Links sitzt ein Mann mit Sonnenbrille an einem offenen Sarg, rechts steht ein Mann, der eine Waffe auf sich richtet
Links sitzt ein Mann mit Sonnenbrille an einem offenen Sarg, rechts steht ein Mann, der eine Waffe auf sich richtet
  • Starkes Statement gegen die Inhumanität des Krieges: „Der Wij“ im Thalia Gaußstraße
  • Foto: Markus Scholz/dpa

Starkes Statement gegen den Krieg: Uraufführung von „Der Wij“ in Hamburg

Ein dunkler Kellerraum mit schmutzigen schwarzen Wänden. Hier haust eine Familie, geprägt vom russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Überall Dunkelheit, Entbehrung, Todesangst. Für die Uraufführung von „Der Wij“, inspiriert von der gleichnamigen Erzählung Nikolai Gogols, haben sich der ukrainische Schriftsteller Bohdan Pankrukhin und der russische Regisseur und Autor Kirill Serebrennikow im Hamburger Thalia-Theater zusammengetan. Auf der Folie des Klassikers der fantastischen Literatur erzählen sie jedoch eine eigene Geschichte – basierend auf realen Erfahrungen und Texten aus dem aktuellen Kriegsgeschehen in der Ukraine.

Es ist auch der Versuch des mittlerweile im Berliner Exil lebenden Regisseurs und Dissidenten Serebrennikow, der jahrelang in Moskau unter Hausarrest stand, mit seinem eigenen Schmerz umzugehen. Dafür versammelt er ein internationales Team aus deutschen, ukrainischen und russischen Schauspielerinnen und Schauspielern.

Kirill Serebrennikow inszeniert im Thalia Gaußstraße

Die finstere Bühne hat Serebrennikow wie auch die Kostüme selbst entwickelt. Sie rückt den Zuschauer dicht an das Geschehen heran. Er sitzt gleichsam mit in diesem Keller, der bald nur noch von einer mit einem Fahrrad betriebenen Glühbirne erhellt wird. Es findet sich hier auch ein zum Töten abkommandierter Soldat in einem Keller in Gefangenschaft wieder. Und ein von Falk Rockstroh gespielter Großvater und seine drei Enkel stehen vor der Frage, was sie mit ihm anstellen sollen.

Die Vorschläge unter den von Pascal Houdus, Johannes Hegemann und Oleksandr Yatsenko gespielten jungen Männern reichen von mit Benzin übergießen und anzünden bis an einem Baum aufhängen. Filipp Avdeev gibt den Soldaten fast zwei Stunden lang schweigend, bevor er am Ende zu einem langen Verzweiflungsmonolog ausholt.

Der russische Regisseur Kirill Serebrennikow lebt inzwischen in Berlin im Exil – und inszeniert (auch) in Hamburg. picture alliance / dpa/Marcus Brandt
Er steht vor dem Thalia-Theater
Der russische Regisseur Kirill Serebrennikow lebt inzwischen in Berlin im Exil – und inszeniert (auch) in Hamburg.

Der Sohn des Hauses trauert um seine im Sarg liegende Tochter. Und anders als in Gogols Vorlage soll hier nicht ein Philosophiestudent einem kranken Mädchen die Sterbegebete vorlesen, sondern die Tochter mit dem Rezitieren von Shakespeares „Romeo und Julia“ zu den Lebenden zurückgeholt werden. Rosa Thormeyer wirkt tatsächlich auf einmal recht lebendig, bevor sie sich mit einem beherzten „Gute Nacht!“ zurück in den Sarg legt.

Später wird sie Dias zeigen von der Zerstörung des Krieges, die längst zu ikonischen Darstellungen geworden sind. Es hätte sie hier nicht gebraucht, die Erzählungen schaffen auch so eindringliche Bilder im Kopf. Vor allem, wenn die jungen Darsteller an einer Sprossenwand kopfüber herabhängend Erfahrungen von Folter, Erniedrigung, Todesangst und Zwang zum Töten durchdeklinieren. Viktoria Miroshnichenko hat nur wenige, dafür sehr intensive Auftritte als Soldaten-Mutter, die herausfinden will, ob ihr Sohn noch lebt.

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Die Inszenierung versucht das Unmögliche: die Realität des Krieges abzubilden. Und doch streift sie bisweilen das Magische. Dem Schrecken des Krieges ist irgendwann nur noch mit der Groteske beizukommen. Und so hat Bernd Grawert einen Auftritt als Erdgeist mit um die Schulter gehängten Stoffwülsten, der als Entertainer aus der Hölle mit dem emporgehobenem Pappschild „Lachen“ um eine Publikumsreaktion bittet, die sich jedoch nicht recht einstellen will.

„Der Wij“, bei Gogol ein Erdgeist, dessen Blick zum sofortigen Tod führt, wird hier zur Metapher für die Auflösung von Identität und Menschlichkeit im Krieg. Wenn das Ensemble mit weit aufgerissenen Augen fragt: „Was passiert, wenn wir unsere Augen öffnen und uns gegenseitig anschauen?“, so ist das einer von vielen tief unter die Haut gehenden Momenten dieser so kraftvollen wie beklemmenden Inszenierung, die letztlich ein starkes Statement gegen den Krieg darstellt.

Thalia in der Gaußstraße: 6./23./28.12. (ausverkauft), 11./12./31.1., je 20 Uhr, 31 Euro

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