Antje Khalili
  • Antje Khalili (47) hat erst ein mal in ihrem Leben Urlaub gemacht.
  • Foto: Patrick Sun

Arm trotz Arbeit: Sie machte erst einmal in ihrem Leben Urlaub

Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer. Das zeigt der neue Armutsbericht der Bundesregierung. Corona hat das Problem nochmal verschärft. Auch in Hamburg.

Antje Khalili hat erst einmal in ihrem Leben Urlaub gemacht. Vier Jahre ist das her. Da flog die heute 47-Jährige mit ihrem Sohn für fünf Tage nach Paris. „Es war für uns beide der erste Flug. Ich habe jahrelang dafür gespart.“

Hamburg: Arm trotz eines Jobs

Khalili ist alleinerziehend. Sie arbeitet normalerweise als Koberer auf dem Kiez. Vor Corona hat sie monatlich etwas mehr als 1000 Euro netto verdient. Seit Beginn der Pandemie ist sie mit Unterbrechungen in Kurzarbeit. Die 850 Euro Kurzarbeitergeld reichen nicht zum Leben. Allein die Miete für die Wohnung in Borgfelde beträgt schon 710 Euro. Zusammen mit den Ausgaben für Strom, Telefon, Versicherung, HVV-Karte und eine Ratenzahlung betragen die monatlichen Fixkosten 1100 Euro. Ausgaben für Essen und Kleidung kommen noch obendrauf. 

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Zwar bekommt Khalili eine kleine Hartz-IV-Aufstockung, Kindergeld und einen Unterhaltsvorschuss für ihren Sohn. Doch das Geld reicht hinten und vorne nicht. „Ich hab mir jetzt einen Mini-Job gesucht“, sagt die 47-Jährige. Sie arbeitet am Empfang eines Corona-Testzentrums. 

Arm trotz Arbeit – das ist in Deutschland immer mehr die Realität, wie auch der im Mai veröffentlichte Bericht des Bundesarbeitsministeriums festgestellt hat. Auf 500 Seiten wird dort beschrieben, wie die Schere zwischen Armen und Reichen in Deutschland immer weiter auseinander geht. Wie der Anteil der armen Haushalte, die weniger als monatlich 1176 Euro erhalten, seit Mitte der 80er Jahre von 4,3 Prozent auf elf Prozent angestiegen ist. Wie es gleichzeitig immer mehr Reiche gibt, also Menschen, die monatlich mehr als 3900 Euro netto verdienen. Ihr Anteil wuchs von 3,9 Prozent in den 80ern auf heute 9,1 Prozent. Die Mittelschicht schrumpfte in der gleichen Zeit von 48,6 Prozent auf 37 Prozent.

Die Corona-Krise hat die Ärmsten am stärksten getroffen

Corona hat die Lage noch einmal zugespitzt. Für Oppositionsparteien, Gewerkschaften und Sozialverbände ist das ein Alarmsignal. „Die Krise hat die Armen am stärksten getroffen“, sagt Sandra Goldschmidt von der Gewerkschaft Verdi in Hamburg. Während Gutverdiener im Homeoffice weiter ihren Beruf ausüben konnten, seien Niedriglöhner in Kurzarbeit geschickt worden. Eine große Anzahl von Mini-Jobs, die für viele ein wichtiges Zubrot sind, seien weggefallen, weil sie vor allem im Bereich Gastronomie und Einzelhandel anfallen. Genau diese Bereiche wurden während des Lockdowns geschlossen.

„Wir haben uns als Gewerkschaft von Anfang an dafür eingesetzt, dass Corona-Hilfen direkt an Geringverdiener ausgezahlt werden. Denn arme Menschen brauchen ihr ganzes Geld zum Leben. So wären die Gelder wieder direkt in den Wirtschaftskreislauf geflossen“, so die stellvertretende Verdi-Landesbezirksleiterin. „Stattdessen hat die Regierung die Unternehmen unterstützt, die das Geld nicht an die Beschäftigten weitergegeben haben, sondern es für die Ausschüttung an ihre Aktionäre verwendet haben. So haben die Gutverdiener, die Geld genug haben, auch noch profitiert. Und die Armen mussten den Gürtel noch enger schnallen.“

Dass ein reiches Industrieland wie Deutschland nicht in der Lage ist, die soziale Ungleichheit auszugleichen, ist für Sandra Goldschmidt „ein Armutszeugnis“. 

Hamburg: Konditorin kann von ihrem Job langfristig nicht leben

Doch wer ist eigentlich arm in Deutschland? Bettler? Obdachlose? Flaschensammler? Sind es diejenigen, die von staatlicher Hilfe leben? Oder sind vielleicht auch diejenigen arm, die einen Vollzeitjob haben, vom Lohn aber nicht leben können?

Menschen wie Sophia Geffke aus Seevetal. Die 21-Jährige liebt ihren Job als Konditorin in einem Café in Barmbek. Doch wie sie langfristig von den 1300 Euro netto leben soll, weiß die junge Frau nicht. „Ich wohne noch bei meiner Mutter in Seevetal und verliere täglich zwei Stunden durch die Zugfahrt“, erzählt Geffke. Zu gerne würde sie nach Barmbek ziehen. Aber: „Wie soll ich mir in Hamburg eine Wohnung leisten? Ich kann ja maximal 600 oder 700 Euro Miete zahlen! Die Vermieter nehmen mich nicht, wenn sie mein Gehalt sehen.“

Sophia Geffke sieht mittags Leute in schicken Anzügen ins Café kommen. Büromenschen, nennt sie sie. „Manchmal frage ich mich, warum die so viel mehr verdienen, als ich. Ich arbeite doch auch hart.“ Nur: Sie muss aufs Geld schauen. Sie nimmt beim Einkaufen den Saft für 99 Cent und nicht den für 2,99 Euro. „Ich würde mir auch so gerne mal etwas gönnen.“

Spohia Gefffke
Sophie Gefffke (21) liebt ihren Job als Konditorin. Doch wie sie langfristig von 1300 Euro netto leben soll, weiß sie nicht.

