In Mecklenburg-Vorpommern ist die AfD erstarkt.
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Umfrage-Schock in MeckPomm: Darum kippt meine Heimat nach Rechts

Grüne Wiesen, viele Kühe und entspannte Kuchen-Nachmittage bei Oma und Opa: Damit verbinde ich meine Kindheit in Mecklenburg-Vorpommern. Jede Woche glich ein bisschen der davor und irgendwie hatte das etwas Schönes, Verlässliches. Auch konnte man sich darauf verlassen, dass die SPD das Bundesland regierte – das hat sich seit den 90ern nicht geändert. In der neusten Umfrage liegt jetzt plötzlich die AfD weit vorne. Das schöne Bild von meiner gemütlichen Heimat bekommt immer dickere Risse. Regieren hier bald die Rechten? Und warum ist die AfD für meine Familie, Freunde, Ex-Nachbarn eine ernsthafte Option?

Natürlich verfolge ich die Umfragetrends in den ostdeutschen Bundesländern aufmerksam. Und mit Sorge. Sachsen, wo ich früher oft mit meiner besten Freundin war: AfD 35 Prozent. Thüringen, wo ich mit meiner Familie Urlaub gemacht habe: AfD 32 Prozent. Brandenburg, wo mein Opa noch immer lebt: AfD 32 Prozent. Sachsen-Anhalt: AfD 29 Prozent. „Wir sind in Ostdeutschland führend und haben ein Potential von 35/45 Prozent“, sagt die AfD-Parteivorsitzende Alice Weidel.

MV: Menschen fühlen sich von der Politik im Stich gelassen

Aber irgendwie dachte ich immer, dass Mecklenburg-Vorpommern, wo ich die ersten 17 Jahre meines Lebens verbracht habe, das erspart bleibt. Mein MV, das ich oft als weltoffen und sozial erlebt habe. Ein Bundesland, das wegen der vielen Touristen, die ihr Geld in die Ostseeorte getragen haben, von den anderen oft als „heimlicher Wessi“ bezeichnet wird.

Alles nur Fassade? Laut einer aktuellen Umfrage im Auftrag des NDR liegt die AfD mit 32 Prozent weit vor allen anderen Parteien. Die SPD, die seit 1998 den Ministerpräsidenten stellt, landet mit 23 Prozent auf Platz zwei. Die Linke, aktuell an der Regierung beteiligt, kommt nur noch auf acht Prozent – ebenso wie die Grünen. Bundesregierungspartei FDP wäre mit drei Prozent nicht im Landtag. Die CDU (18 Prozent), über deren „Brandmauer“ die Republik streitet, käme gemeinsam mit der AfD auf eine Mehrheit – als Juniorpartner.

„Wir fühlen uns von der Politik im Stich gelassen“, sagt eine ehemalige Nachbarin, als ich sie auf den AfD-Erfolg anspreche. „Die Bundesregierung ist nur am Streiten und hat unsere Probleme gar nicht im Blick.“ 

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Problem Nummer eins, und das zeigen nicht nur meine Gespräche in der Heimat, sondern auch die Werte der Infratest–Umfrage, ist die Zuwanderung. „Die haben ein Flüchtlingsheim in ein Dorf gesetzt, das sich dadurch verdoppelt hat. Was glauben die, wie die Menschen da reagieren? Vor allem, wenn das Flüchtlingsthema in der großen Politik so gar keine Rolle zu spielen scheint. Da ist es kein Wunder, wenn die Menschen nach einer Alternative suchen“, sagt die Nachbarin.

Zuwanderung, Bildung, Energiepolitik: Die großen Probleme

Bei CDU und Linke würden sie die gerade nicht finden: „Von den Linken hört man, dass sie Hausaufgaben und Noten abschaffen wollen. Was für eine Schwachsinns-Idee“, sagt eine Freundin. „Währenddessen sitzen wir hier und fragen uns, wie wir das Heizen in Zukunft bezahlen sollen.“ 

Die Energiepolitik ist laut Umfrage die drittgrößte Sorge der Mecklenburger – gleich hinter der Bildung. Keine Überraschung: Viele hier leben in schlecht gedämmten Einfamilienhäusern auf dem Land, fragen sich, wie sie die Energiewende finanzieren sollen, während das Lohnniveau immer noch weit hinter dem der westlichen Bundesländer hinterher hängt.

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Das Resümee aus den Gesprächen mit meinen Verwandten und Freunden: Viele wählen die AfD, weil sie wirklich keine Alternative mehr sehen. Weil sie sich abgehängt fühlen gegenüber „dem Westen“. Weil sie die Schnauze voll haben. Und jetzt? Extremismus-Experte Peter Neumann ist überzeugt, dass der Siegeszug der AfD erst gestoppt wird, wenn sich die etablierten Parteien bei den wichtigen Themen zusammenraufen und „aufhören, politische Spielchen zu spielen, bei denen sie sich gegenseitig die Schuld geben“. Dazu gehöre „auch das Migrationsproblem, auch wenn das vielleicht eine unangenehme Botschaft für linke Parteien ist“, so Neumann zu Funke-Medien. Die Zuwanderung beunruhige viele Menschen – gleichzeitig haben sie das Gefühl, dass die etablierten Parteien das Thema totschweigen.

Ein Gefühl, das mir auch in meiner Heimat immer wieder begegnet.

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