Die Grünen und die FDP sind laut einer Umfrage von Infratest dimap bei Erstwählern gleich auf.
  • Die Grünen und die FDP sind laut einer Umfrage von Infratest dimap bei Erstwählern gleich auf.
  • Foto: imago/Udo Gottschalk

Warum die Erstwähler alle überrascht haben

Die Grünen und die FDP als Wahlsieger – das wäre das Ergebnis der Bundestagswahl, wenn es nach Erst- und Jungwählern gegangen wäre. Laut einer Analyse von Infratest dimap haben jeweils 23 Prozent der Erstwähler die beiden Parteien gewählt, auch in der gesamten Gruppe der Jungwähler bis 25 Jahren liegt die FDP demnach mit 21 Prozent nur knapp hinter den Grünen (23 Prozent). Woran liegt dieser Wahlerfolg der Liberalen?

Leonhard Wenzler aus Barmbek hat die FDP gewählt. Besonders die Ideen der Partei zur Digitalisierung und Entbürokratisierung hätten ihn überzeugt, erklärt der 22-Jährige der MOPO. Im Gesamtbild sei die FDP mit „progressiven Ansätzen“ eine zukunftsfähige Partei, glaubt er. Sogar beim Klimaschutz gefiel ihm die Partei besser als die Grünen – weil sie auf Fortschritt setze. „Das ist wie bei der Pandemie“, meint Wenzler. „Da holt uns auch kein Verbot raus, sondern eine Innovation: Der Impfstoff.“

Politikwissenschaftler: FDP gibt Erstwählern Alternative

Dass die FDP einen so hohen Anteil von jungen Wählern überzeugte, hat viele überrascht und wurde eifrig bei Twitter kommentiert. Schließlich herrschte bislang die Annahme, dass nur die Grünen die Partei der jungen Herzen seien. „Es zeigt sich ganz klar, dass gerade Erst- und Jungwähler der SPD und Union nach 16 beziehungsweise 12 Jahren an der Macht nicht abnehmen, dass sie nun etwas ändern werden“, erklärt Politologe Bendix Hügelmann das Ergebnis der MOPO. Aber: „Dass sich Jungwähler unbedingt mit einem aktivistischen Milieu überschneiden, ist ein Mythos.“ Der FDP sei es gelungen, denjenigen, die mit Aktivismus fremdeln, im Thema Klimaschutz eine Alternative zu geben.


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Laut Politikwissenschaftler Uwe Jun von der Universität Trier haben dagegen klassische FDP-Themen überzeugt: Die FPD habe es gut verstanden, das Thema der Freiheitsrechte zu besetzen, das gerade für junge Wähler wichtig sei, erläutert Jun der MOPO. In der Corona-Pandemie habe die FDP etwa Lockdowns als „einfallslos“ kritisiert. Zudem seien Digitalisierung und Bildung jungen Wählern wichtig. Trotzdem habe es geholfen, dass auch die FDP das Klima-Thema abdeckte. So sei hier keine Leerstelle gelassen geworden, die gerade jungen Wählern negativ auffalle.

FDP und Grüne: Stärker in den sozialen Medien

Auch die Art des Wahlkampfs zählte sich aus, glauben die Politikexperten. Denn sowohl die Grünen als auch die FDP setzen deutlich stärker auf die sozialen Medien als die SPD oder Union. Christian Lindner (FDP) hat fast 490.000 Follower auf Twitter, Annalena Baerbock (Grüne) folgen immerhin fast 374.000 – und damit noch fast doppelt so viele wie Armin Laschet (CDU) und Olaf Scholz (SPD) mit nur 186.000 bzw. 188.000 Followern.

Bei einer früheren Hochrechnung lag die FDP bei Erstwählern sogar noch vor den Grünen. Das wurde später angeglichen.

„Die Figur Christian Lindner funktioniert nach wie vor sehr gut, aber ich glaube auch, dass andere, jüngere FDP-Politiker und -Politikerinnen wie Konstantin Kuhle, Johannes Vogel oder Gyde Jensen mit ihrer Präsenz in den sozialen Medien und ihrer Art Politik zu machen einen Einfluss hatten“, sagt Hügelmann. Auch Jungwähler Wenzler hat sich neben anderen Medien vor allem über Twitter und Instagram informiert. „Die FDP hat auch unsere Formate verstanden“, sagt er. „Sie haben zum Beispiel über Instagram-Reels in kurzen Videos die Probleme und ihre Lösungen kurz und knackig auf den Punkt gebracht.“

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Werden die FDP und die Grünen die Union und SPD somit langfristig ablösen? Abnehmende Parteienbindung mache langfristige Prognosen schwer, meint Jun. Aber eins sei klar: Die Erosion der Volksparteien sei kaum noch aufzuhalten.

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