• Foto: imago images/Bildwerk

Corona: Wie eine Stadt im Norden „Viren-frei“ wurde – und warum es Kritik gibt

Rostock –

Diese Stadt im Norden macht momentan vielen Hoffnung: Rostock gilt als „Corona-frei“, als erste deutsche Stadt überhaupt. Woran das liegen könnte – und warum es trotz des Erfolgs Kritik an Rostocks Bürgermeister gibt.

Vergangene Woche Mittwoch erhielt der Rostocker Oberbürgermeister Claus Ruhe Madsen die erfreuliche Nachricht: Per SMS fragte er den Leiter des Gesundheitsamtes der Stadt, ob es neue Corona-Zahlen gebe. Wie „Spiegel Online“ berichtet, kam die Antwort prompt: Nein, keine neuen Infizierten, kein Rostocker mehr in Quarantäne. „Momentan ist Rostock Corona-frei.“

Das könnte Sie auch interessieren: Rätsel um die „Mein Schiff 3“ – Wie kam das Coronavirus an Bord?

Rostocks Erfolgs-Strategie im Corona-Kampf: Auch ohne Symptome wurde getestet

Schnell veröffentlichte der Bürgermeister die frohe Botschaft und sorgte damit für Aufruhr. Doch dass der 47-Jährige die gute Corona-Nachricht so schnell verbreitete, kommt nicht bei allen gut an. „Bürger haben mir geschrieben auf Instagram und Facebook: Woher wollen Sie das wissen? Sie haben doch gar nicht jeden getestet“, so Madsen.

Dabei war das umfangreiche Testen Rostocks Erfolgsstrategie im Kampf gegen Corona, sagt der Bürgermeister: Über die Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts (RKI) hinaus begann die Lokalpolitik schon früh, Maßnahmen gegen Corona zu ergreifen. Sie ließ Mitarbeiter von Rettungsdiensten, des städtischen Klinikums und von Pflegeeinrichtungen auch ohne Symptome frühzeitig testen.

Video: So sollen Kitas zum Regelbetrieb zurückkehren

Madsen schloss schon vor einer entsprechenden Anordnung durch die Landesregierung alle Rostocker Schulen und schickte 2000 seiner 2500 Mitarbeiter ins Homeoffice. Und schon am 11. März sagte der Bürgermeister nur wenige Stunden vor Beginn eines Konzertes mit mehr als 5000 Besuchern die Veranstaltung ab. Auch damals hagelte es Kritik, weil er sich über die Empfehlungen des RKI hinwegsetzte – jetzt wird er dafür kritisiert, zu früh von einer Corona-freien Stadt zu sprechen.

Madsen ist optimistisch: „Wir müssen wieder an das Leben glauben“

„Man muss doch jetzt mal in der ganzen Krise auch etwas Optimismus verbreiten, die Menschen sind so verängstigt“, sagt Madsen „Spiegel Online“ dazu. „Wir müssen wieder an das Leben glauben.“ Auch einer möglichen zweiten Corona-Welle blickt der Oberbürgermeister deshalb optimistisch entgegen: „Wir haben doch jetzt die Werkzeuge im Kampf gegen das Virus, wir haben unser Gesundheitssystem vorbereitet. Die Menschen wissen, wie sie sich verhalten müssen.“

Kritik aus der eigenen Stadt – Vorsitzende der Linken hat „große Bauchschmerzen“

Eva-Maria Kröger, Vorsitzende der Linkenfraktion in der Rostocker Bürgerschaft, sieht es nicht ganz so locker wie Madsen. Durch dessen Erklärung, dass die Stadt Corona-frei sei, habe sie „große Bauchschmerzen“. Da zeitgleich mit der Verkündung die ersten Corona-Lockerungen kamen, besteht aus ihrer Sicht die Gefahr, „dass die Menschen sich sicherer fühlen könnten, sich deshalb weniger vorsichtig bewegen und die Zahlen wieder steigen“.

Das könnte Sie auch interessieren: Trotz Corona – Sport- und Outdoor-Kette wagt Ladeneröffnung in Hamburg 

Bestätigte Fälle gab es bislang nur 75 in der Großstadt mit mehr als 210.000 Einwohnern. Emil Reisinger, Leiter der Abteilung für Tropenmedizin und Infektionskrankheiten an der Universitätsmedizin Rostock, sieht den zeitlichen Vorsprung gegenüber anderen Städten als Vorteil in der Krise: „Wir hatten Glück, wir hatten zwei Wochen länger Zeit als der Süden, uns vorzubereiten, bis das Virus zu uns kam“, sagte er „Spiegel Online“.

Neue Tests könnten Nullstatistik zerstören

Jetzt testet der Mediziner erneut 400 Rostocker auf das Virus und auf Antikörper, um zu prüfen, ob sie schon infiziert waren. Welche Rolle Kinder bei der Verbreitung des Virus haben, will die Uniklinik in einer Pilotstudie ebenfalls herausfinden. „Kinder scheinen weniger infiziert zu sein als Erwachsene, doch das ist nicht bewiesen. Deshalb wollen wir jetzt eigene Daten gewinnen“, so Reisinger. Oberbürgermeister Madsen ist gespannt auf die ersten Ergebnisse – die soll es in drei Wochen geben. (se)

Email
Share on facebook
Share on twitter
Share on whatsapp