Vor Corona schoben sich jede Woche im Schnitt zehn Mega-Schiffe durch die Lagune.
  • Vor Corona schoben sich jede Woche im Schnitt zehn Mega-Schiffe durch die Lagune.

Wie Venedig gegen den Kreuzfahrt-Wahnsinn kämpft

Sie verpesten die Luft, zerstören die Stadt und spucken Horden unliebsamer Touris aus: Kreuzfahrtschiffe sind für viele Venezianerinnen und Venezianer das absolute Hass-Objekt. Nachdem die Riesen wegen der Corona-Pandemie eine Weile weg waren, kehren sie nun zurück. Dagegen gibt es erbitterten Widerstand – und eine Drohung der UNESCO.

„La Serenissima“ wird sie genannt, zu Deutsch etwa: die Allerdurchlauchteste. Und tatsächlich geht von Venedig ein fürstlicher Zauber aus. Mit ihren imposanten Bauwerken und den Straßen aus Wasser zieht die Stadt jedes Jahr Scharen von Tourist:innen an – 5,5 Millionen allein 2019. Eine Gruppe unter ihnen ist den Bewohner:innen der Stadt jedoch ein Dorn im Auge: die Kreuzfahrt-Touris. Sie bleiben meist nur kurz, hinterlassen Müll – aber kein Geld in der Stadt. Sie übernachten nicht, essen und trinken nur Kleinigkeiten und geben höchstens ein paar Euro für Souvenirs aus.


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Kreuzfahrtschiffe sind den meisten Menschen in Venedig verhasst

Mindestens genauso unbeliebt sind die Mega-Pötte, die die Touris ranschaffen. Sie verpesten die Luft mit ihren Abgasen, verschmutzen das Meer und verursachen Wellen, die die ohnehin schon fragile Bausubstanz der Wasserstadt zerstören. Dass von den Schiffen eine massive Gefahr ausgeht, haben die Venezianer:innen schon vor Jahren erkannt und 2014 vor Gericht ein Anlauf-Verbot für den Markusplatz erstritten. Doch ein höheres Gericht hob dieses Urteil wieder auf. Begründung: Es fehle an Alternativrouten. Kritiker vermuteten Druck aus der Kreuzfahrtindustrie hinter der Entscheidung.

Verhasster Anblick in Venedig: Ein Kreuzfahrtschiff schwimmt durch die Altstadt.
Verhasster Anblick in Venedig: Ein Kreuzfahrtschiff schwimmt durch die Altstadt.

Anfang 2021 unternahm man einen neuen Versuch: Die Regierung rief einen Ideenwettbewerb aus, um die Schiffe aus der Lagune fernzuhalten. Bis es eine finale Variante gibt, soll nach einem Bericht der Zeitung „La Repubblica“ 2022 eine Übergangslösung im Industriehafen von Marghera auf dem Festland entstehen. Langfristig könnte die Lösung sein, eine große, teure Hafenanlage auf dem Meer zu bauen.

Die Botschaft der Venezianer:innen ist klar: Wir wollen euch hier nicht

Und die muss enorme Kapazitäten haben: 530 Schiffe liefen die Lagune in der letzten Saison vor Corona an – im Schnitt also mehr als zehn Schiffe pro Woche. Künftig soll es zwar auf drei Pötte begrenzt werden – bis die Übergangslösung in Marghera steht – doch die Venezianer:innen wollen am liebsten gar keinen Pott mehr in der Nähe des Markusplatzes sehen. Seit Jahren protestieren sie mit der Organisation „No Grandi Navi“ (dt. „Keine großen Schiffe“) gegen den in ihren Augen unerträglichen Besuch.

Zu Wasser und an Land ließen die Einwohner*innen Venedigs das MSC-Schiff spüren: Ihr seid hier nicht erwünscht.
Zu Wasser und an Land ließen die Einwohner:innen Venedigs das MSC-Schiff spüren: Ihr seid hier nicht erwünscht.

Anfang Juni legte nach Monaten der Corona-Pause erstmals wieder ein Schiff in der Stadt an: die „MSC Orchestra“, ein mittelgroßer Pott mit knapp 294 Metern Länge und rund 60 Metern Höhe. Zum Vergleich: Die höchste Kuppel des Markusdoms ist 45 Meter hoch. Begleitet wurde das Anlegen von Pfiffen, Sprechchören und Transparenten. Die Botschaft war klar: Wir wollen euch hier nicht.

Die UNESCO droht Venedig

Unterstützung kommt von der UNESCO: Die Organisation hat jüngst angedroht, Venedig den Status als Welterbe zu entziehen. Die Stadt steht nun auf der sogenannten Roten Liste der gefährdeten Stätten. Laut einer Studie tue die Regierung zu wenig, um den Besucherboom zu bremsen, die Anzahl der Schiffe zu reduzieren und den Schwund der Bevölkerung zu verhindern.

Das alles habe bereits zu einem „erheblichen Verlust an historischer Authentizität“ geführt. Auch der Klimawandel bereite Sorgen. All das rechtfertige „die Aufnahme in die Liste für gefährdetes Welterbe“, so die Experten. Eine Entscheidung will die UNESCO bis spätestens Ende Juli fällen.

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