Cholera 1892
  • 1892 sterben während der Cholera in Hamburg rund 9000 Menschen. Die Leichen werden auf dem Ohlsdorfer Friedhof verscharrt.
  • Foto: Staatsarchiv Hamburg

Ausstellung am UKE zeigt: Querdenker gab es schon im Mittelalter

Wundern Sie sich nicht, dass Sie plötzlich jemanden husten und niesen hören, wenn Sie das Medizinhistorische Museum des UKE betreten. Keine Angst, hinter Ihnen ist keiner, der Sie anstecken könnte! Die Töne kommen aus einem Lautsprecher und sollen die Besucher einstimmen auf eine ganz besondere Ausstellung. Thema: Corona. „Wie bitte?“, werden Sie fragen, „die Pandemie ist noch gar nicht vorbei, und hat es schon ins Museum geschafft?“ Die Antwort: Ja, so ist es!

Professor Philipp Osten (51), Leiter des Medizinhistorischen Museums am UKE (l.) und der Ausstellungsmacher Henrik Eßler (38)
Professor Philipp Osten (51), Leiter des Medizinhistorischen Museums am UKE (l.) und der Ausstellungsmacher Henrik Eßler (38)

Die Schau, die ab Samstag besichtigt werden kann, ist sehenswert und spannend, denn sie stellt die aktuelle Pandemie in den Kontext der Seuchengeschichte. Wir erfahren: Alles das, was wir seit fast zwei Jahren mit Covid-19 erleben, hat es schon oft gegeben – und meist lief es deutlich schlimmer ab!

1713: Die Pest tötet jeden fünften Hamburger

1713: In Hamburg herrscht Ausnahmezustand. Die Pest geht um. Die Katastrophe kommt nicht überraschend, sie hat sich angekündigt: 1709 hat es Danzig erwischt, 1711 Kopenhagen. Von dort hat sich die Seuche Stück für Stück genähert: Bremen, Stade, Rellingen, Pinneberg.


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Zuerst ergreift Hamburg die einzig richtige Maßnahme: Das Millerntor, also die Verbindung zu Altona, wird geschlossen. Doch dann ist die Geldgier doch größer als die Angst vor Ansteckung: Im Interesse des Freihandels öffnet Hamburg das Tor wieder und verzichtet darauf, Händler und deren Waren unter Quarantäne zu stellen.

Wachs
Dieser Wachsabdruck zeigt die Beulen, die die Beulenpest verursachte.

So kommt es, wie es kommen muss: 11.000 Menschen sterben, ein Fünftel der Bevölkerung. Erst als die Stadt konsequent die Wohnungen der Pestkranken reinigt, und die Patienten für ihre verbrannte Habe entschädigt, ebbt die Seuche ab.

1892: Die Ursache der Cholera ist verseuchtes Trinkwasser

Dann das Jahr 1892. Es ist der 16. August, als der Erste an der Cholera stirbt: Ein Maurergeselle vom Alten Steinweg. Als nächstes trifft es einen schwedischen Zimmermann vom Dreimaster „Summerhill“, dann einen Zigarettenarbeiter aus St. Pauli. Von da geht es blitzschnell. Die Menschen sterben wie die Fliegen. 

In allergrößter Not wird Robert Koch zu Hilfe gerufen, der berühmte Direktor des Preußischen Instituts für Infektionskrankheiten. Der besichtigt die Gängeviertel, wo die Menschen auf engstem Raum, teilweise ohne Tageslicht, leben und wo es auf den Höfen verdreckte Klos gibt, die von Dutzenden benutzt werden. „Ich vergesse, dass ich mich in Europa befinde“, ruft Koch entsetzt.

Er hat schnell raus, woher der Erreger kommt: aus dem Trinkwasser. Aus Geiz haben Senat und Bürgerschaft seit Jahrzehnten längst notwendige Maßnahmen wie den Bau einer Filteranlage vor sich hergeschoben. Die Folge: Immer noch wird das Wasser ungereinigt aus der Elbe entnommen, also aus demselben Fluss, in den auch alle Abwässer geleitet werden. Die Bilanz des letzten großen Choleraausbruchs: Rund 9000 tote Hamburger.

1892: Cholera-Patienten im UKE.
1892: Cholera-Patienten im UKE.

