Felicitas Gierse ist zertifizierte Radfahrlehrerin in Hamburg.
  • „Wer Roller fahren kann, kann auch radfahren“: Radfahrlehrerin Felicitas Gierse auf einem Schulungsroller
  • Foto: Hami Roshan

Angst vorm Fahrradfahren? Hier wird geholfen

„Radfahren verlernt man nicht“ ist ein oft gehörter Spruch. Das mag sein, doch was, wenn man es eben nie gelernt hat oder älter geworden ist und jahrelang nicht mehr auf einem Rad gesessen hat? Felicitas Gierse ist zertifizierte Radfahrlehrerin und Ergotherapeutin und bietet Kurse für Anfänger und „Wiederaufsteiger“ an. Wir besuchten sie auf dem Gelände des Jugendtreffs Jarrestadt.

MOPO: Wer kommt zu Ihnen?

Felicitas Gierse: Kinder, bei denen es aus verschiedenen Gründen nicht geklappt hat mit dem Radfahren lernen, auch Jugendliche. Eine große Gruppe sind geflüchtete Frauen und Männer und Migrant:innen von 20 bis 60 Jahren aus anderen Kulturkreisen. Und es kommen Menschen, die unsicher sind, nachdem sie lange nicht mehr aufs Rad gestiegen sind, die einmal gestürzt sind oder eine Knie- oder Hüftgelenks-OP hinter sich haben und denen Radfahren aus gesundheitlichen Gründen empfohlen wurde. Ich biete Kurse an fürs E-Bike- bzw. Pedelec-Fahren und „Wiederaufsteigerkurse“.

An wen richten sich die „Wiederaufsteigerkurse“?

An Menschen ab 60. Männer und Frauen, die einmal ganz gut Rad fahren konnten, sich aber mit zunehmendem Alter unsicher fühlen. Die lange mobil bleiben möchten, sich aber nach einer längeren Pause nicht so recht trauen, wieder aufs Rad zu steigen. Also Ältere, die gerne wieder aufsteigen möchten.

Wie viele Schüler sind in einer Gruppe und welche Fähigkeiten sollten die Teilnehmenden schon mitbringen?

In einer Gruppe sind sechs bis maximal acht Schüler. Und ich kläre immer vorab in einem Gespräch: Was können die Frauen und Männer schon? Was wollen sie erreichen? Wer früher geradelt ist, hat natürlich Vorteile.

Radfahrlehrerin Felicias Gierse
Kreise fahren: Das A und O beim Training

Wie geht es dann los? Kommen die Teilnehmer mit ihren eigenen Fahrrädern?

Nein, die Schulungsfahrzeuge – das sind neben den Fahrrädern auch Tretroller – werden gestellt. Ein Anfängerkurs dauert 20 Stunden und zunächst wird nur mit dem Tretroller geübt, der ist wichtig fürs Gleichgewichtstraining. Und die Fahrphysik von Roller und Rad ist dieselbe. Wer Roller fahren kann, kann auch Rad fahren.

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Und dann steigen Ihre Schüler aufs Fahrrad und es geht los? Was ist mit dem Verkehr?

Verkehrserziehung ist ein anderes wichtiges Thema. Wir bieten Radfahrkompetenz-Kurse an. Da geht es um drei Kernpunkte: Wie gut bin ich als Radfahrer:in, wie gut ist mein Rad und wie gut kenne ich die Regeln? Wenn es da kein Zusammenspiel gibt, ist man im Verkehr ständig gestresst.

Was sind die häufigsten Probleme Ihrer Schüler?

Erwachsene haben oft Angst. Vielleicht sind sie mal gestürzt oder trauen sich das Radfahren einfach nicht mehr zu. Meine Aufgabe ist es, ein bisschen Spaß ins Training reinzubringen. Mit Musik zum Beispiel kann man viel bewirken, die Schüler von ihrer Angst ablenken.

Der Verkehr kann einem aber auch Angst machen. Trainieren Sie bestimmte Situationen?

Wir arbeiten da viel mit Imagination. Der Schüler soll sich zum Beispiel vorstellen, aus einer Hauseinfahrt kommt plötzlich, ohne auf den Verkehr zu achten, ein Vater mit einem Kinderwagen. Wie reagierst du? Stell dir das vor, spiele die Situation ein paar Mal gedanklich durch und trainiere sie dann mit dem Fahrrad. Manche Leute empfinden ihren Radweg zur Arbeit als besonders unangenehm. Da fahre ich mit ihnen die Strecke ab und suche auch nach Ausweichstrecken.

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Haben Sie auch schon mal jemandem davon abgeraten, aufs Fahrrad zu steigen?

Jein. Manche brauchen einfach länger, manche haben eine Blockade, kommen an einem bestimmten Punkt nicht weiter. Da sage ich schon mal, dass es vielleicht sinnvoller wäre, es zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal zu versuchen. Es kommt auch vor, dass beispielsweise eine Frau zu uns kommt, weil ihr radfahrbegeisterter Mann das so möchte. Sie will aber gar nicht. Wen wundert’s, wenn sie es dann nicht lernt?

Gehen Männer und Frauen unterschiedlich an die Sache ran? Sind Männer vielleicht risikofreudiger?

Es kommen weniger Männer als Frauen. Ich glaube, manche Männer fahren lieber in den Wald, schürfen sich da die Knie auf, kommen zurück und sagen: „Ich konnte immer schon Rad fahren.“ Aber die Männer, die an den Kursen teilnehmen, sind sehr aufmerksam und motiviert.

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Sie bieten auch Ergonomieberatung an. Die Leute kommen also zu Ihnen und zeigen Ihnen ihr Fahrrad. Wonach sehen Sie?

Fast immer ist der Sattel zu hoch. Oft ist auch der Rahmen zu groß. Was vor einigen Jahren noch okay war, ist es inzwischen aufgrund körperlicher Veränderungen eben nicht mehr. Ich gucke: Wie passt der Körper zum Fahrrad und umgekehrt? Was kann man einstellen? Ist der Lenker in der richtigen Position? Und ist es überhaupt das richtige Fahrrad?

Gibt es das „richtige Fahrrad“ für ältere Menschen?

Nein. Größe und Gewicht des Fahrrades müssen stimmen! Das sind die entscheidenden Kriterien. Und dass wir uns auf unserem Rad wohlfühlen. Sonst macht es keinen Spaß.

Gibt es Schülerinnen oder Schüler, an die Sie besonders gerne zurückdenken?

Die gibt es immer wieder. Besonders gerne denke ich an den siebenjährigen Fußballfan, der voller Begeisterung mit dem Roller dem Fußball folgte, den ich vor ihm herkullern ließ. Und an eine 77-Jährige, die 25 Jahre nicht mehr Rad gefahren war. Ihr neuer Lebensgefährte ist aber begeisterter Pedelec-Fahrer. Sie hat bei mir Unterricht genommen und freut sich nun auf viele Radtouren mit ihrem Freund.

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