St. Pauli ist „stolz“ – HSV trauert „spielentscheidender“ Derby-Szene nach
Die Frage nach der Nummer eins der Stadt ist für die nächsten Monate erst einmal geklärt. Und das auf eine Art und Weise, die für den HSV schon ein kleiner Schlag ins Kontor sein könnte, denn der Ex-Dino verlor sein erstes Erstliga-Heimspiel nach 2066 Tagen Abstinenz, das auch das 112. Stadtderby war, gegen den FC St. Pauli, der für eine Nacht an die Tabellenspitze kletterte, mit 0:2 (0:1). Damit waren die Rothosen eigentlich noch ganz gut bedient, auch wenn es einen Knackmoment gab, der das ganze Ding hätte auf den Kopf stellen können.
„Das Abseitstor war spielentscheidend“, brachte es Kiezklub-Neuzugang Martijn Kaars auf den Punkt und meinte damit eine Szene aus der 48. Minute. Mit einem langen Pass hatte Giorgi Gocholeishvili die bis dahin (und danach) ausgesprochen sichere Defensive der Gäste überlistet, Ransford Königsdörffer enteilte Hauke Wahl und schob die Kugel überlegt an Nikola Vasilj vorbei in die Maschen.
Ransford Königsdörffers HSV-Ausgleich zählt nicht
Der Volkspark bebte, aber nicht wirklich lange. Denn der Treffer wurde vom VAR gecheckt und schließlich annulliert. Königsdörffer hatte hauchzart im Abseits gestanden.

Es wäre das 1:1 gewesen für den HSV und vermutlich ein Wendepunkt in einer Partie, in der die Mannen von Merlin Polzin eine starke Anfangsphase hingelegt hatten. Sie sprühten nur so vor Engagement und hinterließen bei den Gästen damit merklich Eindruck, „man hat sofort eine Energie gespürt“, hatte der Coach zurecht registriert.
Doch ein Standard brachte Braun-Weiß endgültig in die Partie – und sogleich in Führung. Adam Dzwigala war nach einer Eckenvariante von Danel Sinani und Mathias Pereira Lage im Strafraum zum Abschluss gekommen und hatte den Ball unters Tordach geschweißt (19.). „Das hat uns zwar nicht den Stecker gezogen, aber die Dynamik war ein bisschen raus“, sagte Polzin.
Adam Dzwigala bringt St. Pauli in Führung
Tatsächlich war es ein Treffer mit Signalwirkung, „ein Dosenöffner, der uns einfach gutgetan hat“, wie Coach Alex Blessin es beschrieb. Denn danach diktierte St. Pauli das Geschehen und ließ sich auch nicht davon aus dem Konzept bringen, dass Referee Christian Dingert das sichere zweite Tor auf nicht nachvollziehbare Weise mopste. Andréas Hountondji hatte sich in einem Zweikampf, der mit viel Körper, aber ohne Foul geführt wurde, gegen Jordan Torunarigha durchgesetzt und wollte den Ball gerade an Keeper Daniel Heuer Fernandes vorbei zu Pereira Lage schieben, der mit der Murmel ins leere Gehäuse hätte laufen können. Doch plötzlich ertönte ein Pfiff, Dingert gab Freistoß für den HSV (25.).

Das war allerdings nicht der einzige Grund, warum St. Pauli nur mit einer knappen Führung in die Kabine ging. Pereira Lage (41.) und Hountondji (45.+2) ließen dicke Gelegenheiten aus, die Nummer schon frühzeitig noch mehr in Kiezklub-Bahnen zu lenken. Und der HSV? Ein harmloser Königsdörffer-Kopfball (4.), mehr war da ehrlicherweise nicht. Was sich kurz nach dem Wechsel entscheidend änderte, nur eben nicht ganz regelkonform.
Kiezklub lässt Vorentscheidung liegen
„Da kann das Spiel schon kippen“, räumte Blessin ein. „Wir hatten ein bisschen Glück, dieses Muckeseckele (Schwäbisch für kleiner Unterschied; Anm. d. Red), das war dann gut für uns.“ Kurzzeitig begehrte der HSV auf, hatte durch Miro Muheim, dessen Freistoß von Vasilj pariert wurde (53.), noch eine nennenswerte Szene – es sollte die letzte aus Sicht der Gastgeber gewesen sein. Denn die frisch entfachte Stimmung auf den Rängen, die zusätzliche Mut machenden Einwechslungen von Yussuf Poulsen und Jean-Luc Dompé (56.) – all das wurde von St. Pauli brutal gekontert.

Im wahrsten Sinn des Wortes. Ein langer Ball von Joel Chima Fujita auf Andréas Hountondji, der Heuer Fernandes umkurvte und den Ball aus spitzem Winkel ins verwaiste Gehäuse schob, war nach exakt einer Stunde bereits die von Braun-Weiß frenetisch bejubelte Vorentscheidung.
HSV nach Ampelkarte gegen Gocholeisvili in Unterzahl
In der Folge gab es noch diverse Möglichkeiten, das Resultat weit deutlicher zu gestalten. Zumal der HSV ab Minute 77 in Unterzahl agierte. Giorgi Gocholeishvili hatte nach einem Foul an Pereira Lage Gelb-Rot gesehen.
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„Natürlich hätten wir noch mehr Tore machen können, aber wir sind natürlich sehr stolz und glücklich über den erlangten Sieg“, bilanzierte Blessin.
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Anders naturgemäß die Gefühlslage bei seinem Kollegen. „Man kann sich denken, dass wir sehr, sehr enttäuscht darüber sind, dass wir mit dem 0:2 leben müssen“, gestand Polzin. „Wir müssen es anerkennen, dass es nicht dafür gereicht hat, den Derbysieg zu holen. Aber ab morgen machen wir weiter und versuchen dann, es im nächsten Spiel besser zu machen.“
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