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Baustelle
  • Ein Bagger steht auf einer Baustelle. Sie gehört zum Gelände, auf dem die Firma „Northvolt" eine Fabrik errichten will.
  • Foto: dpa

Milliarden-Investitionen sollen dieser abgehängten Region einen Riesenschub geben

Vom Kohlanbau zur Energiewende: Dithmarschen setzt auf grünen Wasserstoff und einen Energie-Kreislauf. Nicht nur in eine geplante Batteriefabrik sollen Milliarden investiert werden. Kritik gibt es an der Landesregierung.

Nebel liegt über Stromleitungen des weithin sichtbaren Umspannwerks. Davor soll mitten in der Marsch bis 2032 ein neuartiges Gleichstrom-Drehkreuz entstehen, groß wie ein Möbelhaus. Netzbetreiber Tennet will hier vier Gigawatt Offshore-Windenergie aus der Nordsee ins Netz einspeisen. Die Energiewende und der erwartete Bau einer Batteriefabrik für E-Autos haben einer lange gefühlt abgehängten Gegend einen Riesenschub gegeben, Dithmarschen könnte innovative Modellregion werden. „Wir sprechen von insgesamt zehn Milliarden Euro an Investitionen“, sagt Vorstand Dirk Burmeister von der Entwicklungsagentur Heide.

Viele Windräder haben sie an der Westküste schon lange, Wasser ist auch reichlich vorhanden. Ökostrom, grüner Wasserstoff und industrielle Abwärme für warme Wohnungen im Winter – die Menschen in der Region planen die energetische Kreislaufwirtschaft. „Im Heider Ökosystem wollen wir jeden Abfall auch nutzen“, sagt Burmeister.

Die Pläne des schwedischen Unternehmens

Mit 137 Millionen Euro will das Land Schleswig-Holstein den Bau einer Batteriefabrik des schwedischen Konzerns Northvolt in Lohe-Rickelshof und Norderwöhrden bei Heide fördern. Aus Bundes- und EU-Mitteln soll ein Mehrfaches dazukommen. Noch fehlt aber die Genehmigung durch die EU-Kommission. Sobald sie da ist und die Gemeinden erforderliche Beschlüsse gefasst haben, soll es losgehen. 2026 könnten die ersten Batterien vom Band rollen.

„Der Zeitplan gilt unverändert“, sagt Sprecher Martin Höfelmann. Noch sitzt er in einem Container auf einem Acker in Europas größtem geschlossenen Kohlanbaugebiet. Draußen suchen Archäologen noch nach Relikten der Vergangenheit. Das 110 Hektar große Areal hat Northvolt längst gekauft. Die Fabrik könnte 3000 Jobs bringen, sie soll 4,5 Milliarden Euro kosten. „Weitere Arbeitsplätze werden dann bei Zulieferern entstehen“, sagt der örtliche CDU-Landtagsabgeordnete Andreas Hein. Mittlerweile hat der Haushaltsausschuss des Bundestags zusätzlich 600 Millionen Euro für die Ansiedlung auf den Weg gebracht. Es geht um eine rückzahlungspflichtige Wandelanleihe, die von der KfW-Bank ausgezahlt wird und für die der Bund haftet.

Landrat Stefan Mohrdieck rechnet mit mindestens 15 000 Menschen, die in die Region ziehen werden. Wohngebiete sind zu erschließen. „Aber da ist noch viel Abwarten im System und die Zeit haben wir eigentlich nicht.“ In der Kreisverwaltung arbeiten 15 bis 20 Leute täglich an dem Thema. Nach der endgültigen Entscheidung über den Bau müssen knapp 1800 Bauarbeiter in der Region untergebracht werden. In Wesselburen, einem der geplanten Orte, gab es dazu auch kritische Stimmen.

Das Heider Ökosystem

Northvolt will möglichst nachhaltig produzieren. Hier kommt das Heider Ökosystem zum Tragen. „Das Unternehmen will das gefilterte Abwasser der Stadt als Kühlwasser nutzen“, sagt der Geschäftsführer des Deich- und Hauptsielverbandes der Region, Matthias Reimers. „Die Wasserversorgung ist hier nicht das Problem. Davon haben wir hier genug.“ Bei der Fabrik geht es um 2,5 Millionen Kubikmeter.

CDU-Mann Hein rechnet mit einer Initialzündung für ein „Clean Energy Valley“. Er hat die „Wärmeversorgung Region Heide“ ins Leben gerufen. Mit Abwärme aus der Industrie soll künftig in Heide und umliegenden Gemeinden geheizt werden.

Eine Produktionshalle der Firma Vishay. dpa
Vishay
Eine Produktionshalle der Firma Vishay.

Die Batteriefabrik bewirkt in der Industrie vor Ort nicht nur Freude. „Wir werden mit Northvolt im Wettbewerb um Arbeitskräfte stehen, aber mittel- und langfristig davon profitieren“, sagt Geschäftsführer Mathias Knechtel von Vishay. „Am Anfang wird es für uns erstmal eine Herausforderung sein.“ Das Unternehmen mit über 500 Beschäftigten produziert in Heide seit 1966 kleinste Widerstände für die Elektronikindustrie, zum Beispiel für den Autobau.

