• Soldaten der Bundeswehr vor dem Haupttor der Fallschirmjäger-Kaserne in Seedorf (Kreis Rotenburg-Wümme).
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Aus der Nähe von Hamburg: Fallschirmjäger retten Deutsche und Afghanen aus Kabul

Wird es ein Rennen gegen die Zeit? Vor den schnell anrückenden Taliban soll die Bundeswehr deutsche Staatsbürger und Ortskräfte aus Kabul retten. Es wird der bislang wohl größte Einsatz dieser Art.

Nun muss es schnell gehen: Fallschirmjäger der Bundeswehr fliegen an diesem Montag in Militärtransportern nach Kabul, um deutsche Staatsbürger und einheimische Helfer in Sicherheit zu bringen. Am selben Tag trifft nach Angaben aus Sicherheitskreisen ein sogenanntes Krisenunterstützungsteam (KuT) aus Experten verschiedener Ministerien in der afghanische Hauptstadt ein.

Die Fallschirmjäger-Kaserne in Seedorf (Kreis Rotenburg-Wümme).
Die Fallschirmjäger-Kaserne in Seedorf (Kreis Rotenburg-Wümme).

In der usbekischen Kapitale Taschkent soll ein zweites KuT eine Drehscheibe („Hub“) für die Rettung von Menschen vor den Islamisten organisieren. Es geht um den bislang wohl größten Evakuierungseinsatz der Bundeswehr.

Bundesregierung muss mindestens 145 Deutsche plus Ortskräfte ausfliegen

Sieben Wochen nach dem Abzug der letzten deutschen Soldaten aus Afghanistan jagte in Berlin in den vergangenen Tagen eine Krisensitzung die nächste. Die heiße Phase begann am Freitag um 11.30 Uhr mit Beratungen im Auswärtigen Amt. Noch können die Zahlen sich verändern, aber es müssen wohl mindestens 57 Botschaftsangehörige und 88 weitere Deutsche ausgeflogen werden. Dazu kommt eine größere Anzahl bedrohter afghanischer Ortskräfte.

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Nach einem Hickhack um die Ausreise von afghanischen Mitarbeitern nach Deutschland in den vergangenen Wochen wird nun eine sogenannte All-in-Lösung vorbereitet. Deutsche und ihre Mitarbeiter werden in einem gemeinsamen Einsatz ausgeflogen. Allein Organisationen aus dem Geschäftsbereich des Entwicklungsministeriums haben derzeit noch mehr als 1000 einheimische Mitarbeiter in Afghanistan. Gefährdet sind aber auch Mitarbeiter deutscher Medien.

Afghanische Ortskräfte gelangen womöglich nicht nach Kabul

Allerdings sind für viele Ortskräfte die Wege ins rettende Kabul bereits versperrt, nachdem die Taliban ihren Eroberungsfeldzug im Eiltempo und oft auch gegen kampflos kapitulierende Regierungskräfte fortsetzen. Sie stehen nun praktisch vor den Toren Kabuls. Dass sie die Evakuierungskräfte in der afghanischen Hauptstadt angreifen könnten, gilt den Militärplanern angesichts der wieder verstärkten US-Truppen als eher unwahrscheinlich, sehr wohl aber wird mit einer „Infiltration“ gerechnet.

Die Militärführung hatte deswegen am Freitag auch NH-90-Hubschrauber in Bereitschaft versetzt, die den Transport innerhalb Kabuls übernehmen könnten. Allerdings wurden sie erst jüngst aus Afghanistan abgezogen und müssten nun mit der Kraft der eigenen Triebwerke und über zahlreiche Zwischenstationen zurück an den Hindukusch verlegt werden.

Auch Fallschirmjäger sollen mithelfen

Zum Einsatz sollen in der neuen Woche aber vor allem Fallschirmjäger der Division Schnelle Kräfte (DSK) kommen, die die Bundeswehr als Teil der Nationalen Risiko- und Krisenvorsorge für diese Aufgabe bereithält. Die Spezialisten sind in Saarlouis (Saarland) und Seedorf (Niedersachsen) stationiert und gehören allesamt der Luftlandebrigade 1 an. „Sie ist die am schnellsten verfügbare Brigade der Bundeswehr für krisenhafte Entwicklungen im Ausland“, schreibt die Bundeswehr.

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In Seedorf stand man am Wochenende in den Startlöchern. Eine Zahl von 300 Soldaten gilt als realistisch. Zudem sind deutsche Militärpolizisten („Feldjäger“) und Bundeswehrsanitäter beteiligt.

Solch einen Einsatz hat es noch nie gegeben

Denn die Evakuierung ist vor allem eine logistische Aufgabe: Menschen auf einer Liste müssen zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem Punkt versammelt und identifiziert werden – notfalls auch in einer feindlichen Umgebung, in der Straßen nicht mehr ungehindert befahren werden können. Einen solchen Einsatz hat es für die Bundeswehr so weit entfernt noch nicht gegeben. Aber: Beim Zusammenbruch in Albanien im März 1997 hatten deutsche Soldaten mit der „Operation Libelle“ rund 100 Menschen aus Tirana ausgeflogen. Dabei kam es zu einem Schusswechsel. Im Jahr 2011 wurden bei der „Operation Pegasus“ bedrohte Deutsche aus Libyen gebracht.

Für die Evakuierung aus Kabul wird nun ein Bundestagsmandat vorbereitet, auf das in den vergangenen Tagen vor allem Militärexperten drängten. Die Soldaten wollen den Rückhalt der Politik haben. Formal gilt der Evakuierungseinsatz als mandatierungspflichtig, weil eine Basis für das bisherige Mandat nach dem Ende des Nato-Einatzes „Resolute Support“ als nicht mehr gegeben gilt. Allerdings würde bei bei Gefahr im Verzug – also wenn es um Leib und Leben von Deutschen im Ausland geht – auch unverzüglich und auf Basis eines Kabinettsbeschlusses gehandelt.

Wieso konnten die Afghanen nicht gegenhalten?

Dass der schnelle Zusammenbruch der mit Geld und Waffen aufgebauten afghanischen Kräfte Fragen über den Tag hinaus aufwerfen wird, ist klar. Der frühere Nato-General Hans-Lothar Domröse plädiert schon für ein Überdenken des Vorgehens bei Militärengagements außerhalb Europas. „Unser gesamtes Konzept «train assist advise» (ausbilden, unterstützen, beraten) werden wir überprüfen müssen und wir müssen fairerweise die Frage stellen: Funktioniert das außerhalb Europas? Scheinbar nicht“, sagte der Heeresgeneral am Samstag in NDR Info. Man müsse bei Auslandseinsätzen vorher politische Ziele klar setzen, langen Durchhaltewillen zeigen – oder eben nicht hingehen.

Der Westen habe in Afghanistan „350.000 Sicherheitskräfte ausgebildet, recht gut ausgerüstet. Da fliegen mehr Hubschrauber bei denen als bei der Bundeswehr. Also: Sie haben sie nicht eingesetzt, und warum nicht?“ Es mangele an Kampfmoral und Loyalität, sagte Domröse. Den afghanischen Soldaten „fehlt das Wofür“.

In Berlin kommt nun Kritik, aber auch Zustimmung aus Parteien, die stets gegen diesen Einsatz waren: Der Linken-Verteidigungspolitiker Alexander Neu etwa wies darauf hin, dass andere Staaten ihre Botschaften in Kabul ganz schließen, und sagte mit Blick auf die Niederlage der USA im Vietnamkrieg: „Nicht das Szenario Rote Armee 1989, sondern das Szenario Saigon deutet sich an.“ (mik/dpa)

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