Mit Dr. Michaela Beyerle im OP
  • Dr. Michaela Beyerle zeigt MOPO-Chef vom Dienst Stefan Fuhr die verschiedenen Geräte, mit denen Patienten ständig überwacht werden.
  • Foto: Stefan Fuhr

Anästhesistin erklärt: Das passiert mit einem bei einer Vollnarkose

Bei vielen Operation bekommt der Patient eine Narkose. Gut so, denn so verschläft man alles und verspürt keine Schmerzen. Doch die meisten Menschen haben vor diesem Kontrollverlust ein ungutes Gefühl. Wie die Narkose funktioniert und was mit einem alles passiert, erklärt Dr. Michaela Beyerle. Sie ist eine der leitenden Oberärztinnen der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin, Schmerz- und Palliativmedizin am Asklepios Klinikum Harburg. Sie versteht die Angst, sagt aber: „Wir passen gut auf Sie auf.“

MOPO: Haben Sie selbst auch schon eine Vollnarkose bekommen?

Dr. Michaela Beyerle: Ja, durchaus.

Waren Sie auch aufgeregt.

Aufgeregt war ich nicht, weil ich natürlich den Vorteil hatte, dass ich mit den Abläufen vertraut bin. Das nimmt die Angst. Nichtsdestotrotz  habe ich auch die Kontrolle über meinen Körper abgegeben – das ist auch als Ärztin komisch –, selbst  wenn man es schon tausendmal von der anderen Seite miterlebt hat.

Dr. Michaela Beyerle
Dr. Michaela Beyerle ist eine der leitenden Oberärzte der Anästhesie am Asklepios Klinikum Hamburg-Harburg.

Sie können also verstehen, dass Menschen Angst vor einer Vollnarkose haben?

Auf alle Fälle. Wir versuchen, unseren Patienten diese Angst zu nehmen, aber man wird die sicherlich nicht ganz los. Man weiß nicht, was genau in dieser Zeit passiert, man hat kein Bewusstsein mehr und jemand anderes muss mich beatmen, wenn ich nicht mehr selbständig atme.

Wo beginnt die Vollnarkose eigentlich?

Für Anästhesisten ist bereits das Aufklärungsgespräch enorm wichtig.  Hier erfahren wir viel über unsere Patienten: Gesundheitszustand, die Belastbarkeit, welche Medikamente  eingenommen werden. Wir fragen auch nach Drogen- oder Alkoholkonsum. Keiner soll verurteilt werden, aber für uns ist wichtig zu wissen, woran der Körper gewöhnt ist oder wie bestimmte Stoffwechselwege angepasst sind.  Je mehr Informationen wir über den Patienten bekommen, desto besser können wir uns auf die Narkose und die OP vorbereiten.

Wenn es losgeht, dann beginnt die eigentlich Narkose im Einleitungsraum. Was passiert hier?

Zur Sicherheit werden auf alle Fälle noch einmal die Patientendaten abgeglichen. Also Name, Alter und der Grund für die OP. Man darf sich nicht wundern, dass man zum dritten Mal gefragt wird. Das ist ein Standard-Sicherheitscheck, damit es auf gar keinen Fall zur Verwechselung kommt. Anschließend schließen wir die Patienten an unser Basis-Monitoring an: EKG, Blutdruck und die Sauerstoff-Konzentration im Blut. Diese Werte werden übrigens während der gesamten Operation ständig überwacht. Mit einem kleinen Piks legen wir dann noch einen Venen-Zugang, über den wir die Narkose- und Schmerzmittel geben können.

Jetzt bekommt man eine Maske über Mund und Nase und atmet so reinen Sauerstoff …

Dadurch füllen wir die Lunge mit Sauerstoff auf. Wenn wir die Narkose einleiten, atmet der Patient flacher und hört dann auf, alleine zu atmen. Wenn er tief schläft, übernehmen wir die Beatmung mit einer Maske. Diese Übergangsphase dauert so etwa 30 Sekunden. Damit in dieser Zeit genug Sauerstoff im Körper ist, atmen die Patienten vorher reinen Sauerstoff.  Wenn man so will also eine Sicherheitsreserve an Sauerstoff. In der Zwischenzeit werden den Patienten verschiedene Medikamente gespritzt, die von der Dosierung her immer genau auf sie zugeschnitten sind.

MIt Dr. Michaela Beyerle im OP
Mit so einer Maske übernimmt die Anästhesistin die Atmung, bevor der Patient an das Beatmungsgerät angeschlossen wird.

Bei meiner letzten OP habe ich drei Medikamente gezählt.

Genau. Wir geben zunächst ein sehr starkes Schmerzmittel. Der Körper empfindet nämlich auch im Schlaf Schmerzen. Während der OP können wir anhand des steigenden Blutdrucks und der Herzfrequenz sehen, ob der Körper mehr  Schmerzmittel benötigt. Nach dieser ersten Spritze wird man schon etwas benommen im Kopf. Jetzt wird das eigentliche Schlafmittel gespritzt.

