Die Flüchtlinge harren im Lager Lipa unter unmenschlichen Bedingungen aus.
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Flüchtlinge in Bosnien: „Der Tiefpunkt der Menschenwürde“

Bihac/Sarajevo –

Menschen mit bloßen Füßen im Schnee, kaum Planen, Schlafsäcke oder Decken zum Schutz vor der Kälte: Die Bilder aus dem bosnischen Lipa sind fürchterlich. Hunderte Geflüchtete harren bei eisigen Temperaturen zwischen ausgebrannten Zelten aus. Es gibt weder Heizung noch fließendes Wasser. Wie es mit den Menschen weitergeht, ist völlig unklar. Was ist da los und warum hilft niemand?

„Die, die Entscheidungen über Migranten treffen, sollten sich das hier mal ansehen“. Selam Midzic vom bosnischen „Roten Kreuz“ ist verzweifelt. In der „Tagesschau“ schilderte er die unmenschlichen Zustände im abgebrannten bosnischen Flüchtlingslager Lipa. „Man muss hier bald handeln – wenn es geht, schon heute. Wir können nicht mehr auf morgen warten.“ Auch ARD-Korrespondentin Andrea Beer berichtet Schlimmes. Auf Twitter postete sie ein Bild zweier Flüchtlinge im Schnee und schrieb dazu: „Diese beiden Männer befreien das Dach eines Toilettenhäuschens von Eis. Es ist ihr Schlafplatz.“

Ohne Heizung im Schnee: Über tausend Flüchtlinge harren in ausgebranntem Lager aus

Vor fast anderthalb Wochen war das Elendslager von der Internationalen Organisation für Migration (IOM) geräumt worden, weil die bosnischen Behörden ihre Zusagen nicht eingehalten hatten, es winterfest zu machen. Mehr als tausend Geflüchtete und Migranten waren in dem unwirtlichen Gelände 25 Kilometer südöstlich von Bihac ohne Obdach geblieben – bei Schnee, Eis und Kälte.

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Vor anderthalb Wochen war das Lager Lipa an der Grenze zur EU in Flammen aufgegangen.

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Aus Wut und Verzweiflung sollen einige Männer das Lager nach der Räumung angezündet haben. Die ohnehin kaum vorhandene Infrastruktur wurde fast komplett zerstört. Seitdem hatten die rund 1000 Bewohnerinnen und Bewohner ohne Heizung, Strom oder fließendes Wasser zwischen den niedergebrannten Zelten ausgeharrt. Es handelt sich hauptsächlich um junge Männer, die aus Afghanistan oder Pakistan über die sogenannte „Balkanroute“ in die EU kommen wollten. Manche von ihnen tragen nur Badeschlappen an den Füßen.

Bosnien: Rotes Kreuz spricht vom „Tiefpunkt der Menschenwürde“

Am 29. Dezember, eine Woche nach dem Brand, sollten die Geflüchteten mit Bussen vorübergehend aus dem Lager an einen anderen Ort gebracht werden. Es sollte nach Bradina in der Nähe von Sarajevo gehen, wo man sie in einer alten Kaserne unterbringen wollte. Doch die bereits vollbesetzten Busse kamen nicht an: Proteste lokaler Politiker und Anwohner in Bradina verhinderten das. Nach 30 Stunden in den Bussen brachte man die Menschen zurück in kläglichen Reste des Camps.

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Mit Bussen sollten die Menschen eigentlich in eine andere Unterkunft gebracht werden. Doch Anwohner und Politiker verhinderten es mit ihrem Protest.

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Die Migranten vegetieren nun weiter in Lipa vor sich hin. Freiwillige, Zivilisten und Hilfsorganisationen wie das bosnische Roten Kreuz versorgen sie mit täglich einer warmen Mahlzeit. Laut  „Tagesschau“ soll von staatlicher oder EU-Seite keinerlei Hilfsangebot eingerichtet sein. Das  Rote Kreuz sprach von einem „Tiefpunkt der Menschenwürde“.

Flüchtlinge in Bosnien und Herzegowina schweben in Lebensgefahr 

Auch die Hilfsorganisation „Care“ zeigte sich entsetzt: „Die Schließung des Camps in Lipa einen Tag vor Weihnachten war bereits unmenschlich, aber jetzt befinden sich die ehemaligen Bewohner in einer lebensbedrohlichen Situation. Ohne Heizung und angemessene Kleidung müssen 1300 Migrantinnen und Migranten draußen schlafen, weil sie keinen Zufluchtsort mehr haben. Einige von ihnen wurden mit Sandalen im Schnee zurückgelassen“, sagte Sumka Bucan von „Care“.

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In dem Lager leben über tausend Flüchtlinge mit der Hoffnung auf ein besseres Leben in Europa.

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Wieso hilft den Menschen keiner? Beobachter vermuten politischen Druck. Seit Jahren wird in Bosnien-Herzegowina gegen Asyl-Camps und Flüchtlingsaufnahme protestiert. Auch gegen das IOM wurden Vorwürfe laut. ARD-Korrespondentin Beer berichtete auf Twitter von einem Gespräch mit Šuhret Fazlić, dem Bürgermeister des nahen Bihać: „Wir haben 3 Jahre geholfen, sagt (er). Er fordert, dass Flüchtlinge/Migranten landesweit untergebracht werden. Für die Zustände in Lipa macht er IOM verantwortlich. Menschen seien obdachlos, während IOM Mitarbeiter mit Familien die Feiertage verbringen würden.“

Menschen müssen weiter im Elendslager Lipa bleiben

Und die EU? Die schlug zur Lösung der Situation vor, das benachbarte Lager Bira wieder zu öffnen. Dort waren die Migranten untergebracht, ehe sie nach Protesten der Bevölkerung im September nach Lipa gebracht worden waren. Es gebe dort Heizung, Strom, fließendes Wasser und Plätze für 1500 Menschen, hieß es. Der Vorschlag scheiterte jedoch erneut am Widerstand der lokalen Politik.

Am Freitag hat die bosnische Armee begonnen, erneut Zelte zu errichten. Die Menschen müssen weiter in Lipa bleiben. (prei/mik)

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