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Videoaufnahmen der Überwachungskameras zeigen den Angriff der russischen Soldaten auf den Wohnkomplex in Hostomel.
  • Videoaufnahmen der Überwachungskameras zeigen den Angriff der russischen Soldaten auf den Wohnkomplex in Hostomel.
  • Foto: twitter.com/nytimes

Verstörende Videos: Russen stürmen Wohnkomplex und nehmen offenbar Geiseln

„Erst eroberten sie ihre Stadt, dann ihre Häuser“: Unter dieser Überschrift berichtet die „New York Times (NYT)“ von angeblichen Angriffen russischer Soldaten auf eine Wohnsiedlung in einem Kiewer Vorort. Mehrere Bewohner sollen aus ihren Wohnungen geholt und als Geiseln genommen worden sein.

Die Zeitung schreibt, sie habe mit mehreren von ihnen gesprochen. Roman Naumenko ist demnach einer von ihnen. „Wir haben die russische Infanterie auf der Überwachungskamera unseres Gebäudes gesehen“, zitierte ihn die „NYT“. Nach seinen Schilderungen soll es am 3. März einen Raketenangriff auf den Wohnkomplex Pokrovsky gegeben haben. Er liegt in Hostomel, einem Vorort von Kiew, nahe am gleichnamigen Flugplatz. Dieser ist seit Kriegsbeginn heftig umkämpft. Die Russen wollen ihn unbedingt einnehmen, um mehr militärisches Equipment vor die Tore der ukrainischen Hauptstadt bringen zu können.

Bericht: Russen nahmen angeblich rund 200 Bewohner als Geiseln

Laut Naumenko stürmten russische Soldaten kurz nach dem Raketenangriff in die Wohnsiedlung mit 14 Gebäuden. Sie fielen in mehrere Appartements ein, zerrten die Bewohner nach draußen und nahmen rund 200 von ihnen als Geiseln. Viele von ihnen wurden demnach in die Kellern ihrer eigenen Gebäude gesperrt. Man nahm ihnen ihre Telefone ab und besetzte ihre Wohnungen, hieß es in dem Bericht weiter. Andere durften in ihren Appartements bleiben, wurden aber eingesperrt.

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Einige Bewohner sollen sich vor den Russen in ihren Wohnungen oder anderswo in den Gebäuden versteckt haben, diese seien wie „Gefangene in ihrem eigenen Zuhause“ gewesen, so die „NYT“. Denn die Invasoren nutzten mehrere Wohnungen als Scharfschützenstellungen.

„Ich habe meiner Tochter geschrieben. Ich verabschiedete mich von ihr“

Auch Lesya Borodjuk gab an, von den Russen als Geisel genommen worden zu sein. „Es war wirklich beängstigend“, sagte sie unter Tränen zur „NYT“. „Ich habe meiner Tochter geschrieben. Ich verabschiedete mich von ihr.“ Eine weitere Bewohnerin namens Ksenia berichtete, sie habe mit ihrem Mann und ihren Kindern von ihrem Fenster im zweiten Stock aus beobachtet, wie die Angreifer sich ihrem Zuhause näherten. „Wir wussten nicht, was mit uns passieren würde“, zitierte sie die Zeitung. „Es war einfach ein totaler Zustand der Angst.“

Mehrere der interviewten Opfer stellten den Journalisten Videoaufnahmen zur Verfügung. Darunter sind auch Bilder von Überwachungskameras. Sie zeigen laut „NYT“ „mindestens ein Dutzend russischer Truppen und Infanterie-Kampffahrzeuge“ auf dem Parkplatz vor dem Wohnkomplex und Soldaten, die mit schweren Maschinengewehren und Hunden die Bewohner bedrohen.

Stellenweise sollen die Soldaten Stockwerk für Stockwerk alle Türen eingeschlagen und die Bewohner aus den Appartements gezogen haben, hieß es in dem Bericht weiter. „Menschen wurden aus den Wohnungen geworfen“, schilderte Bewohnerin Elena Anischtschenko. „Sie sagten uns: ‚Sei nicht böse auf uns, aber wenn wir dein Handy finden, wirst du auf der Stelle erschossen’“.

Die Angreifer wussten zum Teil offenbar nicht mal, warum sie in der Ukraine sind

Einige der Opfer berichten, sie durften aus den Kellern zeitweise zurück in ihre Wohnungen, um Essen und warme Kleidung zu holen, denn unter der Erde sei es eiskalt gewesen. „Die Leute gerieten in Panik“, schilderte Anishchenko, „jeder hatte seine Belastungsgrenze überschritten.“ Schließlich sollen hundert oder mehr Soldaten vor den Gebäuden patrouilliert sein, einige lebten sogar in den Wohnungen.

Wie Borodjuk der „NYT“ erzählte, hätten einige der jüngeren Angreifer nicht einmal gewusst, warum sie hier in der Ukraine seien. Als Gefangene einen Soldaten demnach fragten, warum er hier sei, soll dieser weinend geantwortet haben: „Wo bin ich? Und was soll ich machen?“

„Die Dinge, die ich in Hostomel gesehen habe, waren ein Alptraum“

Am 9. März gab es in den umkämpften Gebieten eine Feuerpause, auf die sich Ukraine und Russland geeinigt hatten. Die Bewohner der Siedlung Pokrovsky erfuhren davon über heimlich eingeschaltete Handys und als Hilfskonvois durch ihre Straße rollten. Einigen gelang so die Flucht über humanitäre Evakuierungskorridore. „Auf dem Weg nach draußen haben wir Leichen gesehen, die auf dem Boden lagen“, sagte Anishchenko der Zeitung. „Wir haben zerstörte und verbrannte Autos mit Toten darin gesehen.“


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Als Naumenko mit seiner Frau den Wohnkomplex verließ, schrieb die „NYT“, habe ein Soldat sie gewarnt, dass er sie nicht erschießen würde – aber diejenigen, die anderswo patrouillierten, könnten es tun. „Die Dinge, die ich in Hostomel gesehen habe, waren ein Alptraum“, so der Mann, der jetzt in Kiew ist und dort gegen die Russen kämpfen will. „Ich möchte nicht, dass das hierher kommt.“ (mik)

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