Zukunftsgedanken mag Geffke sich gar nicht machen. „Noch plane ich ja keine Familie“, sagt sie. Das niedrige Gehalt erlaube ihr ja nicht einmal, Rücklagen zu bilden, um sich für später einen Puffer zu verschaffen. „Meine Mutter hat in meiner Kindheit in zwei Jobs gearbeitet, damit wir über die Runden gekommen. Ich habe sie wenig gesehen. Es ist traurig, dass es sich in unserer Gesellschaft alles ums Geld dreht und man nicht weiter kommt, selbst wenn man viel arbeitet.“

Auch Emmanouil Orfanidis weiß, was harte Arbeit bedeutet. Der 58-Jährige, der vor fast 30 Jahren der Liebe wegen von Athen nach Hamburg zog, arbeitet seitdem in der Systemgastronomie. Der Lohn: 1500 Euro netto. Davon leben kann Orfanidis nur, weil er keine Familie hat. Und weil er seit 28 Jahren in einem WG-Zimmer lebt, für das er 300 Euro Miete zahlt. „Ein Umzug wäre für mich angesichts der enormen Mietpreise in Hamburg unmöglich“, sagt Orfanidis. 

Emmanouil Orfanidis
Emmanouil Orfanidis weiß, was harte Arbeit bedeutet. Davon leben kann er nur, weil er keine Familie hat und in einem WG-Zimmer lebt.

Orfanidis war wegen Corona fast ein Jahr in Kurzarbeit und bekam 300 Euro weniger als sonst. „Das spüre ich jetzt langsam“, sagt er. Was ihn beruhigt: In seiner Heimat ist die Lage noch schlimmer. „In Griechenland ist die soziale Spaltung noch viel größer. Es gibt keine Sozialhilfe. Ohne Familie, die einen unterstützt, ist man verloren. Dann bleibt nur das Leben auf der Straße.“

Gewerkschafterin: Entwicklung ist ein „Pulverfass“

Für die Gewerkschafterin Sandra Goldschmidt ist die Entwicklung ein „Pulverfass“: Überall auf der Welt sei das aus den USA stammende Bild des Tellerwäschers, der es zum Millionär bringt, längst Geschichte. „Nach zwei Jahrzehnten Neoliberalismus ist das Aufstiegsversprechen, das bei uns zumindest davor eine Zeitlang galt, nur noch ein Märchen.“ 

In den unteren Schichten seien die Menschen bis zum Monatsende damit beschäftigt, zu überleben. „Da gibt es eine große Erschöpfung. Und viel Frust, weil sich nichts ändert. Das führt zu Politikverdrossenheit. Dann wählen die Leute Protestparteien, obwohl die gar nichts im Programm haben, um die Situation zu verbessern.“ 

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Im September sind Bundestagswahlen. Doch statt um Fragen der sozialen Gerechtigkeit wie einen höheren Mindestlohn, eine Vermögenssteuer, eine höhere Erbschaftssteuer, geht es momentan vor allem ums Klima. Das ist gut und wichtig. Es hängt sogar eng mit sozialen Fragen zusammen. Doch Sandra Goldschmidt befürchtet: „Die Regierungsparteien rücken die Frage der sozialen Gerechtigkeit nur wenig in den Fokus, um zu verbergen, dass sie diesbezüglich schlechte Arbeit geleistet haben.“ 

Sorgen macht Goldschmidt sich um die Zukunft. Um die nachwachsende Generation. Denn der Armutsbericht hat nicht nur festgehalten, dass die Mobilität zwischen den sozialen Schichten zum Stillstand gekommen ist. Sondern auch, dass die Kinder von Geringverdienern kaum Aufstiegschancen haben. Kinder wohlhabender Eltern besuchen fünfmal häufiger ein Gymnasium als Kinder aus armen Familien.

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Bei Antje Khalili ist das zumindest anders. Ihr Sohn besucht das Gymnasium und hat gute Noten. Der 17-Jährige ist fleißig und ehrgeizig. Nächstes Jahr macht er Abitur. „Danach will er studieren. Er möchte zum Film“, sagt seine Mutter stolz. Doch ohne Stipendium wird das sehr schwierig. Antje Khalili wünscht sich nichts mehr, als dass ihr Sohn es einmal besser haben wird als sie.

Vor allem aber ist sie glücklich, dass ihr Sohn genau weiß, wo er herkommt. Khalili: „Manchmal werfe ich mir vor, dass ich ihm nicht mehr bieten konnte als er klein war. Die Reisen nach Spanien, Frankreich, in die Türkei, die seine Mitschüler in den Ferien unternommen haben.“ Khalili konnte ihrem Sohn in den Sommerferien höchstens mal einen Ausflug bieten. Auf den Dom, in den Safari-Park oder auf den Flohmarkt. Gestört hat ihn das scheinbar nicht. Khalili: „Mein Sohn sagt bis heute: ,Ach Mama, wir haben es hier doch auch schön gehabt zu Hause.“ 

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