Schülerinnen mit weißen Kopftüchern
  • Schülerinnen an einem Mädchengymnasium im Norden von Afghanistan.
  • Foto: Verein Afghanistan-Schulen

Taliban überrennen Afghanistan: „Als würde man mit Kalaschnikows verhandeln“

Dramatische Lage in Afghanistan: Entsetzt sieht die Welt zu, wie die Taliban das Land überrennen und täglich mehr Städte besetzen. Deutschland holt seine Botschaftsmitarbeiter aus Kabul zurück, die USA schicken 3000 Soldaten, um den Flughafen zu sichern. Wie geht es den Menschen, die zurückbleiben? Den Frauen und Mädchen, die die über Jahre errungenen Freiheiten binnen Tagen verlieren?

In Oststeinbek vor den Toren Hamburgs sitzt der Verein „Afghanistan-Schulen“, der seit fast 40 Jahren den Bau von Schulen finanziert und selbst mehrere Bildungszentren für Frauen sowie Jungen und Mädchen im Nordwesten des Landes betreibt. Diese Region haben die radikalen Islamisten bereits im Juni eingenommen. Die MOPO sprach mit der Vereinsvorsitzenden Marga Flade (67) über das Leben der Mitarbeiter vor Ort unter den neuen Herrschern.

„Kleine Oasen“, so nennt Marga Flader die Bildungszentren des Vereins in der Steppenprovinz Andkhoi. Hier werden besonders begabte Schülerinnen und Schüler ab der 7. Klasse in Förderkursen auf ein Universitätsstudium vorbereitet und erwachsene Analphabetinnen lernen lesen, schreiben, rechnen und werden in 18 Monaten zur Näherin ausgebildet. Es sind nicht nur die Unterrichtsstunden, die das Leben der Schülerinnen verändern, erzählt die Vereinschefin: „Die Frauen genießen die Gemeinschaft, unterstützen sich gegenseitig, man kann zusehen, wie sie an Selbstbewusstsein gewinnen.“ Es gibt eine große Bücherei und ein Fitnesscenter, heißgeliebt von den Schülerinnen.

Afghanistan: Taliban auf dem Vormarsch

Fotos, erst wenige Wochen alt, zeigen Frauen in bunten Kleidern, die im Kreis sitzen und vergnügt lachen. „Das war zum Opferfest“, erklärt Marga Flader. Andere Bilder zeigen Mädchen mit dem weißen Kopftuch, das zur afghanischen Schuluniform gehört, auf der Bühne bei den wöchentlichen „Shows“, die Jungen und Mädchen abwechselnd gestalten: „Es werden Vorträge gehalten und Spiele gespielt, das dauert zwei Stunden und macht allen einen Riesenspaß.“

Frau und Mann an Rednerpult
Marga Flader vom Verein „Afghanistan-Schulen“ zusammen mit dem Direktor der Projekte, der geschickt mit den Taliban verhandelt hat

Und jetzt? Die ersten Regeln, die die Islamisten in den eroberten Dörfern einführen, gelten den Frauen: „Es ist Frauen verboten, arbeiten zu gehen und ohne männliche Begleitung das Haus zu verlassen“, sagt die Vereinsvorsitzende: „Wir wissen, dass viele Frauen sehr frustriert sind. Unsere Schülerinnen und Lehrerinnen telefonieren miteinander, versuchen, sich gegenseitig Mut machen. Auch die Männer haben Angst.“ Junge Mütter können wegen des Stresses ihre Babys nicht mehr stillen, brauchen dringend Milchpulver, das kaum zu bekommen ist.

Taliban in Afghanistan: Frauen werden eingesperrt

Jede Familie kann jederzeit gezwungen werden, die Kämpfer zu bewirten: „Sie sagen einen Tag vorher Bescheid und dann kommen 30 bewaffnete Männer ins Haus und wollen mit Fleisch und Reis versorgt werden.“ Kommt kein Fleisch auf den Tisch, wird randaliert.

Ein kleines Wunder: Trotz der neuen Herrscher besteht Hoffnung, dass die Förderkurse für Mädchen und Frauen nach dem Ende der Sommerferien im September wieder aufgenommen werden können – und das ist einem einzelnen Mann zu verdanken: „Unser lokaler Direktor hat sehr geschickt mit den Taliban verhandelt“, sagt Marga Flader: „Das war wirklich bewundernswert.“ Der Mann hat die religiösen Fanatiker in den Schulgebäuden herumgeführt, ihnen erklärt, dass dort auch Islamunterricht stattfindet und die Duschen nicht für christliche Taufen gedacht sind.

Lachende Frauen in einem Kreis
Kurz vor dem Einmarsch der Taliban feierten die Frauen im Norden Afghanistans vergnügt das Opferfest. Inzwischen dürfen sie nicht mehr unbegleitet das Haus verlassen.

Leicht war die Überzeugungsarbeit nicht: „Er sagte, es war, als würde er nicht mit Menschen, sondern mit Kalaschnikows verhandeln.“ Immer wieder bekam die Vereinsvorsitzende im fernen Oststeinbek Sprachnachrichten des Direktors, hörte Schüsse im Hintergrund: „Ich habe die Taliban schon Ende der 90er erlebt“, sagt sie: „Aber jetzt erleben wir alles direkt mit per Zoom und WhatsApp.“

Am Ende erließen die Taliban nur eine Auflage: Mädchen dürfen nur noch von Lehrerinnen unterrichtet werden, Jungen nur noch von Lehrern. Ob die Extremisten sich an ihre schriftlichen Zusagen halten, ist ungewiss und selbst wenn, bleibt ein Problem: Wie kommen die Mädchen und Frauen zur Schule, wenn sie das Haus nicht mehr ohne männliche Aufsicht verlassen dürfen? Marga Flade: „Unsere lokalen Mitarbeiter versuchen nun zu erreichen, dass wir sie mit Motorrad-Rikschas zuhause abholen dürfen, immer sechs zusammen.“

Junge Frau auf einer Bühne
Jeden Donnerstag gestalteten die Schülerinnen und Schüler kleine Showprogramme.

War alles vergeblich in Afghanistan? Da widerspricht Marga Flade entschlossen: „Nein, was in den Köpfen drin ist, das kann den Menschen keiner mehr nehmen, da ist in den vergangenen Jahren ein ungeheurer Fortschritt passiert.“

Verein Afghanistan Schulen bittet um Spenden

Ihre größte Sorge derzeit: „Dass Deutschland den Gebieten unter Taliban-Herrschaft die Entwicklungshilfe streicht, hat uns erschüttert.“ Der Oststeinbeker Verein investiert jährlich bis zu 1,5 Millionen Euro in Schulgebäude und Bildungskurse. Nur ein Viertel der Summe ist durch Spenden gedeckt, den Rest kommt aus öffentlichen Fördermitteln. Größter Geldgeber sind das Ministerium für Entwicklungshilfe und das katholische Hilfswerk Misereor. Deutschland hatte Afghanistan alleine für dieses Jahr 430 Millionen Euro Hilfe zugesagt.

Wo die Taliban die Macht übernommen haben, werden die staatlichen Lehrer nicht mehr bezahlt. Für diese Lehrkräfte und für die Binnenflüchtlinge bittet der Verein um Spenden: Hamburger Sparkasse (BIC: HASPDEHHXXX),IBAN DE37 2005 0550 1008 2258 05

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