Der Hamburger Zoll präsentiert einen kleinen Teil sichergestellten Kokains. (Symbolbild)
Der Hamburger Zoll präsentiert einen kleinen Teil sichergestellten Kokains. (Symbolbild)
  • Der Hamburger Zoll präsentiert einen kleinen Teil sichergestellten Kokains. (Symbolbild)
  • Foto: dpa | Marcus Brandt

Traumregion für Dealer: Koks-„Tsunami“ überrollt Europa

An Kokain zu kommen, ist in Europa mittlerweile kaum schwieriger als sich eine Pizza liefern zu lassen. Der „Kunde“ ordert den Stoff bei einem verschlüsselten Whatsapp- oder Signal-Konto und bekommt ihn kurze Zeit später von einem motorisierten Boten ins Haus geliefert – für etwa 70 Euro das Gramm. Dabei wird Europa immer stärker von lateinamerikanischen Kokain-Kartellen ins Visier genommen.

Das Drogen-Geschäft wirft in Europa mittlerweile so hohe Gewinne ab, dass die Profiteure zu hohen Schmiergeldern, aber auch zu massiver Gewalt bereit sind. Im Jahr 2021 haben etwa 3,5 Millionen Europäer laut Europäischer Drogen-Beobachtungsstelle EMCDDA mindestens ein Mal Kokain konsumiert. Das sind vier Mal mehr als noch vor 20 Jahren – historischer Höchststand.

In Europa wird so viel gekokst wie noch nie

Dass das Angebot ebenso wächst wie die Nachfrage, dafür spricht der Rekordstand an Kokainbeschlagnahmungen in Europa: 2021 fanden Drogenfahnder laut Europol insgesamt 240 Tonnen des aufputschenden Pulvers. 2020 waren es noch 213 Tonnen, ein Jahrzehnt zuvor nur 49 Tonnen. Der Trend setzt sich offenbar fort: Allein in den Häfen von Antwerpen und Rotterdam beschlagnahmten die Zollbehörden Belgiens und der Niederlande vergangenes Jahr 162 Tonnen Kokain.

Der Chef der belgischen Polizeibehörde zur Bekämpfung von organisierter Kriminalität, Eric Snoeck, spricht von einem „Tsunami“. Auch der deutsche Zoll verwies Ende Dezember anlässlich des Funds von 3,6 Tonnen Kokain im Hamburger Hafen auf den „anhaltend hohen Zufuhrdruck von Kokain nach Europa“. Etwa 90 Prozent des Kokains werden in Schiffscontainern nach Europa geschmuggelt, versteckt zwischen normalen Gütern wie Bananen oder Thunfischdosen.

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Hergestellt wird das Kokain in Lateinamerika, etwa zwei Drittel des Stoffs kommt aus Kolumbien. Es sind aber mittlerweile Banden in Mexiko wie die Kartelle Sinaloa und Jalisco, die fast den gesamten Kokain-Export aus Lateinamerika in den Rest der Welt kontrollieren.

In den USA ist der Markt gesättigt, deswegen nimmt der Kokainhandel in Europa zu. Die Drogen-Dealer bestechen dazu Hafenarbeiter, Lkw-Fahrer, Mitarbeiter der Hafenverwaltungen und Zollbeamte. Für einen hübschen Nebenverdienst leihen Hafenarbeiter den Schmugglern ihre Zugangskarten, lassen Laster mit Drogen-Fracht passieren oder verrücken auf dem Hafengelände Container, so dass diese nicht mehr von Überwachungskameras erfasst werden.

Koks-Mafia schreckt vor Gewalt und Tötungen nicht zurück

Der Kokainhandel ist äußerst lukrativ. Ein Kilogramm, das in Südamerika im Einkauf 1000 Dollar (923 Euro) kostet, verkauft sich in Europa für 35.000 Euro. Die marokkanischstämmige „Mocro-Mafia“ in Belgien und den Niederlanden, albanische, serbische und kosovarische Banden und die italienische ‚Ndrangheta, die sich den Drogenhandel in Europa nach Regionen und Geschäftsschwerpunkten aufteilen, sind bereit, ihre Interessen mit äußerster Gewalt zu verteidigen.

In Antwerpen zeigt sich das etwa in Schießereien und Attacken mit Handgranaten. Erst am Donnerstag ereigneten sich Schüsse und eine Explosion rund um einen Wohnblock, es blieb bei schwerem Sachschaden. Am 9. Januar starb eine Elfjährige durch Schüsse auf ein Wohnhaus. Im September wurde der Plan vereitelt, den belgischen Justizminister zu entführen.

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In Amsterdam wurde am 6. Juli 2021 der bekannte Journalist Peter R. de Vries im Zusammenhang mit der Drogenkriminalität erschossen. Außerdem scheint es vergangenen Herbst Pläne der Drogenbanden gegeben zu haben, die niederländische Kronprinzessin Amalia oder Regierungschef Mark Rutte ins Visier zu nehmen.

Hinzu kommen Entführungen von Lagerarbeitern in nordeuropäischen Häfen sowie die Folter und Ermordung von Konkurrenten und anderen Gegnern. So entdeckte die niederländische Polizei 2020 Container, die zu Gefängnissen und Folterkammern umgebaut waren.

Dealer-Banden setzen auf Folter und „unglaubliche Gewalt“

Der belgische Polizeichef Snoeck sagt, auch seine Ermittler seien auf „völlig unglaubliche Gewalt“ gestoßen. Es gebe bei den Drogenbanden „sehr, sehr geringe Hemmungen, jemanden zu foltern, der gute Informationen hat, oder einfach jemanden zu exekutieren, der den Vertrag nicht eingehalten hat“, berichtet er. „Da läuft es einem kalt den Rücken hinunter.“ (afp/mp)

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