Carolin Stüdemann
  • Carolin Stüdemann traf Paul Kupfer zum Interview
  • Foto: Jan-David Korporal

„Wir sind gesegnet mit gutem Wasser ­­– das müssen wir schützen“

Die MOPO stellt gemeinsam mit „Viva con Agua“-Geschäftsführerin Carolin Stüdemann in der Serie „Auf ein Wasser mit …“ Unternehmer:innen und Vordenker:innen vor, die eine bessere Welt schaffen. Heute spricht Carolin mit Paul Kupfer, der 2012 das soziale Unternehmen „soulbottles“ gegründet hat. Die nachhaltige Trinkflasche soll Menschen dazu animieren, mehr Leitungswasser zu trinken und so Einwegplastik zu vermeiden. Mit jeder verkauften Flasche werden zudem Trinkwasserprojekte im globalen Süden unterstützt.

Carolin: Moin Paul! Bei „soulbottles“ adressiert ihr einige sehr wichtige Themen. Kannst du kurz beschreiben, was eine „soulbottle“ ausmacht?

Paul Kupfer: Der Grundgedanke ist es, Menschen zu motivieren, einen nachhaltigeren Lebensstil anzunehmen. Wir wollen erreichen, dass Menschen beginnen, das viel ökologischere Leitungswasser zu trinken und dafür eine wiederbefüllbare soulbottle zu verwenden, statt Einwegplastikflaschen im Supermarkt zu kaufen. Dabei achten wir auf eine sehr nachhaltige und faire Wertschöpfungskette, um die soulbottle so ökologisch wie möglich zu gestalten. Zudem soll die Flasche optisch ansprechend sein, deswegen arbeiten wir mit ganz vielen Künstler:innen zusammen, deren Look wir cool finden oder von deren Message wir überzeugt sind.

Viva con Agua
Auf ein Wasser mit: Die Interview-Reihe von Viva con Agua und MOPO

Vorurteile gegenüber Leitungswasser sind weit verbreitet. Was entgegnest du darauf?

Wir sind in Deutschland gesegnet mit gutem Leitungswasser. Gleichzeitig ist es aber ein Gut, das durch das Düngen von Böden oder durch den Eintritt von Mikroplastik bedroht wird. Deswegen ist es enorm wichtig, dieses Gut zu schützen, denn noch ist das Wasser top und das sollten wir uns bewahren. Was die Qualität von Rohren betrifft, kann ich Zweifel verstehen, aber dies sollte kein Problem darstellen. Man kann sehr einfach und auch nicht besonders kostspielig die Wasserqualität testen. Im urbaneren Raum kann man davon ausgehen, dass das Leitungswasser sicher ist, da dies grundsätzlich deutlich häufiger als sogar das Mineralwasser kontrolliert wird.

Ihr adressiert mit den „soulbottles“ auch ein weiteres globales Thema – den allgemeinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Wie genau setzt ihr das um?

Die Auswahl zwischen Leitungswasser und Mineralwasser ist ehrlicherweise ein Luxusproblem. Deshalb haben wir 2013 beschlossen, dass wir pro verkaufter Flasche einen Euro an karitative Projekte weiterleiten möchten. Die Idee dahinter war, dass wir an der Stelle, wo andere Unternehmen klassisch ihren Gewinn abschöpfen würden, anders handeln und dieses Geld weiterleiten. In unseren Augen war es das Naheliegendste, dieses Geld für Trinkwasserprojekte zu nutzen. Nach Nepal sind wir nun in Sambia mit einem Projekt aktiv, das neben dem Trinkwasser auch weitere Komponenten wie die Abfallvermeidung, den CO₂-Ausgleich und eine Social-Entrepreneurship-Förderung besitzt.

Ihr haltet eure Wertschöpfungsketten sehr transparent. Wie läuft eure Logistik ab?

Wir produzieren nicht alle Teile selbst – wir lassen uns die Einzelteile liefern und bauen sie dann in Berlin-Tempelhof zusammen. Für uns ist es wichtig, dass dieser Teil der Wertschöpfungskette bei uns liegt. Wir zahlen unseren Mitarbeiter:innen dabei mehr als das branchenübliche Lohnniveau. Bei unseren Zulieferern gehen wir ein sehr umfangreiches Screening durch. Dabei steht Regionalität wie bei der Glasflasche im Vordergrund, die vollständig „Made in Germany“ ist. Für die Stahlflasche haben wir einen Lieferanten in China. Dort haben wir den Eindruck gehabt, dass keine Firma unserem Standard entsprochen hat, weswegen wir aktiv Projekte umsetzen, um den Lebens- und Arbeitsstandard zu erhöhen. So haben wir auch einen gewissen Einfluss auf die Verbesserung von den dortigen Standards.

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Nach welcher Unternehmensphilosophie ist denn „soulbottles“ selbst ausgerichtet?

Soulbottles wurde mit einer ökologisch nachhaltigen Mission gegründet. Das wollen wir mit allen Fasern leben, obwohl wir eigentlich als klassische GmbH organisiert sind. Uns ist der Umgang als Menschen miteinander auch im Arbeitskontext superwichtig, deswegen haben wir bereits sehr früh angefangen, die gewaltfreie Kommunikation einzuführen, was im Arbeitskontext eher ungewöhnlich ist. Als wir dann größer geworden sind, haben wir als eines der ersten deutschen Unternehmen holokratische Strukturen eingeführt, da ein klassisches Chef-Mitarbeiter-System gar nicht zu uns passte. Das Konzept der Holokratie zeichnet sich durch agiles Arbeiten, eine intelligente Aufgabenverteilung, flache Hierarchien und selbststeuernde Teams aus. Mittlerweile sind wir sogar im Verantwortungseigentum.

Könntest du einmal erklären, warum ihr euch für holokratische Strukturen entschieden habt?

Die einfache Antwort ist, dass es einfach mehr Spaß macht, mit vielen Chefinnen und Chefs zusammenzuarbeiten, wenn alle wirklich Interesse daran haben, Verantwortung zu übernehmen und ihre Ideen einzubringen. Das Wichtigste dabei ist, dass die Entscheidungen, die getroffen werden, immer unseren Unternehmenszwecken entsprechen. Also Menschen zur Leitungswassernutzung zu motivieren, Fundraising mit unseren wirtschaftlichen Tätigkeiten zu machen und generell ein nachhaltiges Lebensziel durch unsere Produkte und Haltung zu bewerben. Außerdem glaube ich aber auch, dass in so einer komplexen Welt, in der wir mittlerweile leben, diese Strukturen tatsächlich schneller und effizienter sind.

Das klingt alles superspannend. Was ich mich frage, ist, wie sich das unternehmerisch rechnen kann?

Wir sind profitabel seit 2016, dabei machen wir natürlich weniger klassischen Gewinn als Unternehmen mit traditioneller Herangehensweise. Ganz viel Geld von dem Verkauf einer soulbottle fließt in Kram, den wir wirtschaftlich betrachtet eigentlich nicht bräuchten. Die Spendenkomponente ist cool, bringt uns aber nicht mehr Umsatz. Die Produktion in der Fabrik in China? Könnten wir billiger haben, wollen wir aber nicht, wir investieren lieber in Nachhaltigkeit und Fairness. Wir sind in der glücklichen Situation, dass wir nicht unter starkem Druck von Investor:innen oder Banken stehen. Wir haben soulbottles zu großen Teilen aus eigenen Mitteln aufgebaut. Deswegen können wir auch unternehmerisch für unsere Werte einstehen und ich denke, das ist eine Verantwortung, der alle Unternehmer:innen gerecht werden sollten.

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