Der Tornado am 29. September 2021 über der Kieler Uferpromenade.
  • Der Tornado am 29. September 2021 über der Kieler Uferpromenade.
  • Foto: Philipp Brandl/dpa

Verwüstungen und Schwerverletzte nach Tornado: „Das war knapp!”

„Auf einmal gab es ein mega pfeifendes Geräusch und es hat fürchterlich geknallt“: So beschreibt eine Augenzeugin den Tornado, der am Mittwochabend in Kiel Menschen in die Förde gerissen und Dächer abgedeckt hat. Die Stadt sei nur knapp mit einem „blauen Auge“ davon gekommen, sagt ein Meteorologe.

Zu den sechs Verletzten zählen mehrere Personen, die gerade versuchten, an der beliebten Promenade Kiellinie ein Ruderboot aus dem Wasser zu bergen, als plötzlich die heftig rotierende Luftsäule auftauchte – ein relativ kleiner Wirbel, nur rund zehn Meter Durchmesser am Boden, trotzdem riss der Unterdruck die Menschen von den Füßen und wirbelte sie in die Förde: „Das ging so schnell“, erzählt Augenzeuge Uwe Johannsen (91) vom Ersten Kieler Ruder-Club von 1862: „Da kam eine riesige Böe und fegte die Leute vom Steg ins Wasser, zwei waren besinnungslos. Die Leute wurden nur so ins Wasser gerissen, schlimm.“ Andere wurden von umherfliegenden Trümmern verletzt.

Tornado in Kiel: Menschen in Förde gerissen

Trotz des schockierenden Erlebnisses steigt der sportliche Senior schon wenig später wieder in sein schmales Ruderboot – genau an dem Steg, an dem nur 16 Stunden zuvor der Tornado gewütet hatte. Johannsen ist Schlagmann in einem Vierer mit Steuerfrau: „Das mache ich jetzt schon 71 Jahre“, kommentiert er: „Da rudert man einfach weiter.“

Vier Personen in Ruderboot
Augenzeuge Uwe Johannsen (91, vorne) stieg schon am nächsten Tag am Kieler Förde-Ufer wieder in sein Ruderboot.

Sechs Verletzte, dazu mehrere abgedeckte Dächer – es hätte noch viel schlimmer kommen können: „Wir sind da mit einem blauen Auge davon gekommen“, sagt Meteorologe Andreas Villwock vom Kieler Geomar-Forschungsinstitut: „Aber das war natürlich ganz knapp.“ Wäre der Tornado durch die Innenstadt gezogen, hätten Dachziegel wie Geschosse durch die Gegend fliegen können.

Stattdessen zog der Windrüssel vom Kieler Süden aus in Richtung Förde, dicht an den Werften ThyssenKrupp Marine Systems und German Naval Yards am Ostufer vorbei bis zur Promenade Kiellinie am Westufer, wo es beim Ruderclub zu den Verletzten kam.

Kieler Tornado: Spuk an der Kiellinie

Videos zeigen, wie der Wirbel sich kurz hinter dem beliebten Seehundbecken vor dem Geomar Helmholtz Zentrum für Ozeanforschung an Land auflöste – der Spuk hatte nur wenige Minuten gedauert. Glück im Unglück: Die Fähre in Richtung Göteborg legt in Kiel täglich gegen 18.45 Uhr ab – wäre der Tornado nur wenig später entstanden, hätte das Schiff in seine Bahn geraten können.

Der Stadtteil Meimersdorf im Kieler Süden wurde getroffen: „Es hat erst geregnet, dann war es leise“, erinnert sich Anwohnerin Angela Rose (60): „Auf einmal gab es ein mega pfeifendes Geräusch und es hat fürchterlich geknallt. Das war schrecklich“. Zuerst habe sie gedacht, die Scheiben des Mehrfamilienhauses seien zerstört worden. Stattdessen habe sich das Dach abgedeckt, die Dachgaube sei durch den Tornado zur Seite geschoben worden.

Die kleinräumigen Wirbelstürme, die aussehen wie Wasserwirbel in einem Abfluss, sind die heftigsten Windsysteme der Erde – auch wenn der Kieler Rüssel nach Einschätzung des Tornado-Experten Andreas Friedrich vom Deutschen Wetterdienst (DWD) mit 118 bis 180 Kilometer pro Stunde rotiert ist und damit „nur“ in die Kategorie 1 von 6 („verheerende Verwüstungen“) fällt. Wie gefährlich kleine Trümmer aber selbst in dieser Kategorie werden, erklärt Meteorologe Frank Böttcher mit einem Beispiel: „Man muss sich bloß mal vorstellen, man würde auf der Autobahn bei 120 Stundenkilometern die Hand aus dem Fenster halten und gegen einen Zweig stoßen, das würde erheblich wehtun.“

Warum aber erging keine Unwetterwarnung? „Die Wetterlage war eigentlich nicht so brisant, dass man mit Tornados rechnen musste“, sagt Böttcher der MOPO. „Diese kleinen, lokalen Verwirbelungen sind sehr kurzlebig und auf dem Radar kaum zu sehen, darum sind sie extrem schwer voraus zu sagen.“

Tornados: Mehr Beobachtungen in Norddeutschland

2016 hinterließ eine Windhose in Farmsen-Berne eine Schneise der Verwüstung und erst vor wenigen Wochen fegte ein Tornado durch die ostfriesische Gemeinde Großheide. Jetzt Kiel – treffen die heftigen Wirbel den Norden immer häufiger? „Tatsächlich ist die Zahl der beobachteten Tornados seit 2005 signifikant gestiegen“, bestätigt Böttcher. Als Zeichen des Klimawandels könne das aber noch nicht gelten: „Das hängt vielmehr damit zusammen, dass seitdem fast jeder ein Smartphone mit Kamera hat.“

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Auch der Klimaforscher Mojib Latif sieht in den lokalen Wirbelstürmen kein Anzeichen des Klimawandels: „Ich würde jetzt keine Verbindung zur globalen Erwärmung herstellen. Es ist ein seltenes Phänomen, das hin und wieder auftaucht, bedeutet aber keine neue Qualität.“

Mann in Steppweste
Axel Harms (74): Am 5. Mai 1973 fegte ein Tornado durch seine Kieler Dachgeschosswohnung

Es ist nicht das erste Mal, dass Kiel von einem Tornado getroffen wurde: Am 5. Mai 1973 war ein Wirbel durch Kiel gefegt – damals allerdings durch die Innenstadt. Ein Mensch starb, es gab mehr als 100 Verletzte. Der Sturm richtete Schäden von etwa 15 Millionen Euro an, betroffen waren damals auch der Kieler Hauptbahnhof und das Werftgelände.

Tornados und der Klimawandel

Axel Harms erlebte damals in seiner Obergeschoss-Wohnung im Stadtteil Hassee, wie der Wirbel minutenlang eine Schneise durch Küche, Flur, Schlaf- und Wohnzimmer schlug: „Die Schlafzimmertür hatte einen Glasausschnitt, der natürlich kaputt ging. Die Scherben sind ins Kinderbett geflogen.“ Gemeinsam mit seiner Frau habe er die Scherben aus dem Gesicht seiner dort schlafenden Tochter Nicole entfernt. Seine Familie habe den Tornado heil überstanden, auch die kleine Tochter habe keine Schramme erlitten.

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