Esther
  • Esther Bejarano, die das Akkordeon im Mädchenorchester von Auschwitz spielte, ist im Alter von 96 Jahren gestorben
  • Foto: Peter Bisping

Die Akkordeonspielerin von Auschwitz: Esther Bejarano mit 96 gestorben

Es schien so, als würde dieser Frau nie die Kraft ausgehen. Obwohl hochbetagt hat sie bis zuletzt lautstark Stellung bezogen gegen Rassismus, gegen die Gefahr von rechts. Noch bis vor wenigen Monaten ist sie sogar regelmäßig auf Tournee gewesen mit ihrer Rap-Band „Microphone Mafia“ und hat Musik gemacht – Musik gegen Intoleranz und gegen das Vergessen.

Aber auch Esther Bejaranos Kräfte waren endlich: Am Sonnabend früh um 4.40 Uhr ist sie im Israelitischen Krankenhaus ganz friedlich eingeschlafen. Freunde waren in den letzten Tagen immer bei ihr. Auch als es zu Ende ging, war sie nicht allein. 96 Jahre alt ist „Krümel“ geworden – so wurde sie in Anspielung auf ihre 1,47 Meter Körpergröße von Freunden genannt.

Hamburger Politiker würdigen Esther Bejarano

Esther Bejarano, die im Mädchenorchester von Auschwitz das Akkordeon spielte und wohl nur aufgrund dieser Funktion den Holocaust überlebte, hatte noch große Pläne: Seit längerem kämpfte sie darum, dass die Bundesrepublik das nachholt, was ihrer Meinung nach seit 70 Jahren überfällig ist: den 8. Mai, den Tag der Befreiung vom Faschismus, zum Feiertag zu erheben. Damit konnte sie sich nicht durchsetzen.

Esther
Esther Bejarano auf einer Aufnahme aus dem Jahr 1938

Der Tod Esther Bejaranos erschüttert viele Menschen in dieser Stadt. Wolfgang Kopitzsch, Ex-Polizeipräsident und Vorsitzender des Arbeitskreises ehemals verfolgter und inhaftierter Sozialdemokraten, sagt: „Esther war für uns immer ein leuchtendes Vorbild im Kampf gegen Rechts und mit ihrer so wundervollen Persönlichkeit viel mehr als eine stete Mahnung für Menschlichkeit und Solidarität. Ihre Warmherzigkeit, in enger Verbundenheit mit ihrem unermüdlichen Einsatz, bleibt unvergessen. Wir trauern und gedenken der lieben Verstorbenen in aufrichtiger und tiefer Anteilnahme!“

1924 kommt sie in Saarlouis zur Welt – ihr Vater ist Oberkantor in der jüdischen Gemeinde

Wer war Esther Bejarano? Sie wird am 15. Dezember 1924 als Esther Loewy in Saarlouis geboren. Ihr Vater Rudolf Loewy ist Oberkantor der Jüdischen Gemeinde in Saarbrücken, also im damals von Deutschland abgetrennten Saargebiet. Als das Saarland 1935 ins Deutsche Reich eingegliedert wird, ist Esther elf. Im Interview mit der MOPO erinnert sie sich vor kurzem: „Ich sehe noch, wie Hitler im offenen Wagen durch Saarbrücken fuhr. Alle haben gejubelt und den Hitler-Gruß gezeigt. Ich aber habe in der Menge gestanden und gedacht: Oh Gott, was soll jetzt werden? Wir hatten ja gehört, was im Rest des Landes mit den Juden geschah.“

Ihren Vater nennt Esther einen deutschen Patrioten. „Das mit den Nazis hat er nicht so ernst genommen. Er war sicher, Hitler werde nach drei, vier Monaten wieder weg sein vom Fenster. Das deutsche Volk werde es nicht zulassen, dass Hitler den Juden was tut. Meine Mutter war da viel realistischer: Sie hat immer wieder darauf gedrungen, dass wir das Land verlassen. In Deutschland gebe es für Juden keine Zukunft mehr.“

Rudolf Loewy wird während der Pogrome des 9. November 1938 verhaftet und schwer misshandelt. Als er empört die SA- und SS-Männer darauf hinweist, dass er im Ersten Weltkrieg vier Jahre fürs Vaterland gekämpft habe und sie so mit ihm nicht umgehen dürften, bekommt er zur Antwort, er solle das Maul halten. „Spätestens da wurde ihm klar“, so Esther Bejarano, „was für ein großer Fehler es war, nicht längst emigriert zu sein.“

