Carolin Stüdemann und Aljosha Muttardi
  • Carolin Stüdemann traf Aljosha Muttardi zum Gespräch.
  • Foto: Florian Quandt

Vegan leben: „Es geht um Spaß, nicht Druck und Perfektion“

Die MOPO stellt gemeinsam mit „Viva con Agua“-Geschäftsführerin Carolin Stüdemann in der Serie „Auf ein Wasser mit …“ Unternehmer*innen und Vordenker*innen vor, die eine bessere Welt schaffen. Heute spricht Carolin mit Aljosha Muttardi. Er ist Arzt, queer, Aktivist und hat vor fünf Jahren den YouTube Channel „Vegan ist Ungesund“ mit ins Leben gerufen. Dort spricht er mit seinem Kollegen Gordon Prox über Probleme, die hoher Fleischkonsum und die Fleischindustrie mit sich bringen und sie geben Tipps für eine Ernährungsweise ohne Tierprodukte.

Caro: Moin, wir müssen zu Beginn über den Namen eures Kanals sprechen. Ist es nun gesund oder ungesund, vegan zu leben?

Aljosha: Dafür gibt es keine pauschale Antwort, denn Ernährung ist immer ein Gesamtkonzept. Man kann sich vegan auch extrem ungesund ernähren und mischköstig bei einem großen Anteil an hochwertigen pflanzlichen Produkten sehr gesund ernähren. Die vegane Ernährungsweise ist eben vor allem eine ethische Ernährungsweise, die viele Optionen für eine gesunde Ernährung bietet. Aus gesundheitlicher Perspektive kann aber auch eine mischköstliche Ernährung als „gesund“ gelten.

Viva con Agua
Auf ein Wasser mit: Die Interview-Reihe von Viva con Agua und MOPO

Was hat dich dazu bewogen, vollständig auf eine vegane Lebensweise umzustellen?

Das war vor allem die ethische Motivation. Ich habe mich viel mit dem Thema befasst und für mich beschlossen, nicht mehr Teil dieses Systems sein zu wollen und mich darüber hinaus auch dagegen auszusprechen. Es hat mir aber auch total Spaß gemacht, etwas völlig Neues zu entdecken. Dabei erging es mir ähnlich wie beim Lernen einer Sprache – der Einstieg war echt schwer, aber im Laufe der Zeit war es eine riesige Bereicherung. Gleichzeitig habe ich mich viel mehr mit Ernährung auseinandergesetzt und somit meine Gesundheit verbessert.

Fleisch, insbesondere Rindfleisch, hat in der Produktion einen sehr hohen Wasserverbrauch und verursacht viel CO₂. Kann man sagen, dass es auch Klima- und Trinkwasserschutz ist, vegan zu leben?

Von den sechs klimaschädlichsten Produkten sind vier tierischen Ursprungs. Insofern lässt sich schon sagen, dass vegan zu leben Klimaschutz fördern kann. Zu den ausgestoßenen Treibhausgasen kommt das virtuelle Wasser, Tiernahrung, Nutzfläche und Transport. Aber auch bei anderen Produkten ist es wichtig, auf Saisonalität und Regionalität zu achten. So kann jede:r mit einer veganen, nachhaltigen Lebensweise auf individueller Ebene und als Kollektiv einer Gemeinschaft einiges bewegen. Natürlich muss es aber eine systemische Veränderung auf Ebene der Politik und Wirtschaft geben. Da sehe ich großen Nachholbedarf bei der Politik, prominenter über die Fleischproduktion als Multiplikator der Klimakrise zu sprechen.

Auf Social Media postest du häufig politisch motivierte Bilder und Storys. Siehst du dich auch als Aktivist?

Mich persönlich könnte man definitiv so bezeichnen. Ich finde es enorm wichtig, Veganismus intersektional zu betrachten. Das bedeutet, dass alle Formen der Diskriminierung Schnittstellen haben und wir das Ganze größer betrachten müssen. Es geht um die Ausbeutung von Tieren aber auch von Menschen und dem Planeten. Das ganze System ist eigentlich verkorkst und hängt miteinander zusammen, deshalb müssen wir einen globalen Blick auf die Missstände haben. Wir haben hier im globalen Norden eine unfassbar privilegierte Position und sehr leicht die Möglichkeit, vegan zu leben. Menschen im globalen Süden haben diese Entscheidungsfreiheit häufig nicht.

Vegan lebende Menschen, die andere von ihrem Ernährungsstil überzeugen wollen, werden manchmal als Moralapostel bezeichnet. Welche Reaktionen erhältst du?

Menschen reagieren vielleicht so, da sie bei einer ehrlichen Auseinandersetzung mit dem Thema ihre Komfortzone verlassen müssen. Das kann vielen Menschen schwerfallen. Ich selbst erhalte aber wenige negative Beiträge. Das liegt auch an unserem Umgang und unsere Kommunikation. Wir versuchen es immer mit einer großen Portion Humor, Selbstironie, aber auch Selbstkritik. Vegan soll nicht das Gefühl von Verzicht auslösen, sondern Freude daran, neue Dinge auszuprobieren und sich für neue Dinge zu begeistern.

Der Schlüssel ist also die richtige Kommunikation. Was beachtest du dabei sonst noch?

Für mich ist es ganz wichtig, immer bei mir selbst zu bleiben, also aus der Ich-Perspektive zu erzählen. Denn auch ich habe 26 Jahre meines Lebens Fleisch gegessen und deshalb kann ich auch nicht von anderen erwarten, von jetzt auf gleich die Ernährung umzustellen. Dazu gehört immer auch eine Akzeptanz und ein Begegnen auf Augenhöhe, denn man erreicht die Menschen nicht mit Druck und schlechtem Gewissen. Ich habe mir da auch so ein kleines Mantra angeeignet: „Veränderungen wertschätzen, statt Perfektion zu erwarten“.

Wo fängt vegan leben für dich an?

Laut Definition der Vegan Society bedeutet vegan zu leben, sich so gut es geht und so umsetzbar wie möglich gegen jegliche Form von Tierausbeutung und für Alternativen auszusprechen. Dabei halte ich, das „so gut es geht“ für einen sehr zentralen Zusatz, denn wir sprechen aus einer sehr privilegierten Perspektive. Deshalb halte ich die Weitergabe von Informationen als das wichtigste Mittel, einen Zugang zu einer veganen Ernährung zu vermitteln und um ein Bewusstsein für die Thematik zu schaffen. Denn wir lernen nirgendwo etwas über die Inhaltsstoffe, Nährstoffe, den Gründen für einen hohen Wasserverbrauch, Antibiotika, Hormone oder auch die benötigte Fläche und den Verbrauch von Nahrungsmitteln.

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Was würdest du Menschen mit auf den Weg geben, die sich überfordert fühlen von all den Informationen bzw. welche Einsteigertipps hast du?

Geh mit Freude an die Sache, denn es kann richtig Spaß machen. Dabei sollte man sich auch nicht zu viel Druck machen und von sich selbst keine Perfektion erwarten. Such dir Kochbücher oder Online-Rezepte und probier‘ dich einfach aus. Vielleicht findest du sogar eine:n Freund:in, der/die auch vegan lebt, ein stetiger Austausch hilft ungemein. Du willst auf deine Lieblingsrezepte nicht verzichten? Google diese einfach und setz’ vegan dahinter, es gibt unfassbar viele gute und leckere Alternativen. Wichtig ist einfach, dass du dich weiter informierst und immer am Ball bleibst. Und meine Geheimwaffe in der Küche ist und bleibt: Mandel- und Cashew-Mus!

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