Die Corona-Fallzahlen in Deutschland steigen wieder (Symbolbild).
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Delta auf dem Vormarsch: Kommt jetzt doch die Impfpflicht?

Die Zahl der Corona-Fälle in Deutschland nimmt weiter zu. Bei 13,8 lag die 7-Tage-Inzidenz am Sonntag – eine Woche zuvor lag sie noch bei 10,9. Der Herbst-Fahrplan der Bundesregierung ist weiter Gegenstand von Debatten. Kanzleramtschef Helge Braun (CDU) machte jetzt deutlich, dass Ungeimpfte bald mit Einschränkungen rechnen müssen.

„Die Zahl der Neuinfektionen steigt noch schneller als in den vorherigen Wellen. Das macht mir große Sorge“, sagte Braun der „Bild am Sonntag“. Die deutlich ansteckendere Delta-Variante dominiert inzwischen auch in Deutschland das Infektionsgeschehen. Einen weiteren Lockdown will die Regierung jedoch unbedingt vermeiden.

Braun kündigt mehr Freiheiten für Geimpfte an

Braun rief die Bürger:innen nochmals dazu auf, sich impfen zu lassen. „Impfen schützt mich zu 90 Prozent vor einer schweren Corona-Erkrankung. Und: Geimpfte werden definitiv mehr Freiheiten haben als Ungeimpfte“, so Braun.

Sollten die Neuinfektionen weiter zunehmen, müssten Ungeimpfte ihre Kontakte wieder reduzieren. Das könnte auch bedeuten, dass zum Beispiel Restaurant-, Kino- und Stadionbesuche selbst für getestete Ungeimpfte nicht mehr möglich wären, weil das Restrisiko zu hoch sei. Nach Angaben der Robert-Koch-Instituts (RKI) ist in Deutschland bisher etwa jeder Zweite vollständig geimpft.

Kommt jetzt doch die Impfpflicht?

Baden-Württembergs Landeschef Winfried Kretschmann (Grüne) hält in ferner Zukunft sogar eine Impfpflicht für denkbar. „Für alle Zeiten kann ich eine Impfpflicht nicht ausschließen“, sagte er. „Es ist möglich, dass Varianten auftreten, die das erforderlich machen.“

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Der Leiter des Hamburger Impfzentrums und Vorsitzende des Virchowbundes, Dr. Dirk Heinrich, sagte zur MOPO: „Ich bin grundsätzlich nicht für Impfpflichten, weil es die freiwillige Impfbereitschaft verringert. Ob es für bestimmte Berufsgruppen eine Impfpflicht gegen Covid-19 wie für die Masern geben wird, muss man sehen.“

Kanzleramtschef rechnet im Herbst mit Inzidenz von 850

Kanzleramtschef Braun rechnet im Rahmen der aktuellen Entwicklung um die Bundestagswahl im September herum mit womöglich 100.000 Neuinfektionen täglich und einer Inzidenz von 850. Er begründet das damit, dass die Zahlen derzeit um 60 Prozent pro Woche ansteigen. Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte bereits vor einer Inzidenz von 800 im Oktober gewarnt.

Kanzleramtschef Helge Braun (CDU) will keinen weiteren Lockdown.
Kanzleramtschef Helge Braun (CDU) will keinen weiteren Lockdown und er appelliert an alle, sich impfen zu lassen.

Bleibt die Inzidenz das Maß für die Corona-Regeln?

Angesichts der steigenden Impfquote debattieren die Politiker:innen, ob die Inzidenz weiterhin die Richtschnur für Corona-Maßnahmen bleiben soll. Die Frage ist: Können eventuell mehr Infektionen akzeptiert werden, wenn im Schnitt weniger Menschen schwer erkranken? Vieles deutet darauf hin, dass die Regierung künftig stärker auf die Fallzahlen in den Kliniken schauen wird als auf die Inzidenz.

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Kritiker:innen sagen, die Gesundheitsämter könnten bei hohen Inzidenzen mit der Kontaktnachverfolgung überlastet werden. „Wir brauchen ein Konzept, wie die Gesundheitsämter bei hohen Inzidenzen ihre Kontaktnachverfolgung priorisieren können“, sagt der Hamburger Virologe Jonas Schmidt-Chanasit in der „Welt“. Flächendeckende Tests von Kindern an Schulen halte er nicht mehr für nötig, da die Zahlen der erkannten Infizierten „verschwindend gering“ seien.