Vater
Rudolf Loewy, der Vater von Esther. Eine Aufnahme aus dem Jahr 1941. Im Jahr darauf wird er ermordet

Schon 1937 sind Esthers ältere Geschwister aus Deutschland ausgewandert. Der Bruder in die USA, die Schwester nach Palästina. Nach seiner Entlassung aus der Nazi-Haft versucht der Vater alles, auch den Rest der Familie außer Landes zu bringen. „Viel Geld hatten wir nicht, eine Ausreise nach Übersee war daher unmöglich.“ Der Vater bewirbt sich bei einer jüdischen Gemeinde in der Schweiz – wird aber abgelehnt, und zwar wegen seiner nicht jüdischen Mutter. Nur „Volljuden“ kämen für diese Anstellung infrage, so die Begründung. Esther Bejarano wütend: „Auch das war Rassismus.“

Esther Bejaranos Eltern werden 1941 in Litauen ermordet

1941 werden Rudolf Loewy und seine Frau nach Kowno in Litauen deportiert. Dass die Nazis sie dort sofort nach Ankunft ermorden, erfährt Esther erst nach dem Krieg. „Wenn ich daran denke, dass sie sich in einem Wald nackt ausziehen, sich mit anderen Opfern in einer Reihe aufstellen mussten und dann einfach abgeknallt wurden und in eine Grube fielen, dann wird mir heute noch schlecht.“

Mutter
Die letzte Aufnahme der Mutter: Margarethe Loewy

Esther selbst befindet sich zu diesem Zeitpunkt in einem zionistischen Vorbereitungslager für die Auswanderung nach Palästina in der Nähe von Berlin. Das Lager wird 1941 von den Nazis geschlossen. Sie muss Zwangsarbeit leisten, bevor sie am 20. April 1943 – sie ist 18 Jahre alt – zusammen mit 1000 weiteren Juden aus Berlin deportiert wird. Der Elendszug kriecht drei Tage Richtung Osten. Erst in Auschwitz öffnen sich die Türen der Viehwaggons wieder. Überall stehen SS-Männer mit Maschinenpistolen, um die Juden in Empfang zu nehmen.  

Esther und die anderen müssen sich nackt ausziehen, die Haare werden kahlgeschoren. Ein Wachmann tätowiert ihr mit Nadel und blauer Tusche die Nummer 41.948 unter die Haut, dann wird sie zu Schwerstarbeit eingeteilt: Steine schleppen. Zu essen gibt es wässrige Suppe, in der fauliges Gemüse und Kartoffelschalen schwimmen. Die Rationen sind so bemessen, dass Häftlinge nach drei bis maximal sechs Monaten fast verhungert sind. Dann kommen sie ins Gas.

Sie spielt das Akkordeon im Mädchenorchester von Auschwitz

Es ist die Musik, die Esther Bejarano das Leben rettet: Die SS beauftragt eine ehemalige polnische Musiklehrerin damit, ein Lagerorchester aufzubauen, und Esther wird von der Orchesterleiterin gefragt, ob sie Akkordeon spielen kann. Das kann sie nicht, aber sie sagt ja – und bringt sich das unbekannte Instrument in Windeseile selbst bei. Dabei kommt ihr zugute, dass sie sehr musikalisch ist und schon seit Kindertagen Klavier spielt.

Morgens, wenn die Arbeitskolonnen rausmarschieren, und am Abend, wenn sie zurückkommen, steht das Orchester am Tor und macht Musik. „Besonders schlimm war, dass wir auch spielen mussten, wenn die Züge mit den neuen Häftlingen eintrafen“, so Esther. „Die Leute haben uns zugewinkt, haben wohl gedacht: Wo Musik gespielt wird, kann es so schlimm nicht sein. Es war furchtbar, denn wir wussten genau: Die gehen jetzt ins Gas und wir können nichts machen.“

Sie erkrankt an Typhus und wird ins Krankenlager für jüdische Gefangene gebracht. Weil Juden keine Medikamente erhalten, sind die Überlebenschancen gleich null. Doch dann ist es ausgerechnet einer der schlimmsten Schlächter, der sie rettet: der SS-Mann Otto Moll, der „Henker von Auschwitz“, Herr über Gaskammern und Krematorien, bekannt dafür, dass er mit vier Schäferhunden an der Leine durchs Lager geht und die Tiere immer mal wieder auf Gefangene hetzt, die dann einfach tot liegen bleiben.

