• Zittern im Winter: Zwei Millionen Menschen hatten hierzulande 2019 zu wenig Geld zum Heizen.
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Erschreckende Statistik: Millionen können sich hierzulande Heizen nicht leisten

Berlin/Wiesbaden –

Heizen als Luxus? Laut Statistischem Bundesamt konnten es sich 2019 rund zwei Millionen Menschen in Deutschland nicht leisten, ihre Wohnung warm zu halten. Noch schlimmer sieht es aus, schaut man sich an, wie viele Menschen insgesamt in Armut leben. Seit der Wende wächst der Wert stetig, mittlerweile sind es 13 Millionen. Und Corona dürfte die Lage wohl nicht verbessern.

Zwei Millionen Menschen, die aus Armut frieren mussten – das entspricht etwa 2,5 Prozent der Bevölkerung. Immerhin: Diese Quote sank zuletzt. Laut Statistischem Bundesamt konnten 2009 noch 5,5 Prozent der Bevölkerung nicht angemessen heizen. Und: Bei den neuesten Zahlen steht Deutschland im Europavergleich noch gut da. Andere Länder trifft es deutlich härter. Etwa die „Spitzenreiter“ Bulgarien (30,1 Prozent), Litauen (26,7 Prozent) und Zypern (21 Prozent). Am wenigsten betroffen waren Schweden, Österreich und Finnland mit je knapp zwei Prozent.

Besonders hart traf es Alleinerziehende

Also doch Entwarnung? Eher nicht. Besonders hart betroffen: Alleinstehende, bei denen rund 4,8 Prozent der Haushalte kalt blieben. Und Alleinerziehende, dort waren es sogar sieben Prozent, also jede/r vierzehnte.

Erst im November 2020 hatte der Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes gezeigt: 13,2 Millionen Menschen in Deutschland leben in Armut, bei Alleinstehenden etwa hieße das: Sie haben ein Nettoeinkommen von 781 Euro oder weniger. Mit 15,9 Prozent der Bevölkerung liegt die Quote damit auf einem Höchststand seit der Wiedervereinigung im Jahr 1989.

Paritätischer Wohlfahrtsverband: „Wachsende Armut trotz gestiegenen Wohlstands“

Andreas Aust, sozialpolitischer Referent des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, sieht eine „wachsende Armut trotz gestiegenen Wohlstands“, wie er im Gespräch mit der MOPO sagte. „Die Früchte des Wachstums sind sehr unterschiedlich verteilt.“ Und: Die Corona-Pandemie dürfte als weiterer Risikofaktor hinzukommen. Kurzarbeit, geringere Einkommen, Arbeitsmarktverwerfungen – Armut dürfte sich eher noch verschärfen.

Die dringendste Maßnahme laut Aust: Die Leistungen der Grundsicherung müssten angehoben werden. „Sie sind derzeit viel zu niedrig, um vernünftig davon leben zu können.“ Und konkret zum Heizkosten-Problem: Bei der Grundsicherung würden angemessene Kosten zwar übernommen, viele aber würden dies aus Scham oder anderen Gründen nicht beantragen. Und bei denjenigen, die leicht über der Grundsicherung liegen mit ihrem Einkommen, müsste das Wohngeld mit entsprechenden Heizkosten-Übernahmen möglichst aufgestockt werden, so Aust.

Ein weiteres Problem: Renten unterhalb der Armutsgrenze

Ein weiteres, wachsendes Problem: Renten unterhalb der Armutsgrenze. Eine Kleine Anfrage von Linken-Co-Fraktionschef Dietmar Bartsch hatte zuletzt thematisiert, wie viele Beschäftigte derzeit so wenig verdienen, dass sie auch nach 45 Jahren Erwerbsarbeit keine Rente über der Grundsicherung bekämen. Die Antwort des Arbeitsministeriums von Hubertus Heil (SPD): Im Jahr 2019 habe es „insgesamt rund 2,9 Millionen sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigte mit einem Entgelt unterhalb des Schwellenwertes von monatlich 2050 Euro“ gegeben. „Skandalös“ nannte Bartsch diese Zahl, das sei „nahezu jeder Siebente“.

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Dietmar Bartsch, Co-Fraktionschef der Linken im Bundestag, zur MOPO: „Das ist wahrhaft sozial kalt.“

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Die MOPO befragte Bartsch auch zum Thema Heizen. „Dass sich Menschen in Deutschland die Heizung nicht leisten können, ist wahrhaft sozial kalt“, so der Linken-Politiker. „Wir brauchen für jeden Haushalt ein Grundkontingent für Heizung und Strom. Es kann doch nicht sein, dass Kinder beim Homeschooling in Winterjacke am Küchentisch sitzen, weil das Geld nicht für die Heizung reicht.“

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Auch Dagmar Schmidt aus der AG „Arbeit und Soziales“ der SPD-Bundestagsfraktion sagte zur MOPO: „Die Gründe mögen im Einzelfall unterschiedlich sein, aber man kann wohl davon ausgehen, dass das Problem zu geringe Einkommen sind.“ Daher fordere ihre Fraktion einen Mindestlohn von 12 Euro und eine Kindergrundsicherung.

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