Ailton
  • 13. Mai 2006: Ailton hat im HSV-Trikot gegen Werder kein Glück.
  • Foto: imago/Thorge Huter

Absicht? Ex-HSV-Star Ailton packt über Derby-Fehlschuss aus

Wenn ein Stürmer bei den Fans einen bleibenden Eindruck hinterlassen will, gelingt das am besten durch Tore, Tore, Tore. Bei Ailton und dem HSV war das ein bisschen anders. Denn der Brasilianer wurde 2006 bei seinem sechsmonatigen Gastspiel in Hamburg durch einen kapitalen Fehlschuss gegen seine alte Liebe Werder Bremen „berühmt“. 15 Jahre später kommt es am Samstag (20.30 Uhr, Liveticker auf MOPO.de) zum ersten Duell der ewigen Rivalen in der zweiten Liga. Ailton stattete der MOPO vorher einen Besuch ab. Dabei wurde schnell klar: Er ist heiß auf das Derby.

An den 13. Mai 2006 hat der inzwischen 48-Jährige noch klare Erinnerungen. Mit einem Punktgewinn gegen die Grün-Weißen hätte der HSV die Vizemeisterschaft und den direkten Einzug in die Champions League sicher. Es lief die 65. Minute. Sergej Barbarez hatte kurz zuvor zum 1:1 für Hamburg ausgeglichen und bediente Winter-Leihgabe Ailton. Das Volksparkstadion hielt den Atem an – und verfiel kurz darauf in Schockstarre. Der Brasilianer semmelte den Ball aus acht Metern über den leeren Kasten, am Ende gewann Werder 2:1. Ausgerechnet Werder, der Verein, für den Ailton zwischen 1998 und 2004 88 Bundesliga-Tore schoss und eine Meisterschaft gewann.

Ailton wäre gerne beim HSV geblieben

„Das war wirklich scheiße und hätte mir nicht passieren dürfen“, erklärt der ehemalige Vollblutstürmer – und räumt mit den Gerüchten auf, den Ball als Werder-Legende absichtlich drübergeschossen zu haben: „In der Woche vorher hat ein American-Football-Spiel im Stadion stattgefunden, der Rasen war nicht perfekt, der Ball tickte kurz auf.“ Der Mega-Chance trauerte der „Kugelblitz“ noch lange hinterher. „Vielleicht wäre ich in Hamburg geblieben, hätte ich den gemacht.“

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Vergangenes Jahr ist der Brasilianer mit seiner Familie aus den USA wieder nach Bremen gezogen. „Das ist meine zweite Heimat.“ Entsprechend weh tat ihm der Werder-Abstieg im Frühsommer. „Es ist wie in einer Firma. Alle müssen einen guten Job machen. Wenn das nicht der Fall ist, sieht man, was passiert. Es ist einfach keine Konstanz da, kein Selbstvertrauen. Alle meine drei Ex-Klubs (Werder, HSV, Schalke, d. Red.) in der zweiten Liga – das kann ich nicht akzeptieren.“

Ailton
Ailton (M.) kann es nicht fassen. Soeben hatte der Brasilianer das sichere 2:1 für den HSV liegen lassen.

Inakzeptabel – aber die bittere Realität. Das 109. Derby findet in der zweiten Liga statt. Zum ersten Mal überhaupt. Der Rahmen wird dennoch amtlich sein. Samstagabend, Flutlicht, 20.000 Zuschauer. Die Kulisse dürfte alles andere als zweitklassig werden. Ailton wird dabei sein, Ehrensache. Zusammen mit einem Freund wird er sich das Nordduell live im Weserstadion angucken. Der Kontakt zu Werder ist nie abgerissen. Wann immer er seinen Ex-Klub anfeuern möchte, ist er im Stadion willkommen.


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Auf das Derby ist er besonders heiß. „Das ist für mich nach dem Revierderby das größte Spiel in Deutschland, auch in der zweiten Liga“, sagt Ailton. Er muss es wissen. Elf Nordderbys spielte der Stürmer, zehn davon für Werder. Dabei gelangen ihm vier Treffer gegen den HSV. Natürlich schlägt sein Herz grün-weiß. Auch wenn er mit einem Augenzwinkern zugibt: „Ein HSV-Sieg täte mir auch nicht weh.“

Ailton denkt gerne an HSV-Zeit

Denn: Trotz des bitteren Fehlschuss-Endes in Hamburg erinnert sich Deutschlands Fußballer des Jahres 2004 gerne an sein halbes Jahr an der Elbe zurück. „Neulich habe ich Benny Lauth (Ex-HSV-Stürmer, d. Red.) getroffen, da haben wir uns über die Zeit unterhalten und wie ich ihm auf Schalke einmal ein sicheres Tor vom Fuß geklaut habe“, erzählt Ailton und muss – wie so häufig – gellend lachen. „Auch mit Trainer Thomas Doll hatte ich viel Spaß.“

Der HSV aber entschied sich damals, die Kaufoption nicht zu ziehen – und die Vereinsodyssee des Toni Ailton begann. Über Belgrad, Zürich, Duisburg, Donezk und zahlreichen anderen Vereinen beendete er seine Karriere 2013 – und bekam bei Werder ein großes Abschiedsspiel. Da, wo sein Stern aufging. Wo er mit Trainer Thomas Schaaf verhandelte, dass er sich in der Nacht vor einem Spiel noch zwei Clubsandwiches und zwei Flaschen Cola genehmigen dürfe – so er denn zwei Tore schießt. Heute undenkbar, damals das grün-weiße Erfolgsrezept.

Ailton bei der MOPO
Ailton (l.) im Gespräch mit den MOPO-Reportern Michael Reis und Luis Vieira Heine (r.).

Am Samstagabend sieht Ailton Werder knapp im Vorteil. „Ich habe eigentlich zwei Tipps“, erklärt er. „2:1 für Werder oder 2:2! Es kommt darauf an, wer in den ersten zehn bis 15 Minuten besser reinkommt. Das Spiel beginnt bei 50:50, auch wenn die Werder-Fans Alarm machen werden.“ Er selbst wird mittendrin sein und die Atmosphäre genießen.

Ailton: Werder Bremen steigt als Meister auf

Durch die späten Verpflichtungen von Marvin Ducksch und Mitchell Weiser sieht er die Bremer gut aufgestellt für das Aufstiegsrennen. Denn das ist Ailtons größter Wunsch: Das Derby wieder in der 1. Liga sehen. „Werder wird als Meister aufsteigen, dahinter Schalke – oder der HSV.“ Für alle drei spielte der Brasilianer im Oberhaus – und hinterließ ganz unterschiedliche Spuren. Fanliebling und Torschützenkönig in Bremen, missverstanden auf Schalke und unvollendet beim HSV.

„Ailton ist Ailton“, sagt der zweifache Pokalsieger, der so gerne über sich selbst in der dritten Person spricht. „Und Ailton ist ein bisschen crazy.“ Vor allem aber ist er eine der schillerndsten Derby-Persönlichkeiten der Historie – und wird am Samstag als Beobachter ganz genau auf seine Ex-Klubs schauen.

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