Moll ist ein Musikfreund und hört oft dem Orchester zu. Eines Tages bemerkt er die Abwesenheit des Akkordeons, erfährt, dass Bejarano krank ist, und befiehlt der Pflegerin, die Patientin auf die Krankenstation für christliche Gefangene zu verlegen und ihr Medizin zu geben. Sollte die Akkordeonspielerin sterben, so Molls Drohung, werde er auch die Pflegerin töten. So überlebt Esther – und versteht bis heute nicht, wieso Moll das für sie tat, denn gesprochen hat sie mit ihm nie.

1943 wird Esther Bejarano ins Frauen-KZ Ravensbrück verlegt

Noch einmal hat Esther riesiges Glück: Und zwar im Herbst 1943, als auf Initiative des Internationalen Roten Kreuzes wenigstens solche Insassen Auschwitz verlassen dürfen, die in den Augen der Nazis „Mischlinge“ sind, also teilweise „arische“ Vorfahren haben. „So hat mir meine christliche Großmutter am Ende das Leben gerettet“, sagt Esther Bejarano und seufzt.

Esther
Esther Bejarano 1942

Sie wird mit 70 anderen Frauen ins KZ Ravensbrück verlegt, wo sie schwer arbeiten muss. „Erst schob ich Kohlenloren, später habe ich für die Firma Siemens in der Rüstungsproduktion gearbeitet. Wir haben Schalter für Unterseeboote montiert – und wann immer ich konnte, habe ich die Dinger falsch zusammengesetzt.“

Ende April 1945 nähert sich die Rote Armee dem KZ, und die SS schickt die Gefangenen auf Todesmärsche. „Es war unbeschreiblich. Wer hinfiel, wer nicht mehr laufen konnte, wurde erschossen und blieb liegen. Es ist ein Wunder, dass ich das überlebt habe.“ In einem Waldgebiet zwischen Karow und Plau am See gelingt Esther und sieben anderen Frauen die Flucht. „Wir sind gelaufen und gelaufen und gelaufen, bis wir keine Kraft mehr hatten. Wir haben dann einen Bauern gefragt, ob wir bei ihm übernachten können und ob er was zu essen für uns hat. Wir durften in der Scheune bleiben und er hat uns einen ganzen Eimer mit Kartoffeln hingestellt.“

Am 3. Mai 1945: „Der Krieg ist aus, Hitler kaputt!“

Am nächsten Tag, es ist der 3. Mai 1945, erlebt sie mit, wie in Lübz amerikanische und sowjetische Soldaten aufeinandertreffen, sich einander vor Freude in die Arme fallen. Ein Russe brüllt: „Der Krieg ist aus, Hitler kaputt!“ und schleppt ein großes Hitler-Porträt auf den Marktplatz. „Was war das für ein Fest! Ich habe auf dem Akkordeon amerikanische Songs gespielt, und die Russen, die Amerikaner und die Frauen aus dem KZ haben rund um das brennende Hitler-Bild getanzt und gelacht. Das war meine zweite Geburt.“

Was soll Esther Bejarano jetzt tun? Ihre Eltern sind tot, auch ihre Schwester Ruth haben die Nazis ermordet. Lebende Angehörige findet sie in Deutschland nicht mehr vor. Daher fällt sie den Entschluss, in Palästina, wo ihre Schwester Tosca mit ihrem Mann lebt, ganz neu anzufangen. Mit dem Dampfer „Mataroa“ erreicht sie am 15. September 1945 Haifa.

mit Ehemann
Esther Bejarano mit ihrem Ehemann Nissim 1950

Esther lebt in Palästina zunächst in einem Kibbuz, arbeitet später in einer Zigarettenfabrik und als Kinderpflegerin, bevor sie in Tel Aviv ein Gesangsstudium beginnt und sich zur Koloratur-Sopranistin ausbilden lässt. 1950 – inzwischen ist der Staat Israel gegründet – heiratet sie Nissim Bejarano, einen jungen Kommunisten, dessen Familie aus Bulgarien stammt und der als Lkw-Fahrer arbeitet. Tochter Edna kommt 1951, Sohn Joram 1952 zur Welt.

