Rachid Azzouzi
Rachid Azzouzi
  • Rachid Azzouzi (Archivbild)
  • Foto: Imago

Ex-St. Pauli Sportchef Azzouzi: „Siege von Marokko geben Menschen Würde zurück“

Vielleicht ist es ganz gut, dass er nahezu allein im Hotel ist. Rachid Azzouzi urlaubt derzeit auf Bali, die Spiele seiner Marokkaner verfolgt der Ex-Sportchef des FC St. Pauli vor Ort am TV – in bester Fan-Manier. „Die packen mich richtig“, sagt der 51-Jährige der MOPO und erzählt, dass er lautstark mitfiebert und auch mal jubelnd vorm Fernseher kniet.

„Charakter und Geist der Mannschaft sind überragend“, schwärmt Azzouzi. „Es ist das, was Fußball ausmacht: null Belastung, nur Freude und die Bereitschaft aller, das Ego zurückzustellen und alles zu opfern für den Erfolg.“ Und zwar mit einer Spielweise, die sehr besonders ist. „Sie haben in fünf Spielen nur ein Gegentor bekommen, und das war ein Eigentor“, erklärt der Sportchef der SpVgg Greuther Fürth. „Dabei könnten sie vom Personal her viel mehr Ballbesitz haben, es könnte viel offensiver aussehen. Aber sie machen es nicht, weil sie wissen, dass sie so in Schönheit sterben würden.“

Ex-St. Pauli-Sportchef Rachid Azzouzi: „Es betrifft ganz Afrika“

Vorm Zusammenhalt des Teams zieht Azzouzi alle Hüte. „Ich hab ja nun auch zwei WM-Turniere gespielt, auch da waren wir eine Einheit. Aber in der Form von jetzt war das nicht vorhanden.“ Und mit jedem Sieg, mit jeder weiteren Sensation wächst nicht nur der Zusammenhalt, sondern auch die Unterstützung. Denn die Bedeutung des Marokko-Märchens ist immens.

„Es betrifft ganz Afrika“, erklärt Azzouzi. „Alle waren Kolonien vom Westen. Jetzt wird das in etwa so wahrgenommen: Ihr habt uns mal besetzt, aber wir schlagen euch jetzt im Fußball. Wir sind etwas wert! Die Siege von Marokko geben den Menschen Würde zurück.“ Entsprechend werden die Erfolge wie das 1:0 im Viertelfinale gegen entnervte Portugiesen episch gefeiert – unter anderem von 20.000 Menschen in Paris.

Azzouzi spricht mit Blick aufs WM-Halbfinale von „brutaler Rivalität“

Das nun folgende Duell mit Frankreich wird nicht nur aus sportlicher Sicht bedeutsam. Immerhin spielt eine ehemalige Kolonialmacht gegen eine Nation, die bis Mitte der 1990er noch zum französischen Protektorat gezählt hat. „Es gibt eine brutale Rivalität“, weiß Azzouzi, „es ist ein Stückweit mehr als Fußball.“ Allerdings weit weg von unsäglichen Emotionen wie Hass oder Verachtung. „Wir haben schon eine freundschaftliche Verbindung mit den Franzosen“, klärt Azzouzi auf und hofft, dass es zwar auf dem Platz, aber sonst nirgends hoch hergehen wird.

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Auch nicht in seinem Hotelzimmer auf Bali. Das wird Azzouzi nämlich am Mittwoch tauschen gegen einen Sitzplatz im Stadion.

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