Ein ukrainischer Soldat breitet eine Decke über de Leichen mehrerer verbrannter Frauen in Butscha.
  • Ein ukrainischer Soldat breitet eine Decke über die Leichen mehrerer verbrannter Frauen in Butscha.
  • Foto: Imago / Zuma Wire

Das Massaker von Butscha: Straßen voller Leichen – Klitschko spricht von „Völkermord“

Es muss ein furchtbarer Anblick gewesen sein: Nachdem sich russische Truppen am Wochenende aus mehrere Vororten der ukrainischen Hauptstadt zurückgezogen haben, wurden etwa in Butscha Dutzende tote Zivilisten entdeckt. Beobachter reagierten entsetzt und forderten Konsequenzen – auch von Deutschland.

Ukrainische Truppen haben in der zurückeroberten Stadt Butscha nordwestlich von Kiew Dutzende tote Zivilisten entdeckt. Viele von ihnen seien von russischen Soldaten erschossen worden, twitterte der ukrainische Präsidentenberater Mychajlo Podoljak am Samstagabend. „Sie waren nicht beim Militär, sie hatten keine Waffen, sie stellten keine Bedrohung dar“, schrieb er.

Straßen in Butscha laut Augenzeugen mit Leichen übersät

Die Straßen der Kleinstadt seien mit Leichen übersät. Es stünden Autos auf den Straßen, in denen „ganze Familien getötet wurden: Kinder, Frauen, Großmütter, Männer“. Podoljak weiter: „Wie viele derartige Fälle ereignen sich gerade in den besetzten Gebieten?“

Auf einem Foto, das der Präsidentenberater in einem seiner Tweets teilte, waren erschossene Männer zu sehen, bei einem von ihnen waren die Hände auf dem Rücken gefesselt. Reporter vor Ort fotografierten verbrannte oder teilverbrannte Leichen. Videos im Netz zeigten zudem, wie Autos auf den Straßen in Butscha Schlangenlinien fuhren, um den vielen Leichen auszuweichen.

Ein ukrainischer Soldat geht entlang von Leichen auf einer zerstörten Straße in Bucha.
Ein ukrainischer Soldat geht durch eine zerstörte Straße in Butscha. Fast 300 Zivilisten wurden entlang der Straße getötet – die meisten versuchten, den Fluss Buchanka zu überqueren, um in das ukrainisch kontrollierte Gebiet zu gelangen.

Reporter der Nachrichtenagentur AFP, die nach dem russischen Abzug in Butscha waren, sahen auf einer einzigen Straße in dem Ort mindestens 20 Leichen liegen. Die Toten trugen zivile Kleidung. Auch Wohnhäuser wurden durch Granatenbeschuss beschädigt und auf den Straßen waren zerstörte Autos zu sehen, so die Reporter.

Die Behörden beerdigten rund 280 Zivilisten in Butscha in einem Massengrab. Die Leichen konnten während der russischen Besatzungszeit nicht beigesetzt werden, verlautete nach Angaben der „Ukrajinksa Prawda“ aus der Verwaltung.

Beobachter sprechen von „Massaker“ in Butscha

Die Bilder lösten weltweit Entsetzen aus. Die ukrainische Zeitung „Kyiv Independent“ bezeichnete sie als „Horror-Fotos“, die ukrainische Journalistin Olga Rudenko schrieb auf Twitter: „Ich habe keine Worte, die ausdrücken könnten, was ich fühle, aber so etwas habe ich noch nie zuvor gefühlt.“

Der Autor Dan Peleschuk sprach von einem „Massaker“, sein Kollege Anton Shekhovtsov von einem „Genozid“, der ehemalige ukrainische Botschafter in Wien Olexander Scherba von „Barbarei“. Auch Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko zeigte sich gegenüber „Bild“ überzeugt: „Das, was in Butscha und anderen Vororten von Kiew passiert ist, kann man nur als Völkermord bezeichnen.“ Und die ukrainische Bürgerrechtlerin Oleksandra Matviichuk befürchtete: „Wenn die Fotos aus dem befreiten Butscha, wo nur 42.000 Menschen lebten, für uns Horror und Schock bedeuten, welche Hölle erwartet uns dann in Mariupol?“

Zu den Zuständen in Butscha könnten westliche Regierungsvertreter nicht schweigen, forderte der in Berlin ansässige Osteuropa-Experte Sergej Sumlenny: „Ich habe Fragen an Scholz, Merkel, Steinmeier, Maas, Baerbock, Lambrecht, Gabriel, Platzeck und andere“, schrieb er auf Twitter. Auch der ehemalige estnische Präsident Toomas Hendrik Ilves forderte Reaktionen von „Scholz, Macron, Orban und Biden“ auf das „Massaker von Butscha“.

Russen-Abzug wegen Umgruppierung der Streitkräfte?

Die ukrainische Regierung wertete den „schnellen Rückzug“ der russischen Truppen aus dem Großraum Kiew und der weiter nördlich gelegenen Region Tschernihiw als Beleg für den von Moskau angekündigten Strategiewechsel. Die russische Armee wolle sich nun „nach Osten und Süden zurückziehen und dort die Kontrolle über große besetzte Gebiete behalten“, sagte Podoljak.

Selenskyj erwartete angesichts des nachlassenden militärischen Drucks im Norden „mächtige Angriffe“ im Osten, vor allem auf das seit Wochen belagerte Mariupol. Die Ukraine brauche nun „schwere Waffen“, um in besetzte Gebiete im Süden und Osten vorzustoßen „und die Russen so weit wie möglich zurückzudrängen“, sagte sein Berater Podoljak. (mik/dpa/afp)

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