Nadine Rinke im sich leerenden Theater, im Hintergrund die Bühne
  • Kulturredakteurin Nadine Rinke um 22.31 Uhr: erschöpft und happy im Theatersaal.
  • Foto: Rinke

9 Stunden im Theater: So war mein „Harry Potter“-Marathon

Harry war Hoffnung. Nach drei pandemiebedingt abgesagten Premieren wird doch beim vierten Versuch dieser verfluchte Bums endlich vorbei sein, dachte ich, als im Februar (!) der Termin für Dezember festgesetzt wurde. Kam dann anders. Und jetzt stehe ich um kurz nach halb 2 am Medienpremieren-Samstag vorm Großmarkt, setze mir die Maske auf und frage mich, was das wohl mit mir macht: zwei Mal drei Stunden Theater, dazwischen mindestens anderthalb Stunden Pause. Runter vom Gelände geht‘s also erst in frühestens neun Stunden. Für mich und die mehr als 1500 anderen Besucher:innen. Ist das sicher?

Eigentlich hat der Theater-Tag ja schon am Vorabend begonnen: 19.35 Uhr, Testtermin. Denn wer in „Harry Potter und das verwunschene Kind“ will (hier geht’s zur Kritik; M+), muss geimpft oder genesen sein und einen aktuellen negativen Test vorlegen. Obendrauf gilt Maskenpflicht, aber die hätte ich auch freiwillig aufgesetzt. Wunde Nase? Wird schon nicht so schlimm werden.

Nerviger ist eher das Anstehen vorm Theater-Pavillon: erst den Eincheck-Nachweis zeigen, dann den Impfnachweis, den Test-Bescheid, den Perso. Das ist bei feuchtkaltem Wind wenig glamourös, geht aber einigermaßen schnell. Und weil das Einlass-Personal so nett lächelt, lächelt auch jeder zurück. Ist eben gerade so.

Harry Potter liegt vor einem Kamin, in dem es qualmt
Da isser platt: Harry Potter (Markus Schöttl) kommt frisch aus dem Kamin.

Überhaupt: Die Stimmung ist gelöst. Wie auch nicht nach 20 Monaten, in denen alle nur auf diesen Moment gewartet haben. Kurze Umfrage rechts und links: Fühlt ich euch sicher? Nervt die Maske? Einstimmiges „Ja!“ und „Nein, gar nicht!“. Ich sehe nur zwei Menschen, die keinen Mund-Nasen-Schutz tragen. Werden wohl ’nen Attest haben. Hoffentlich.

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Um 2 bin ich im Foyer (es lohnt sich, mit ‘nem zeitlichen Puffer zu kommen: gibt viel zu sehen!), die Türen zum Saal öffnen sich – und mit ihnen eine magische Welt. Anders lässt es sich nicht erklären, dass plötzlich schon halb 6 ist. Teil eins vorbei, auf in die große Pause.


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Gesprächsfetzen aus den folgenden 100 Minuten: Und, wie findest du es?
Antwort: Mega! Was die da alles leisten!
Wärst du nicht vielleicht lieber zu Hause geblieben, Kontaktreduzierung und all das?
Antwort: Aber es ist doch auch irgendwie wichtig, jetzt hier zu sein, Solidarität mit der Kultur!
Und sonst so?
Antwort: Mir tut langsam der Po weh.

Harry Potter in Hamburg: Ein langer Tag – aber nicht eine Sekunde langweilig

Halb 8 startet Teil zwei, ich bin laut App jetzt seit 5 Stunden, 53 Minuten und 10 Sekunden hier. Der Tag ist lang, ja, aber nicht eine Sekunde lang langweilig. Und immerhin muss ich nicht auf der Bühne stehen und diese Textmassen aufsagen. Oder zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein, damit mir nicht versehentlich eine Eule gegen den Kopf rauscht. Mir werden aber – Hochparkett, hinten in Reihe 13 – langsam die Augen müde. Das Alter.

Anzeige der App: 9 Stunden, 18 Minuten und 27 Sekunden im Theater
9 Stunden, 18 Minuten und 27 Sekunden im Theater – und jede Sekunde genossen.

Und dann, um kurz vor halb 11: Schluss, Applaus, Jubel. Niemanden hält es mehr auf den Sitzen. Zu sagen, das Publikum sei von den Sitzen gesprungen, wäre trotzdem übertrieben. Es ist eher ein vorsichtiges Aufstehen, rückenschonend. Ich persönlich könnte jetzt ein beherztes „Ascendio!“ von einem da vorne gebrauchen.

Eine halbe Stunde später – nach längerem Anstehen an der Garderobenschlange – verlasse ich das Gelände. „Ich glaub, heute wird ein schöner Tag“, hat auf der Bühne vorhin der eine Potter zum anderen gesagt. Nach allem, was sie durchgemacht haben. Und, ja, das wurde es. 9 Stunden, 18 Minuten und 27 Sekunden lang.  

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