Am Wahltag hatte sich ein Großaufgebot der Polizei im Bereich der Wohnung von Olaf Scholz aufgestellt.
  • Am Wahltag hatte sich ein Großaufgebot der Polizei im Bereich der Wohnung von Olaf Scholz aufgestellt.
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Scholz’ Wohnung in Hamburg: Seine Nachbarn sind genervt

Ein unauffälliger Altbau in einer ruhigen Seitenstraße in Altona-Altstadt: Spaziergängern dürfte es kaum auffallen, wenn sie gerade an Olaf Scholz‘ Hamburger Wohnung vorbeigehen. Nur ein kleiner Polizei-Container deutet darauf hin, dass es sich hier um einen Sicherheitsbereich handelt. Wie ist der Finanzminister und SPD-Kanzlerkandidat eigentlich so als Nachbar?

Die Straße, in der Scholz wohnt, liegt unscheinbar in einem Wohngebiet nahe der Max-Brauer-Allee. Kaum etwas deutet hier auf Prominenz hin: Kindergarten, Kirche, Kiosk. Nur der weiße Container mit der Polizeiaufschrift und weggeräumte Absperrgitter an beiden Straßenenden zeugen davon, dass das eben doch kein ganz typisches Wohngebiet ist.

Das bekamen die Nachbarn des SPD-Kanzlerkandiaten auch am vergangenen Sonntag zu spüren: Am Wahltag sicherte ein Großaufgebot der Polizei die Gegend. In der Straße parkten zahlreiche Streifenwagen. Um die Ecke, auf der Königstraße, standen Räumpanzer und Wasserwerfer bereit. Mittlerweile ist die Polizei nur mit wenigen Kräften präsent, aber auch das sorgt bei einigen Anwohnern für Unmut. Viele Altonaer haben aber einen positiven Eindruck von ihrem prominenten Nachbarn.

SPD-Kanzlerkandidat privat: Das sagen Olaf Scholz‘ Nachbarn

Jan Steffens wohnt und arbeitet seit rund zehn Jahren hier. „Ich bin hier Pastor und Olaf Scholz ist mein Nachbar“, stellt er sich vor und grinst. Per Du seien die beiden zwar nicht. Doch zu Silvester hätten sie auch schon mal mit einem Sekt aufs neue Jahr angestoßen. „Er ist ein offener Mensch“, sagt der Seelsorger, „aber selten zu sehen, seitdem er Finanzminister ist.“

SPD-Kanlerkandidat Olaf Scholz.
SPD-Kanlerkandidat Olaf Scholz.

Vom Hinterhof des Kindergartens lasse sich auf Scholz‘ Balkon blicken. Wenn Scholz dort sitzt, winke er den Kindern auch mal zu. „Er ist ein netter Nachbar“, findet Steffens.

Schräg gegenüber dem Gotteshaus liegt ein Kiosk. Nexhat Shabani steht davor, genießt gerade seinen Kaffee. Auch er habe schon einmal Scholz getroffen. „Er hat gefragt, wie ich mich hier fühle als Ausländer“, erzählt der gebürtige Kosovare, der 2017 nach Altona gekommen ist. Ein ganz normales Straßengespräch eben, wie es sich für eine gute Nachbarschaft gehört: „Er fühlt sich nicht höher als andere.“

„Er geht auf Leute zu“: Nachbarn in Hamburg-Altona über Olaf Scholz

Auch im Kiosk selbst ist Scholz öfter zu sehen. Brötchen und Zeitung kaufe er dann meist, sagt ein Mitarbeiter. Manchmal hätten sich dabei auch schon längere Gespräche ergeben. „Er geht auf die Leute zu und hört zu. Wenn er Zeit hat, beantwortet er Fragen“, sagt der Kiosk-Mitarbeiter. Mit dem Wirecard-Skandal oder den Ausschreitungen zum G20-Gipfel in Hamburg habe der Kanzlerkandidat zwar Schwächen offenbart. Doch: „16 Jahre CDU haben gereicht.“ Die habe durchaus Gutes bewirkt, nun werde es aber Zeit für einen Wechsel in der Regierung.

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Silke Reinhartz wohnt gegenüber. Sie hat hier erst im April dieses Jahres ihre Ergotherapie-Praxis eröffnet. Einmal bekam sie Scholz bisher zu Gesicht. „Das war ein großes Aufgebot mit Bodyguards und zwei schwarzen Limousinen. Die Straße war gesperrt“, erzählt sie. In welcher Gegend sie ihre Praxis eröffnet hat, sei bei den Patienten immer wieder Thema. Immerhin sei die Polizei seit Beginn des Wahlkampfs dauernd präsent.

Genau daran stören sich Cathrin Rohlfing-Rob und Bernd-Joachim Rob. Seit 25 Jahren wohnen sie hier. Wirklich kennengelernt hätten sie Scholz, der noch vor ihnen hier hergezogen ist, allerdings nicht. Der Polizeicontainer liegt direkt unter ihren Schlafzimmerfenstern. „Die Bude steht da seit mehreren Jahren. Niemand hat gefragt, ob uns das stört“, sagt Rob.

Hamburg: Olaf Scholz‘ Nachbarn genervt von Polizeipräsenz und „Hobbywohnung“

Seit mehreren Wochen seien die Beamten nun rund um die Uhr und meist zu dritt vor Ort. Für das Ehepaar bedeute das, keine ruhige Nacht mehr zu haben. „Sie sind gelangweilt, reden nachts, rauchen, telefonieren laut“, beschreibt Rob die Geräuschkulisse. Außerdem belege die Polizei die Parkplätze, manchmal stelle sie sich auch vor die Garage. „Das interessiert die nicht. Wir haben viel bezahlt, als wir hier umgebaut haben“, ärgert er sich. Auch juristischer Rat habe nichts bewirkt.

Sollte Scholz ins Kanzleramt ziehen und die Wohnung trotzdem neben seinem neuen Hauptsitz in Potsdam behalten, könnte diese Situation zum Dauerzustand werden, befürchten die beiden. „Da stellt sich die Frage, ob wir hier weiter wohnen können“, sagt Rohlfing-Rob. Bei der aktuellen Wohnungsnot eine „Hobbywohnung“ halten? „Das ist weder sozial, noch finanziell sinnvoll, noch respektvoll“, sagt Rohlfing-Rob mit Blick auf die Schlagworte des SPD-Wahlkampfes. Ihr Ehemann bezweifelt außerdem den Sinn des wohl kostspieligen Polizeieinsatzes.

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Wer ein Foto dieses unscheinbaren Wohnhauses aus Scholz‘ Studentenzeit schießen will, sollte sich auf eine Polizeikontrolle einstellen. Fotoverbot heißt es dann, obwohl jeglicher Hinweis dazu fehlt. Anweisung von oben, antworten die Beamten. Personalien und Anschrift werden in einem Bericht dokumentiert; Pressevertreter dürfen dann immerhin ihre Arbeit erledigen. Es ist eben doch kein ganz gewöhnliches Wohngebiet.

Hinweis: Dieser Beitrag von Autor Niklas Golitschek erschien zuerst auf Focus.de.

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