Grüner Wasserstoff

In der Raffinerie Heide soll ab 2026 nicht mehr nur Öl verarbeitet, sondern mit Windstrom erzeugter grüner Wasserstoff genutzt werden. Die Abwärme der Raffinerie wird im Gewerbepark in einem zwölf Hektar großen Gewächshaus für Tomaten und Paprika sowie in Hemmingstedt und Lieth genutzt. „Westküste 100 und HyScale 100“ heißen Energiewende-Projekte, auch dort geht es um Milliarden-Investitionen.

Wasserstoff kann man künftig auch direkt in einer ehemaligen Salzkaverne zwischenspeichern. Wieder kommt das Ökosystem zum Tragen. Mit CO2 aus einem nahe gelegenen Zementwerk sollen E-Methanol, E-Fuels und E-Chemicals erzeugt werden. Der Flughafen Hamburg, der aus Heide versorgt wird, könnte grünes Kerosin beziehen.

Ein Teil des Wasserstoffs soll in einem Forschungsprojekt zum Heizen zunächst 214 Haushalten in Heide dem Erdgas beigemischt werden. Der Wasserstoff-Anteil soll aufwachsend bis zu 20 Prozent betragen. DEERN (Dithmarscher Erneuerbare Energie Regional Nutzen) heißt ein weiteres Projekt. „Hier wollen wir nachweisen, dass wir regenerative Energie aus der Region direkt an den Kunden liefern und viertelstundenscharf abrechnen können“, sagt Stadtwerke-Geschäftsführer Stefan Vergo. Die Fachhochschule Westküste ist in viele Projekte eingebunden.

Natürlich sei die Herstellung von grünem Wasserstoff energieintensiv, sagt Ulf Jörgensen, Chef von H2 Core Systems. Würden Windräder wegen Netzengpässen abgeschaltet, werde die mögliche Windenergie mangels Speichermöglichkeit jedoch zu 100 Prozent verschwendet. Das Unternehmen baut Wasserstoff-Gesamtsysteme. Die kühlschrankgroßen Geräte machen Wind- und Solarstrom auch an abgelegenen Orten nutzbar – etwa zum Betrieb eines Mobilfunkmastes in Gegenden ohne Stromnetz oder zur Versorgung eines Dorfes mit 30 Einwohnern in Malaysia. Das Geschäft brummt: Bis 2028 soll sich die Belegschaft mindestens verfünffachen.

Ralf Hussner (l) und Ulf Jörgensen von der Firma H2 Core Systems schauen in die Kamera. dpa
Hussner und Jörgensen
Ralf Hussner (l) und Ulf Jörgensen von der Firma H2 Core Systems schauen in die Kamera.

Kritik an der Landesregierung

In einem der Deutschen Presse-Agentur vorliegenden Brief an Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) warnen der Kreis Dithmarschen, das Amt Heider Umland, die Stadt Heide und die Entwicklungsagentur vor einem wachsenden Risiko eines Scheiterns des Ansiedlungsprojekts. Sie klagen über „massive Überlastung unserer organisatorischen, personellen und finanziellen Strukturen“. In der Region nehme Emotionalität zu; kritische Stimmen würden laut. „Wir benötigen sehr zeitnah konkrete, durch die Landes- beziehungsweise Bundesregierung unterstützte Finanzierungsinstrumente – andernfalls werden sich maßgebliche Kommunen aufgrund einer drohenden finanziellen Überlastung aus dem Entwicklungsprozess zurückziehen müssen.“

Auch die Opposition fordert mehr Anstrengungen aus Kiel. „Ich erwarte, dass die Landesregierung nicht nur Fördergelder bereitstellt, sondern auch den Kreis Dithmarschen und die Gemeinden vor Ort maximal unterstützt“, sagt der FDP-Wirtschaftspolitiker Oliver Kumbartzky. Das scheine bisher nicht der Fall gewesen zu sein. „Hier geht es nicht um die Ansiedlung einer Fischbude.“

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SPD-Fraktionschef Thomas Losse-Müller betont, „wir reden am Ende über notwendige Investitionen in Höhe von 140 bis 150 Millionen Euro in die Infrastruktur vor Ort“. Durch Northvolt und Folgeansiedlungen sei mit 10 000 neuen Arbeitsplätzen zu rechnen, mit mehr als 20 000 Menschen, die in die Region ziehen. Diese bräuchten Wohnraum, günstigen, aber auch teureren – und auch eine internationale Schule. „Weder die kleinen Gemeinden, auf deren Fläche die Batteriefabrik entstehen soll, noch die Stadt Heide sind in der Lage, diese Investitionen aus eigener Kraft zu stemmen.“ Das Land müsse Verantwortung übernehmen und in Vorleistung gehen. „Das Risiko ist ja überschaubar.“ Dass nun seitens des Landes ein Projektbüro eingerichtet werden soll, halten Kritiker für längst überfällig.

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