1918: Die Spanische Grippe legt das Leben in der Stadt lahm

Schließlich das Jahr 1918. Unzählige Hamburger sind an der Spanischen Grippe erkrankt, die Zeitungen voll mit Todesanzeigen: „Verstarb nach kurzer schwerer Krankheit“, so heißt es regelmäßig. 45.000 Bedienstete der preußischen Eisenbahn sind arbeitsunfähig. Beim Fernsprechamt sind so viele erkrankt, dass die Bürger gebeten werden, das Telefon nur zu benutzen, wenn es wirklich nötig ist – damals stellt noch ein „Fräulein vom Amt“ die Verbindung her.

1918 in den USA: Während der Spanischen Grippe wurden dort auch damals schon Masken getragen.
1918 in den USA: Während der Spanischen Grippe wurden dort auch damals schon Masken getragen.

Hamburgs Behörden ergreifen Maßnahmen, die uns bekannt vorkommen: Schulferien werden verlängert, damit die Kinder sich nicht untereinander anstecken. Theater und Kinos sind geschlossen, die Krankenhäuser zum Bersten überfüllt. Sogar der gerade erst fertiggestellte und noch nicht in Betrieb genommene neue Sektionssaal am UKE wird als Notlazarett genutzt, um dort Grippe-Patienten zu behandeln. Heute ist dieser Raum Teil des Medizinhistorischen Museums. Und genau dort befindet sich die Pandemie-Ausstellung.

Es gibt viele Gemeinsamkeiten bei Spanischer Grippe und Covid-19: Beide werden von Aerosolen übertragen. Beide kommen in Wellen. Beide sind tödlich: Zwischen 1918 und 1921 sterben circa 500.000 Menschen. Weltweit sind es rund 50 Millionen Todesopfer – mehr Opfer als der Erste Weltkrieg gekostet hat.  

Verschwörungstheoretiker und Impfgegner: Schon vor 200 Jahren gab es sie

Übrigens: Wenn Sie denken, Querdenker und Verschwörungstheoretiker – das seien verrückte Phänomene unserer Zeit, dann wird Sie die Ausstellung eines Besseren belehren. Im Mittelalter sind es die Juden, die für die Pest verantwortlich gemacht werden. Während der Spanischen Grippe gibt es in Amerika den Verdacht, die Deutschen seien schuld. Das Gerücht lautet, deutsche U-Boote hätten mit Influenza infizierte Fische vor der US- Küste ausgesetzt.

Impfgegner
1848 ging der Arzt Carl Georg Nittinger auf die Barrikaden, als die Pockenschutzimpfung zur Pflicht gemacht wurde.

Ja, und Impfgegner gibt es tatsächlich schon genauso lange wie das Impfen selbst. Der erste Impfstoff wird Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelt – gegen die Pocken. Dass er kommt, ist ein Segen, denn zu jener Zeit sterben 20 Prozent aller Kleinkinder an dieser Krankheit.

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Und obwohl die Impfung, die in Württemberg ab 1818 zur Pflicht wird, die Kindersterblichkeit deutlich sinken lässt, macht es sich ab 1848 der Arzt Carl Georg Nittinger zur Lebensaufgabe, dagegen zu wettern. Nittinger ist genauso militant wie verbohrt. Er behauptet wieder und wieder, Impfen habe einen schädlichen Einfluss auf das Bevölkerungswachstum, auf die Wehrtüchtigkeit und die Lebenserwartung des Menschen und schreibt einen ganzen Stoß Bücher darüber.

Der Dank an das Krankenhauspersonal: Briefe, die während der Corona-Pandemie 2020/21 im UKE eingegangen sind
Der Dank an das Krankenhauspersonal: Briefe, die während der Corona-Pandemie 2020/21 im UKE eingegangen sind – auch ein Teil der Ausstellung.

Heute wissen wir: Die Württemberger sind trotz Impfung nicht ausgestorben – die Pocken dank Impfung schon. 

Die Ausstellung „Pandemie – Rückblicke in die Gegenwart“ läuft bis zum 15. Oktober 2022. Sie ist samstags und sonntags von 13 bis 18 Uhr geöffnet. Adresse: Martinistraße 52, Gebäude N30. Ein Tipp: Am einfachsten ist die Zufahrt über die Frickestraße. Für den Museumsbesuch gilt die 2G-Regel mit Maskenpflicht.

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