Die Natur ist Hauptakteur, die Schauspieler sitzen meist im Glaskasten.
Die Natur ist Hauptakteur, die Schauspieler sitzen meist im Glaskasten.
  • Die Natur ist Hauptakteur, die Schauspieler sitzen meist im Glaskasten.
  • Foto: Stephen Cummiskey

„Kirschgarten“ im Schauspielhaus: Radikales Experiment

Die Stücke des berühmten russischen Dramatikers Anton Tschechow ähneln sich: Auf abgelegenen Landgütern müssen sich die Figuren mit dem Sinn – oder der Sinnlosigkeit – ihrer Existenz auseinandersetzen. Im Schauspielhaus rückt Regisseurin Katie Mitchell diesmal einen überraschenden Akteur in den Vordergrund: den „Kirschgarten“ des Titels nämlich ​… 

Bühne frei für die Natur als Hauptfigur. Auf den großen Videoleinwänden flattern die Falter, äugen die Eulen, spinnen die Spinnen und huschen die Hasen. Die Bäume des Kirschgartens sind alt und die Früchte nicht mehr so süß wie früher, und doch zeigt sich hier überall unbedingte Vitalität.

„Kirschgarten“-Inszenierung mit einem besonderen Kniff

Das ist der Kniff, mit dem die neue Inszenierung am Schauspielhaus die Schönheit der Natur und ihre Gefährdung durch den Menschen ausstellt. Die sprechenden Zweibeiner aus dem Tschechow-Stück sind nur zu hören oder werden per Greenscreen manchmal in die Landschaft eingeblendet. Die elf Schauspieler:innen stehen die meiste Zeit in einem gläsernen Tonstudio, sprechen und machen Geräusche. Oft sind nur Satzfetzen von ihnen zu vernehmen, dann wieder abgedämpftes Kauderwelsch. Gerade genug, um die groben Züge des menschlichen Dilemmas mitzubekommen: Das Gut ist überschuldet. Es müsste alles abgeholzt werden, um dort Sommerhäuser zu bauen. Schlimm für die Familie. Schlimmer aber für die Tiere. 

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Das radikale Theaterexperiment funktioniert anfangs ziemlich gut. Nach einer Stunde ist das Stück eigentlich zu Ende, doch Mitchell lässt es nun noch mal 30 Minuten rückwärts durchspielen. Die erwartete Pointe für dieses raffinierte und technisch perfekte Bravourstück bleibt jedoch aus. Gut gemeint und toll gemacht, fehlt diesem „Kirschgarten“ genau das, was er nur auf der Leinwand zeigt: echte Lebendigkeit. (KAM)

28.11., 8., 26.12., 5.1., Schauspielhaus, Karten 9-40 Euro, Tel. 24 87 13

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