Lauterbach: Einschränkungen noch vor der Wahl

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach twitterte am Sonntag: „Wenn Zahl der Covid Fälle in Deutschland stark steigen wird, wird es auch Zahl der Krankenhauseinweisungen tun.“ 100.000 Fälle pro Tag wären eine „Katastrophe“. Lauterbach ist sich sicher: „Wir werden Einschränkungen beschließen müssen, wahrscheinlich kurz vor Bundestagswahl.“

Einen erneuten Lockdown hält Kanzleramtschef Braun in Deutschland hingegen nicht für nötig, solange die Impfstoffe gegen die Delta-Variante helfen. Eine hohe vierte Welle hätte wegen massenhafter Quarantäne aber Auswirkungen beispielsweise auf die Betriebe.

Fallzahlen und Klinikaufenthalte in Großbritannien

Lauterbach beruft sich in seiner Einschätzung auf eine Analyse aus Großbritannien. Der Psychologie-Professor Colin Davis hat die Entwicklung der Fallzahlen im Land mit der Entwicklung der Klinikeinweisungen zwischen Mai und Juli dieses Jahres verglichen. Die Grafik, die Davis aus seinem Datenvergleich erstellt hat, zeigt, wie beide Linien leicht versetzt ansteigen.

Davis resümert: Zwar sinke durch die steigende Impfquote auch die Anzahl der Krankenhauseinweisungen, aber die Verbindung zwischen den Fallzahlen und der Einweisung in Kliniken sei noch stark. „Wenn wir die Übertragung nicht kontrollieren, wird das öffentliche Gesundheitssystem überfordert“, so Davis.

England: Corona-Regeln weg, Engpässe in Betrieben

Großbritannien hatte vor einer Woche, am 19. Juli, fast alle Corona-Beschränkungen aufgehoben – obwohl die Inzidenz im Land zu dem Zeitpunkt bei 502 lag. Die Regierung von Premier Boris Johnson setzte bei dieser Entscheidung ganz auf die vergleichsweise hohe Impfquote im Land: Fast 70 Prozent der Erwachsenen sind bereits vollständig geimpft. In den vergangenen Tagen befand sich die Zahl der Corona-Neuinfektionen dann trotz der Lockerungen zwar in einem leichten Abwärtstrend, aber es gibt Zweifel daran, dass das so bleibt. Und: Die Zahl der Covid-19-Patient:innen in den Krankenhäusern steigt weiter. Von Entwarnung kann also keine Rede sein.

Die Engländer feierten vergangene Woche die Aufhebung der Corona-Maßnahmen.
Die Engländer feierten vergangene Woche die Aufhebung der Corona-Maßnahmen.

Auswirkungen auf die Wirtschaft bekommt England ebenfalls zu spüren. Weil viele Kontaktpersonen von Erkrankten in Quarantäne mussten, gab es mancherorts Personalengpässe und leere Supermarktregale. Die Regierung reagierte am Freitag mit Ausnahmeregelungen für Mitarbeiter im Lebensmittelhandel.

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Hamburg: Keine großen Änderungen der Corona-Verordnung

In Hamburg läuft am Freitag die aktuell geltende Corona-Verordnung aus. „Umfassende Änderungen sind derzeit nicht geplant“, hieß es dazu in der vergangenen Woche aus dem Senat. Diese Information war auch am Sonntag noch aktuell. Bisher seien keine größeren Lockerungen oder Verschärfungen geplant. Auch die nächste Verordnung wird voraussichtlich wieder für vier Wochen gelten. „Der Senat kann aber jederzeit neue Regeln beschließen und wird dies tun, falls das Infektionsgeschehen dies nötig macht“, so ein Sprecher.

Wie Deutschland insgesamt in den Herbst starten wird? Bislang unklar. Die nächste Ministerpräsident:innenkonferenz ist für Ende August angesetzt. Hamburg und andere Bundesländer haben sich aufgrund der beschleunigten Infektionsdynamik für einen früheren Termin ausgesprochen.

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