• Schwerer Abschied vom Pulverfass: Heinz-Diego Leers (77) gibt sein legendäres Travestie-Cabaret ab.
  • Foto: Patrick Sun

Der König der Travestie dankt ab

Er liebte es, wenn der Vorhang aufging. Die langbeinigen Diven in Glitzerfummeln über die Bühne stöckelten, sangen, tanzten und zum krönenden Abschluss ihre Männlichkeit preisgaben. Die fassungslosen Blicke mancher Gäste. Der Applaus. Die begeisterten Rufe. Heinz-Diego Leers (77) wird all das schmerzlich vermissen. Doch er kann nicht mehr: Nach mehr als 47 Jahren gibt er sein Pulverfass ab – das legendäre Travestie-Cabaret an der Reeperbahn.

Wie jeden Tag war Heinz-Diego Leers im Laden. Auf einmal Schweißausbrüche. Ohnmacht. Rettungswagen. Krankenhaus. Die Diagnose: Lungenembolie. Das war 2014. „Da saß meine Tochter schon an meinem Sterbebett“, sagt er. Zwei Monate lag er im künstlichen Koma. Davon erholt hat er sich nie mehr so richtig. „Ich bin sehr lahm geworden und schaffe die Arbeit nicht mehr.“

Leers gibt legendäres Pulverfass ab

Deshalb suchte er einen Nachfolger für sein Pulverfass – anderthalb Jahre lang. Interessenten für das Gebäude gab es einige. Aber der eine wollte einen Jazzclub eröffnen. Der andere ein Bordell. Die Hausverwaltung lehnte ab. Das Pulverfass sollte das Pulverfass bleiben. Schließlich meldeten sich zwei Stammgäste. Das schwule Pärchen wollte den Laden übernehmen. „Die sind jung und frisch. Alles, was ich hätte machen müssen, wird jetzt umgesetzt.“ Vom Licht über das DJ-Pult bis hin zu neuen Teppichen und Vorhängen.

Nun ist er im Ruhestand: der König der Travestie in seiner Uhlenhorster Wohnung.

Viel wichtiger noch als die Modernisierung ist für Heinz-Diego das Fingerspitzengefühl. „Da muss viel Herz bei sein. Man muss den Gästen und Angestellten auf freundschaftlicher Basis begegnen.“ Dass die neuen Inhaber das können – daran hat er keinen Zweifel. Er ist glücklich über die Nachfolge. Dennoch mischt sich die Erleichterung zusehends mit Wehmut. „Wenn ich alleine zu Hause bin oder abends ins Bett gehe, grübele ich. Aber was soll ich machen? Mit 80 im Laden umfallen?“

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Komplett aussteigen wird Heinz-Diego allerdings nicht. Der Travestie-Chef bleibt weiter als Berater für „die Jungs“ tätig. Mit Vertrag. Sein Plan: ein bis zwei Mal die Woche ins Cabaret fahren und den neuen Besitzern zur Seite stehen. Am 1. Juli soll das Pulverfass wieder eröffnen. Mit neuer Show. „Es soll Frische rein. Zum Beispiel werden Dragqueens ins Programm genommen.“

Bisher waren nur Travestiekünstler zu sehen. Darunter seien Jungs gewesen, die sich bloß für den Job in Frauen verwandelt haben. „Da sind welche bei, die haben Ehefrauen und Kinder.“ Die meisten der Pulverfass-Traumfrauen sind jedoch Männer, die sich als Frau fühlen und mit Hormonen behandelt werden, so Heinz-Diego. „Die haben einen Busen und teilweise auch Geschlechtsumwandlungen.“ Egal ob operiert oder nicht: „Viele sehen als Frauen deutlich besser aus.“

Das Travestie-Cabaret Pulverfass an der Reeperbahn.

Ohne Schminke waren die Künstler selbst für den Theater-Chef nicht immer zu erkennen. Wie vor 30 Jahren, als ein Typ mit Rollkoffer in den Laden stolperte. Heinz-Diego wollte den unverschämten Mann, der behauptete gebucht worden zu sein, schon wieder vor die Tür setzen. Da zückte er seinen Vertrag. Angie Stardust – ein gefeierter Travestie-Star aus New York. „Als sie auf der Bühne stand, blieb uns fast das Herz stehen. Sensationell. Fantastisch“, schwärmt der Mann.

König der Travestie gewährt Blick hinter die Kulissen

Bei aller Begeisterung gab es hinter den Kulissen aber auch häufig Probleme. In Form von verbalen Keilereien unter den Diven. „Da muss man als Chef in die Garderobe gehen und auf den Tisch hauen.“ Sogar prügelnde Schönheiten erlebte Heinz-Diego. Wenn die eine Künstlerin meinte, die andere habe ihr was aus der Show abgeguckt. Wenn die Kostüme zu ähnlich waren. Oder das Make-up. Heinz-Diego winkt ab. „Ach, da findet sich immer ein Grund“, sagt er lachend. Genervt war er nur anfangs von den Zickereien. Über all die Jahre habe er sich daran gewöhnt.