Das Ehepaar Bejarano sieht die Palästinenser-Politik Israels äußerst kritisch. Als Ehemann Nissim 1956 wegen des Sinaikrieges zur Armee eingezogen wird, fällt sein Entschluss, nie wieder eine Uniform anzuziehen. Esther Bejarano sagt: „Ich bin von den Nazis diskriminiert worden – und jetzt soll ich mitansehen, wie mein Volk ein anderes diskriminiert? Auf keinen Fall. Uns war klar: Wir mussten aus Israel weg.“

1960 kehrt Esther Bejarano nach Deutschland zurück

Und so kehrt Esther mitsamt Familie 1960 nach Deutschland zurück. „Freunde hatten uns erzählt, wie schön es in Hamburg ist und dass es da auch gar keine Nazis mehr gäbe. Für mich war nur wichtig, dass es eine Stadt ist, die ich noch nicht kenne. An einem Ort zu sein, an dem ich schon mit meinen Eltern gelebt hatte, das hätte ich nicht verkraftet.“

Esther
Esther Bejarano auf einem Foto aus dem Jahr 2020

Seit Ende des Zweiten Weltkriegs spricht Esther nicht mehr über die Nazis, auch nicht über Auschwitz und was sie dort erlebt hat. Sie will das Grauen verdrängen, vergessen. „Mein Mann wusste natürlich, dass ich dort Gefangene gewesen war – aber er stellte nie Fragen, und das war gut so“, sagt sie. Ihren Kindern hat sie alles verschwiegen. „Ich dachte, das zu wissen, würde sie nur belasten. Ich wollte, dass wir alle nach vorne blicken.“

Das ist Esther Bejaranos Einstellung bis zu einem Tag im Sommer 1978. Doch dann holt die Vergangenheit sie wieder ein. Sie steht gerade in ihrer Modeboutique „Sheherazade“ am Hellkamp in Eimsbüttel, als sie draußen Lärm hört, rausgeht und einen Infostand der NPD auf dem Gehweg sieht. „Die verteilten da ausländerfeindliche Flugblätter. Entsetzliche Propaganda.“

Der Schlüsselmoment 1976: „Ich konnte es nicht fassen –die Polizei schützte Nazis“

Linke Gegendemonstranten erscheinen, rufen: „Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg!“ Schließlich mischt sich die Polizei ein und greift mit Gummiknüppeln die linken Gegendemonstranten an. „Ich konnte es nicht fassen. Die Polizei schützte Nazis! Einen der Polizeibeamten habe ich mir dann geschnappt, ihn am Revers gepackt und ihn gefragt, wieso er das tut. ,Das sind doch diejenigen, die Deutschland schon mal ins Unglück gestürzt haben‘, habe ich gesagt. Der Beamte forderte mich auf, ihn loszulassen, sonst werde er mich festnehmen. Da habe ich geantwortet: ,Machen Sie doch! Ich habe Schlimmeres erlebt. Ich war in Auschwitz!'“

Als dann auch noch ein NPD-Mann hinzukommt und den Polizisten auffordert, die Boutiquen-Besitzerin einzusperren, weil ja bekannt sei, dass „alle Auschwitz-Gefangenen Verbrecher gewesen“ seien, da ist Esther Bejarano klar: „Es reicht! Ich bin dann zurück in meine Boutique und habe noch am selben Abend angefangen, mein erstes Buch über mein Leben im Holocaust zu schreiben.“

Microphone Mafia
Jahrelang machte Esther Bejarano gemeinsam mit der Kölner Rap-Band „Microphone Mafia“ Musik gegen Intoleranz

„Der 8. Mai ein Feiertag – überfällig seit sieben Jahrzehnten“

Aus einer schweigenden Frau wird jetzt eine, die den Mund aufmacht. Wenn nötig laut. Esther Bejarano wird Mitglied der Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes und gründet das Auschwitz-Komitee. Sie erzählt vor Schulklassen aus ihrem Leben, damit kommende Generationen erfahren, wohin Hass, Rassismus und Menschenverachtung führen. Sie kritisiert den Umgang mit Flüchtlingen und fordert ein härteres Durchgreifen gegen Rechtsextremismus. Sie tourt mit der Kölner Rap-Band „Microphone Mafia“ durchs Land und macht Musik gegen Intoleranz.  

2020 überreicht sie dem Bundestag eine Petition, die von mehr als 100.000 Menschen unterzeichnet ist und in der die Forderung erhoben wird, dass der 8. Mai ein Feiertag werden muss. Esther Bejarano damals zur Begründung: „Sonntagsreden gegen wieder erstarkenden Rechtsextremismus reichen nicht. Es muss gestritten werden für die neue Welt des Friedens und der Freiheit. Ein offizieller bundesweiter Feiertag wäre dafür die regelmäßige Verpflichtung.“

In einem Nachruf auf die verstorbene Ehrenpräsidentin schrieb gestern die Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes (VVN-BdA): „Nehmen wir ihre letzte öffentliche Botschaft als Vermächtnis und arbeiten wir weiter daran, dass der 8. Mai endlich auch in Deutschland ein Feiertag wird.“

Historischer Podcast: Der Tag, an dem Esther Bejarano nach Auschwitz kam

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