Lina C. (28) suchte vergeblich nach einem spanisch sprechenden Psychotherapeuten in Hamburg.
  • Lina C. (28) suchte vergeblich nach einem spanisch sprechenden Psychotherapeuten in Hamburg.
  • Foto: Patrick Sun

Kultursensibel: Linas langer Weg zum richtigen Psychotherapeuten

Den passenden Psychotherapeuten zu finden, kann ein langer Prozess sein. Für Menschen mit Migrationshintergrund ist der Weg oft noch länger. Denn zu den üblichen Schwierigkeiten können Sprachbarriere oder Kulturunterschiede kommen.

Lina C. ist frustriert. Die 28-Jährige schreibt ihre Bachelorarbeit, hat finanzielle Schwierigkeiten und ihre Beziehung ist vor Kurzem zu Ende gegangen. Außerdem macht sie sich um ihre Familie in Kolumbien sorgen. „Seit einigen Tagen habe ich das Gefühl, dass alles runterfährt“, erzählt sie am Telefon.

Die Kolumbianerin, die seit acht Jahren in Hamburg lebt, litt vor zwei Jahren unter Burnout. Sie ging zur psychologischen Beratung der Universität Hamburg und hatte Glück im Unglück: Sie fand dort eine Psychologin aus Lateinamerika. „Ich hatte das Gefühl, dass sie mich verstehen kann, weil sie ähnliche Erfahrungen wie ich gemacht hat.“ In einem Jahr hatte die Studentin sechs Beratungen. Dann war es vorbei. Seit ungefähr acht Monaten versucht sie nun schon, wieder einen passenden Psychotherapeuten zu finden. 

Hamburg: Gesucht wird kultursensibler Psychotherapeut

Für Lina C. soll ein Psychotherapeut, im Idealfall, einen Migrationshintergrund haben. „Wenn eine Person Migration nicht erlebt hat, kann sie es nicht so gut verstehen“, meint sie und fügt hinzu, dass „eine gewisse Sensibilität auf jeden Fall vorhanden sein“ müsse.

Allerdings haben laut einer Studie nur 13 Prozent der Hamburger Psychotherapeuten einen Migrationshintergrund. „Was ist die Alternative?“, fragt sich Mike Mösko, Psychotherapeut und Leiter der Arbeitsgruppe Psychosoziale Migrationsforschung am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Viele Therapeuten hätten Angst, dass sie Patienten mit Migrationshintergrund nicht verstehen oder gut behandeln können. Deswegen widmen sie sich dieser Gruppe eher nicht zu, erklärt Mösko.

Doch der Bedarf sei groß, sagt er. Laut einem Bericht des Statistischen Amtes für Hamburg und Schleswig-Holstein hatte im Jahr 2019 circa ein Drittel der Hamburger:innen Migrationshintergrund. Wenn man bedenkt, dass fast ein Drittel der Bundesbevölkerung an einer psychischen Störung leidet, „sind das viele Tausende Menschen, die pro Jahr behandlungsbedürftig sind und einer Zuwanderungsgeschichte haben“, erklärt der Psychotherapeut. 

Mike Mösko, Psychotherapeut und Leiter der Arbeitsgruppe Psychosoziale Migrationsforschung an der Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.
Mike Mösko, Psychotherapeut und Leiter der Arbeitsgruppe Psychosoziale Migrationsforschung an der Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.

Kultursensible Psychotherapie kann beim Integrationsprozess helfen

„Psychische Stabilität ist eine dringende und wichtige Voraussetzung für eine gelungene Integration“, erklärt Psychotherapeut Markus Volmer, Leitender Psychologe am medizinischen Versorgungszentrum für Psychotherapie, Psychiatrie und Psychosomatik Falkenried.

Für ihn ist der psychotherapeutische Raum „letztendlich ein gesellschaftlicher Raum“. Wenn der Patient nicht das Gefühl habe, dass gewisse kulturelle Aspekte akzeptiert werden, fühlt er oder sie sich in der Psychotherapie nicht wohl. Dazu kann eine Therapie in der eigenen Muttersprache dem Patienten oder der Patientin ein viel sichereres Gefühl geben.

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Das war auch ein wichtiger Faktor für Lina C. Sie suchte einen Therapeuten, der spanisch spricht. Ihre Geschichte nahm ein gutes Ende: Sie hat jetzt eine Therapeutin in Spanien gefunden, die Online-Beratungen anbietet. Die ist im Vergleich zu einer Therapie in Deutschland außerdem noch viel günstiger.

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