All die Jahre – das sind in seinem Fall mehr als 47. Damals war er noch Einzelhandelskaufmann und leitete zwei Supermärkte in Bramfeld. Verheiratet. Eine Tochter. Geregelte Bahnen. Für den Mann deutlich zu geregelt. Er wollte sich ausleben, merkte er doch schon seit Längerem, dass er sich auch zu Männern hingezogen fühlt.

Der Chef mit Vicky Leandros und den „Crazy Boys“-Strippern.

Heinz-Diego liebte seine Frau, wollte aber ab und an mal „alleine weggehen“ – ohne dass sie nachfragt. Für seine Frau undenkbar. Immer wieder versprach er ihr, aufzuhören. Doch Heinz-Diego schaffte es nicht, sein Verlangen zu unterdrücken. Seine Frau engagierte sogar einen Privatdetektiv, der ihn prompt in einer Gay-Bar erwischte. Das Aus der Ehe nach acht Jahren. Und der Anfang seiner Travestie-Laufbahn.

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Die Frau bekam die Supermärkte. Heinz-Diego übernahm das Pulverfass am Pulverteich (St. Georg) von seinem Vater. Eigentlich wollte er eine Diskothek aus dem Laden machen. Für die Eröffnung buchte er vier Travestie-Künstler. Das kam so gut an, dass er dabeiblieb. Doch nach der ersten Euphorie wurde das Geschäft zäh. Männer als Damen – das war Anfang der 70er Jahre dann doch zu unanständig. Den Durchbruch brachte ein MOPO-Bericht. „Wir waren auf der Titelseite. Auf einmal trauten sich die Leute zu uns. Sie sahen, dass Travestie anständig ist.“

Je besser das Pulverfass lief, desto mehr Pacht musste Heinz-Diego an seinen Vater abdrücken. „Er ging morgens durch den Laden und zählte die leeren Flaschen, um zu gucken, was ich an Umsatz mache. Danach verlangte er mehr Geld.“ Knallharte Methoden. Damals war Heinz-Diego stinksauer. Heute kann er darüber lachen. Nachdem sein Vater gestorben war, zog er vor 21 Jahren in das alte „Oase“-Kino an der Reeperbahn. Und fühlte sich sofort zu Hause. „St. Pauli ist wie eine große Familie. Es gab keinen Neid. Man hat sich geholfen. Auch zu den Zuhältern hatten wir immer ein gutes Verhältnis.“

Eifersuchts-Dramen im Publikum

Viele Promis kamen – wie Mary Roos, Vicky Leandros, Marianne Rosenberg und Udo Lindenberg. Und die Touristenhorden. Bei denen es immer wieder zu Eifersuchtsszenen im Publikum kam. Wenn Ehemänner zu fasziniert von den Schönheiten waren. „Da sind die Frauen regelmäßig eifersüchtig geworden.“

Selber auf die Bühne wollte Heinz-Diego nie. „Dafür bin ich zu männlich.“ Er werkelte lieber im Hintergrund. Stellte die Shows zusammen, kümmerte sich um die Mitarbeiter und suchte nach neuen Künstlern. Ein Mal im Jahr wurde ein Nachwuchs-Wettbewerb veranstaltet. Bei dem unter anderem auch Olivia Jones entdeckt wurde. „Bei uns hat so manche Karriere ihren Anfang genommen.“

Auch die seiner Tochter. Schon als Kind war Serena Goldenbaum fasziniert von den Verwandlungskünsten der Damen. Heute ist sie erfolgreiche Visagistin, zählt Stars wie Naomi Campbell und Heidi Klum zu ihren Kundinnen. „Ich bin sehr stolz auf meine Tochter“, sagt Heinz-Diego und verschränkt die Arme. Er sitzt an einem massiven Schreibtisch in seinem schmucken Haus auf der Uhlenhorst. Die untere Etage bewohnt er selber, oben ist vermietet. Möbel wie aus einem englischen Landhaus, geblümte Kissen, gelbe Wände, Blumenbouquets mit pastellfarbenen Stoffrosen. Heinz-Diego fühlt sich wohl in seinem Zuhause. Aber er ist auch einsam.

Franz Stenzel ist der Barbier von St. Pauli.

Nach seiner Ehe war der Cabaret-Chef nur mit Männern zusammen. Nicht irgendwelche. Hübsche Jungs seien es gewesen. „Ich habe es genossen, solche Jungs zu kriegen, und habe es in Kauf genommen, von ihnen ausgenutzt zu werden. Ich wusste: Wenn ich alt bin, sind alle weg.“ Und genauso sei es jetzt gekommen.

Travestie-Show auf Sylt geplant?

Heinz-Diego lächelt müde. Geblieben sind ihm seine Yorkshire-Terrier Bonnie und Clyde. Und sein langjähriger, „rein platonischer“ Freund Rüdiger, der ihn viel unterstützt. Seine Einsamkeit macht ihn traurig. Ist aber auch Motor. Der Pulverfass-Papa denkt schon wieder über eine neue Travestie-Show nach. Auf Sylt. Für ein oder zwei Monate. Er will ohnehin mehr Zeit auf der Insel verbringen – in seinem eigenen Reetdachhaus.

„Schließlich bin ich jetzt im Ruhestand“, sagt der 77-Jährige lächelnd und schüttelt zeitgleich den Kopf. Ob er das gut finden soll – das scheint er selber noch nicht so genau zu wissen.

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