Frauen tanzen in der Bar Fibre.
  • Am „Freedom Day“ fielen in Großbritannien fast alle Corona-Regeln weg. Seitdem darf wieder getanzt und gefeiert werden.
  • Foto: (c) dpa

Der überraschende Knick: Warum sinkt die Inzidenz in Großbritannien plötzlich?

Wochenlang kannte die Sieben-Tage-Inzidenz in Großbritannien nur eine Richtung: steil nach oben. Immer mehr Menschen steckten sich mit Corona an, der Wert lag zwischenzeitlich bei fast 500. Doch nun sinkt die Kurve – obwohl jüngst am „Freedom Day“ sämtliche Einschränkungen abgeschafft worden waren. Was steckt hinter der überraschenden Entwicklung?

Das Entsetzen bei vielen war groß, als der britische Premier Boris Johnson im Frühsommer ankündigte, spätestens am 19. Juli würden sämtliche Corona-Einschränkungen aufgehoben. Denn das Land befand sich da gerade mitten in der vierten Welle, die Infektionszahlen explodierten. Zwischenzeitlich lag die Sieben-Tage-Inzidenz bei 492. Johnson jedoch ließ sich nicht beirren. Die Grundlage für sein kühnes Vorhaben: die verhältnismäßig hohe Impfquote von gut 55 vollständig und rund 68 zumindest einfach Geimpften in Großbritannien. 

Die gute Impfquote allein erklärt aber nicht den aktuellen Abfall der Inzidenz – sie lag gestern bei 337,5. Der „Spiegel“ hat weitere Ansätze zusammengetragen.

Schottland brachte die landesweite Kurve zum Fallen

Tatsächlich entwickelten sich die Inzidenzwerte im Vereinigten Königreich unterschiedlich. Als erstes sanken die Zahlen im Landesteil Schottland, während sie in England, Wales, Nordirland weiter stiegen. 

Durch das Absinken in Schottland wurde auch die landesweite Kurve von steigend in fallend gedreht. Kit Yates, mathematischer Biologe an der Uni in Bath vermutet, dass frühzeitige Schulschließungen in Schottland zu Beginn der vierten Welle dort die Kurve rasch abflachen ließen. 

Festivalbesucher kommen beim Latitude Festival in Henham Park an.
Auch Festivalbesuche sind seit dem „Freedom Day“ wieder möglich.

Auch der Fußball könnte dabei eine Rolle gespielt haben: Schottland schied bereits früh bei der Europameisterschaft aus – kurz danach sanken dort die Zahlen. In England ging sie erst rund eine Woche nach dem Finalspiel gegen Italien am 17. Juli zurück. Vermutet wird, dass sich in Schottland nach dem Ausscheiden weniger Menschen zum gemeinsamen Mitfiebern in Pubs und Wohnzimmern getroffen haben – somit gab es weniger Ansteckungswege. 

Die Menschen hielten sich im Freien auf

Nach Ende des Turniers gingen übrigens auch in England die Zahlen zurück. Ein Zusammenhang mit dem Fußball sei „durchaus plausibel“, sagte auch Rowland Kao, Epidemiologe an der Uni in Edinburgh, im „Guardian“.

Eine weitere Rolle könnten die Sommerferien gespielt haben: Weil ihretwegen landesweit die Schulen zu sind, gibt es weniger Kontakte und Übertragungswege. 

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Stichwort Sommer: Der war in den letzten Wochen in Großbritannien ziemlich gut – weswegen sich wohl weniger Menschen drinnen und mehr Menschen draußen aufgehalten haben, wodurch es womöglich weniger Ansteckungen gab.

Die Folgen des „Freedom Day“ werden sich erst zeigen

Möglich ist auch, dass Infektionen weniger auffallen und gemeldet werden als früher. Vulnerable Gruppen, die eine Infektion besonders hart treffen würde, sind mittlerweile fast gänzlich durchgeimpft. Jüngere, ungeimpfte Betroffene entwickeln oft nur leichte oder kaum Symptome, sodass eine Ansteckung oft unbemerkt bleibt oder nicht angegeben wird – aus Angst vor Quarantäne.

Was genau die Zahlen nun hat sinken lassen, ist unklar. Klar ist aber für viele Experten: Sie dürften bald wieder deutlich ansteigen. Infektionen, die nach und wegen des „Freedom Day“ erfolgten, dürften erst nach und nach in die Statistik einfließen.

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„In den heutigen Zahlen sind die Auswirkungen des Endes der Beschränkungen vom vergangenen Montag noch nicht enthalten“, sagte Paul Hunter von der University of East Anglia der BBC. Erst ab Freitag werde sich zeigen, welchen Effekt der „Freedom Day“ hat.

Schon jetzt gibt es mehr Krankenhauseinweisungen

Problematisch dabei: Schon jetzt steige die Zahl der Krankenhauseinweisungen in Großbritannien exponentiell, sagte Donald Richardson, stellvertretender medizinischer Direktor einer Yorker Klinik, zur BBC. Diese Entwicklung dürfte durch den erwarteten, neuerlichen Anstieg weiter befeuert werden.

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Da Phänomen des zeitlichen Verzugs lässt sich derzeit übrigens auch in den Niederlanden beobachten – allerdings umgekehrt: Auch dort gab es ab Ende Juni, nachdem die Regierung fast alle Einschränkungen abgeschafft hatte, einen steilen Anstieg der Sieben-Tage Inzidenz. Am 20. Juli lag der Wert bei fast 415. Seitdem sinkt er jedoch – exakt zehn Tage, nachdem die Regierung die Maßnahmen wieder verschärft hat. 

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