Meinen Witz an dieser Stelle – ich glaube, es wirkt nicht – hören Sie bestimmt mehrfach am Tag, oder? Gelacht hatte jedenfalls keiner.

Vielleicht hören Sie den Lacher nur nicht mehr. Das Mittel muss durch den Körper gepumpt werden und im Gehirn ankommen. Das dauert wenige Sekunden, dann schläft man. Jetzt beginnen wir auch mit der Beatmung mittels der Maske. Als letztes Medikament wird ein Muskelrelaxantium gespritzt. Das sorgt dafür, dass die Skelett-Muskulatur, das sind die Muskeln, die wir aktiv bewegen können, lahmgelegt wird. Das ist zum einen wichtig dafür, dass wir jetzt einen Beatmungsschlauch in die Luftröhre einführen können, weil die Stimmritze jetzt auch entspannt und weit offen ist. Aber auch für die Operation sind entspannte Muskeln wichtig, sodass die Chirurgen gut arbeiten können. Die Medikamente werden in genau dieser Reihenfolge gegeben und sind entsprechend beschriftet. Außerdem haben die Spritzen unterschiedliche Größen. Zudem wird jedes Medikament laut angesagt und vom Pflegepersonal rückbestätigt. Wir Anästhesisten sind Sicherheitsfanatiker und sehr darauf bedacht, immer eine Sicherheitsebene einzuziehen.

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Jeder Patient wird intubiert?

Der Atemweg muss gesichert werden, weil ja bei einer Vollnarkose das selbstständige Atmen aussetzt. Bei ganz kurzen OPs kann auch weiter über die Maske beatmet werden. Kehlkopfmasken, die in den Rachen eingeführt werden, sind eine andere Variante. Ob ein Beatmungsschlauch in die Luftröhre eingelegt wird, hängt von der Art und Länge der OP ab. Bauch-OPs werden z. B. immer intubiert.

Wenn doch etwas schiefgeht, könnten Sie mich schnell wieder aufwachen lassen?

Man kann den Patienten nicht auf Knopfdruck wieder aufwachen lassen. Es gibt Medikamente, Antagonisten, die die Wirkung aufheben, aber das ist ein unsicherer Weg, da immer das Risiko besteht, dass die Wirkung nicht komplett aufgehoben wird. Aber selbst wenn ein Patient bei der Einleitung der Narkose z. B. Herzrhythmusstörungen bekommt, sind wir durch unsere Sicherheits-Mechanismen in der Lage, ihn so lange zu sichern, bis der Körper das Narkosemittel abgebaut hat. Wir sind als Anästhesisten dazu ausgebildet, mit solchen Notfallsituationen umzugehen. Viele von uns haben auch langjährige Erfahrung in der Notfall- und Intensivmedizin.


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Gedanklich sind wir aber noch im Einleitungsraum. Wenn der Patient schläft, geht es in den OP.

Das sind nur ein paar Schritte. Jeder OP-Saal hat seinen eigenen Einleitungsraum. Das Monitoring wird mitgenommen. Die Beatmung aber wieder kurz unterbrochen. Das ist durch die erhöhte Sauerstoffkonzentration im Körper kein Problem. Im OP steht natürlich ein Beatmungsgerät bereit. Anhand der Werte vom Monitoring sehen wir, dass der Patient entspannt ist. Viele Menschen haben ja die Horrorvorstellung, dass man während der Operation aufwacht. Da wir die Werte permanent überwachen, sehen wir, wenn sich etwas ändert, und können sofort z. B. mehr Narkosemittel geben. Außerdem messen wir auch die Tiefe der Narkose anhand der Hirnströme bzw. Nervenableitungen.

Das heißt, Sie können während der OP nicht in der MOPO blättern?

Natürlich nicht! Es ist wichtig, dass der Anästhesist während der gesamten Operation ständig wachsam ist und die Werte immer überwacht. Selbst bei OPs, die acht Stunden dauern, ist immer jemand da und passt auf den Patienten auf.

Zum Abschluss: Wie wacht man dann wieder auf?

Zum Ende der OP wird das Narkosemittel abgesetzt und der Patient beginnt wieder, selbst zu atmen. Erst wenn wir sicher sind, dass die eigene Atmung  vollständig wieder da ist, ziehen wir den Beatmungsschlauch heraus. Davon bekommt der Patient aber nichts mit, weil man im Allgemeinen noch ein bisschen benommen ist.  Das sind auch sehr kurze Zeitspannen. Das volle Bewusstsein ist dann im Aufwachraum wieder da.  Hier werden die Patienten noch überwacht, bis sie wieder ganz wach sind, und nach Bedarf noch mit weiteren Schmerzmitteln versorgt.

Dieses Interview ist ein Auszug aus der neuen Folge des MOPO-Gesundheitspodcasts „Butter bei die Nierchen“. Im Podcast geht Dr. Beyerle u. a. noch darauf ein, warum man vor einer OP nichts essen sollte. Den Podcast gibt es überall dort, wo es gute Podcasts gibt wie z. B. auf Spotify oder Apple Podcast oder Sie klicken gleich hier auf den Player.

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