Mensch.“ Im Essensraum der Alimaus hängt eine große Christusfigur am Kreuz, in den Anfangsjahren kümmerten sich katholische Ordensschwestern um die Obdachlosen.

Alimaus: Tischgebete für Obdachlose

Wird es unter der neuen Leitung auch wieder Tischgebete geben? „Ja”, sagt Meinlschmidt. „Zuhause mache ich das nicht, aber hier ist das ein gemeinsames Ritual, das sehr, sehr vielen Obdachlosen wichtig ist. Auch dabei geht es um das Gesehen werden, und zwar nicht nur von den Menschen.“ Niemand muss mitbeten: „Aber schön wäre es schon, seine Mütze abzunehmen.“

Viele Menschen, die auf der Straße leben, seien gläubig, sagt die Alimaus-Leiterin: „Der Satz ,Ich kann nicht tiefer fallen, als in Gottes Hand‘, ist auch mir ein Trost.“ Als besonders berührend sei ihr eine Situation im Gedächtnis geblieben: „Als ich hörte, wie ein Obdachloser sagte ,Ich schließe dich heute Abend in mein Gebet ein‘, das ist doch mal ein Statement.“

Christine Meinlschmidt
Christine Meinlschmidt will den christlichen Hintergrund der Alimaus betonen, auch mit Tischgebeten.

Und wenn es doch mal Ärger gibt? Die Klientel kann schwierig sein, es gibt Drogensucht und massive psychische Probleme. „Das habe ich schon erlebt, aber da kann ich mich schon durchsetzen“, sagt Meinlschmidt. Zur Not muss die Polizei kommen, es gibt aber auch Unterstützung von anderer Seite: „Inzwischen kennen mich auch schon viele Gäste und sagen dann: ,Das ist die Leitung, sei mal nicht so frech zu der!‘“ Überstrenges Pochen auf Regeln ist aber nicht ihre Art: „Ich kann auch mal einen Schritt zurück gehen und sagen: ,Das machen wir heute ausnahmsweise einmal so, aber dann nicht wieder‘.“

Nach vielen Stationen in Deutschland ist Christine Meinlschmidt 2013 in Hamburg gelandet, „in Altona-Altstadt“, wie sie betont: „Das erste Mal, dass ich sage: ,Das ist mein Zuhause, hier bleibe ich’.“ Für Balance sorgen Freunde, der Ehemann, Yoga, Joggen – und der kleine Minicamper: „Mit dem fahre ich am Wochenende gerne weg.“ Möglichst ohne einen Blick in die Mails zu werfen – gesundes Arbeiten gilt auch für die Chefin.

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