Esther Bejarano
  • Esther Bejarano ist am Samstag im Alter von 96 Jahren in Hamburg gestorben.
  • Foto: (c) dpa

Hamburg schuldet Esther Bejarano mehr als eine Ehrenbürgerschaft

Pastor Ulrich Hentschel wirft den Regierenden in Hamburg vor, viel zu wenig auf die Auschwitz-Überlebende gehört zu haben, die am vergangenen Samstag im Alter von 96 Jahren gestorben ist. Sein Standpunkt in der MOPO:

Mit Mathias Petersen äußerte immerhin ein prominentes SPD-Mitglied öffentlich seine Scham, dass seine Partei nicht willens war, Esther Bejarano zur Hamburger Ehrenbürgerin zu machen. Welche Gründe mag es dafür geben? Kann es sein, dass Senat und Bürgerschaftsfraktionen diese unbeugsame Zeitzeugin weniger verehrten als jetzt in den zahlreichen Trauerbekundungen behauptet?

Esther Bejarano: Die „unerschütterliche Stimme“ gegen Rassismus und Antisemitismus

Denn Esther Bejarano war für viele Menschen bedeutsam nicht nur als Zeitzeugin für das ihr und Millionen anderer Menschen angetane Verbrechen. Sie begleitete und kritisierte auch die aktuelle Politik in Deutschland und in Hamburg. Sie hat sich nicht nur gegen die antisemitischen und faschistischen Aufwallungen (von der AfD bis zum NSU) engagiert, sondern hat auch die unzumutbaren Bagatellisierungen der Nazi-Herrschaft hierzulande durch die regierenden Parteien (ob CDU, SPD oder Grüne) angeprangert. Das eine zu preisen und das andere schweigend zu übergehen, halte ich für respektlos.

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Werter Herr Bürgermeister Tschentscher, werte Damen und Herren Katharina Fegebank, Carola Veit und Carsten Brosda, Sie vermissen die „unerschütterliche Stimme“ von Esther Bejarano? Hier ist sie:

Am 22. Februar 2021 protestiert Esther Bejarano mit dem Auschwitz-Komitee gegen die Planungen für den Dokumentationsort Hannoverscher Bahnhof: „Wir finden es unzumutbar, dass ein NS-Nachfolgekonzern seinen Konzernsitz nun direkt in dem Gebäude einnehmen will, in dem an die Opfer der Deportationen gedacht werden soll … Wir sagen Nein zur Vermietung an die Wintershall Dea GmbH und fordern die Aufhebung der Verträge. Haben wir den Mut und den Anstand und nehmen Rücksicht auf die Überlebenden, ihre Angehörigen und Freund*innen.“

Ulrich hentschel
Ulrich Hentschel (71) war bis 2010 Pastor an der St. Johannis-Kirche in Altona, arbeitete außerdem als Studienleiter für Erinnerungskultur an der Evangelischen Akademie der Nordkirche.

Schon am 20. Februar 2018 unterstützte sie einen offenen Brief an die Fraktionen der Bürgerschaft, der gegen die Einführung des Luther-Reformationsfeiertages am 31. Oktober als staatlichen Feiertag protestiert und als Alternative den 27. Januar vorschlug. Seit 2019 gibt es den breit unterstützten Appell von Esther Bejarano zur Einführung des 8. Mai als Tag der Befreiung.

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Am 2. Mai 2018 erhob Esther Bejarano ihre klare Stimme gegen die beschämende Reduzierung der Erinnerung durch den Hamburger Senat im ehemaligen Polizei- und Gestapo-Hauptquartier Stadthaus: „Wir aber, die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, Bund der Antifaschisten, deren Ehrenvorsitzende ich bin, und das Auschwitz-Komitee, denken an alle diejenigen, die genau wie wir sehr betroffen und unsagbar entsetzt sind, wie Hamburgs Regierenden anscheinend der Konsum wichtiger erscheint als ein ehrenvolles Gedenken.“

Esther Bejarano ist tot, aber ihre klare Stimme ist nicht verstummt

Esther Bejarano muss es jetzt nicht mehr miterleben, dass gleich zwei Abgesandte des Senats dieser Kommerzialisierung bei der Eröffnung des „Gartensommers“ in den Stadthöfen am Dienstag (13. Juli) ihre Aufwartung machen. In der Einladung wird nicht nur für das Hotel mit dem doppeldeutigen Namen „Tortue“ geworben, sondern auch für den „Lesesaal“, „in dem Sie entspannt während einer Tasse Kaffee zwischen Büchern aller Art stöbern können“. In diesem entspannenden Lesesaal ist auch die Info-Ecke untergebracht, in der mit Fotos und Dokumenten an die Torturen erinnert wird, der zahlreiche Frauen und Männer des Widerstandes unterworfen wurden.

Esther Bejarano ist tot, aber ihre klare Stimme ist nicht verstummt. Sie wird von all den Frauen und Männern weitergetragen, die gemeinsam mit ihr für ihre Forderungen eingetreten sind. Ohne Esther Bejarano wird es nicht einfacher. Aber wer erwartet schon, dass der Kampf gegen Vergessen und Verdrängen leicht werden würde?

Ob späte Ehrenbürgerschaft oder die Widmung einer Straße mit ihrem Namen – jede politische und staatliche Erinnerung an Esther Bejarano wird sich daran messen lassen müssen, ob und wie sie auf ihre uneingelösten Proteste und Forderungen eingeht. Sonst sollte man es lieber lassen.

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