Die Fischbestände schrumpfen kontinuierlich und auch die Abnehmer fehlen aktuell. Für Stint-Fischer Wilhelm Grube sind es harte Zeiten. (Archiv)
  • Die Fischbestände schrumpfen kontinuierlich und auch die Abnehmer fehlen aktuell. Für Stint-Fischer Wilhelm Grube sind es harte Zeiten. (Archiv)
  • Foto: Blumenthal

Corona und Elbvertiefung: Fischer bangen um Existenz: „Da kann man nicht überleben“

Hoopte –

Stinte gelten im Norden als Delikatesse, doch sind sie in den vergangenen Jahren rar geworden. Wegen der Kälte geht die Saison in diesem Frühjahr später los. Die Ausbeute kriegen die Fischer an der Elbe wegen der geschlossenen Gastronomie allerdings kaum verkauft. 

Wenn Wilhelm Grube mit etwa 50 Sachen in seinem kleinen Fischerboot über die Elbe brettert, ist er in seinem Element. Und vergisst für eine kurze Weile die Existenzsorgen, die ihn wütend und hilflos machen. „Schau mal, Jonas, die Kormorane schnappen sich die Stinte“, ruft der 65-Jährige seinem 16-jährigen Sohn lachend zu und steuert die an einer langen Leine drapierten Reusen an.

In guten Zeiten legte die Familie bis zu 170 Fangkörbe aus, derzeit sind es nur 60. Weil die Gastronomie geschlossen ist, wird der Fischer aus Hoopte in Winsen im Landkreis Harburg seine Ware kaum los. Er gilt als einziger Stintfischer östlich von Hamburg.

Niedersachsen: Fischer wird Ware nicht mehr los

Trotzdem fährt er jeden Tag raus, die Stinte müssen aus den grünen Plastiktrichtern geholt werden. Während die Ausbeute vor Corona bis zu 600 Kilogramm täglich betrug, sind es in dieser Saison etwa 100.

Die Saison im Norden startete angesichts der Kälte erst später, in der eiskalten Elbe kamen die Gurkenfische nur langsam voran. Fünf bis sechs Wochen dauert nun die Fangzeit, dann laichen die lachsähnlichen, 20 Zentimeter kleinen Tiere.

Elbfischer Wilhelm Grube

Immer weniger Fische landen in den grünen Plastiktrichtern von Stint-Fischer Wilhelm Grube. (Archiv)

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Blumenthal

Zu Hunderten purzeln sie in die blauen Plastikschalen, Filius Jonas kommt bei kühlen Temperaturen in seinem orangefarbenen Regenoverall ins Schwitzen. Trotz der schwierigen Lage will der angehende Fischwirt einmal in die Fußstapfen des Vaters treten. Der ältere Bruder Per (28) geht derzeit auf Hummerfang in Kanada und soll später auch wieder mitmischen.

Sein Angebot, für die Hauptsaison anzureisen, hat Vater Grube ausgeschlagen: zu umständlich wegen der Quarantäne und weil einfach nicht genug zu tun ist. Sechs Vollzeitangestellte mussten den Betrieb im vergangenen Jahr schon verlassen, nun geht es um die Existenz.

Fischer aus dem Norden: „Da kann man doch nicht überleben“

In guten Zeiten begingen Busgesellschaften die Stinttradition mit bis zu 400 Gästen in Grubes Lokal, nun verkauft er die Ausbeute außer Haus oder gibt sie unter Wert an einen Vogelpark ab. „Wir haben 90 Prozent Einbußen, uns geht die zweite Saison kaputt. Und man kann überhaupt nicht planen“, schimpft der Umtriebige, der als gelernter Bäckermeister morgens um 6 Uhr sogar den Teig für die Fischbrötchen selbst knetet.

Eigentlich geht bei den Stintfischern die Saison bis Ostern, die fehlende Aussicht auf die Öffnung der Gastronomie zermürbt ihn: „Da kann man doch nicht überleben.“ Wegen der Verschlickung der Elbe und des seit Jahren abnehmenden Bestandes gebe es ohnehin nur noch drei Fischer im Norden, sagt Grube.

Cuxhaven: Verschlickung und Elbvertiefung schuld

Einer davon ist Claus Zeeck. „Das ist nicht Weltklasse, aber auch nicht ganz schlecht“, berichtet er von seinem Familienbetrieb aus Geversdorf im Landkreis Cuxhaven. Es gebe wenige Stinte und die wenigen werde man trotz geschlossener Gastronomie noch los.

Für das niedrige Fangniveau macht der Fischer die seit Jahren zunehmende Verschlickung und die Elbvertiefung unterhalb von Hamburg verantwortlich. „In der Nähe der Baggergebiete wird alles aufgewühlt, bei Glückstadt haben wir eine Katjes-Tüte von 1987 gefunden“, erzählt er. „Der Nachwuchs geht kaputt, er findet nur Sand.“

Bereits im Winter ziehen die kleinen Tierchen aus der Nordsee in die Flussmündungen. Wenn es wärmer wird, machen sie sich auf zur Wanderschaft und ziehen die Flüsse hinauf zu ihren Laichplätzen.

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Der Stint sei in der Elbe die dominante Fischart und eine ganz wichtige Schlüsselart im Nahrungsnetz, erklärt Ralf Thiel, Professor an der Universität Hamburg. „Es ist der letzte große Fischbestand, nachdem der Stör schon ausgestorben und der Lachs runtergegangen ist“, sagt der Experte.

In einem vom Bund geförderten Forschungsvorhaben startet die Uni im Mai/Juni eine Bestandsaufnahme von Stint, Zander, Hering, Kaulbarsch, Finte sowie Flunder und untersucht deren Nahrungsnutzung. Für den Rückgang an der Elbe komme eine ganze Reihe von Ursachen in Frage, dazu gehörten auch der Verlust wichtiger Aufwuchsgebiete und der Klimawandel.

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