Eine Patientin wird geimpft. (Symbolbild)
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„Armut ein Risikofaktor“: Ende der Impf-Priorisierung in Hamburg? Das sagen die Ärzte

Es ist eine Nachricht, die bei vielen die Hoffnung auf den schnellen Piks schürt: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) stellt ein Ende der Impfpriorisierung für spätestens Juni in Aussicht. Heißt: Theoretisch kann sich dann jeder impfen lassen, der möchte und einen Termin ergattert. Die Stimmen von Ärzten und Politikern nach einer Aufhebung der Priorisierung wurden zuletzt immer lauter. Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) hingegen verpasst der Euphorie einen Dämpfer. 

Immerhin: In Hamburg dürfen sich jetzt auch alle Lehrer und Lehrerinnen an weiterbildenden Schulen und Berufsschulen sowie Mitarbeitende der Kinder- und Jugendhilfe impfen lassen. Es geht voran, aber geht es auch schnell genug?

Impfgipfel: Debatte um Priorisierung

„Wir wollen, so lange der Impfstoff noch knapp ist, dass die Priorisierung aufrechterhalten wird. Damit diejenigen den Impfstoff erhalten, die ihn am dringendsten benötigen“, sagte Tschentscher am Montag nach dem Impfgipfel.

Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD)

Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD)

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Doch wann reicht der Impfstoff aus? Derzeit sei es nicht möglich hierfür eine konkrete Menge an Impfstoff zu benennen, so Senatssprecher Marcel Schweitzer zur MOPO. Dies hänge sowohl von der Liefermenge als auch von der Impfbereitschaft ab. „Sobald erkennbar ist, dass freie Terminkapazitäten entstehen, werden die Impfungen in Hamburg für zusätzliche Prioritätsgruppen geöffnet“ so Schweitzer. So würden Risikogruppen prioritär geimpft werden und es bleibe kein Impfstoff liegen. 

Das sagen Hamburgs Hausärzte

Der Chef der Kassenärztlichen Vereinigung, Walter Plassmann, fordert eine Lockerung der Impfpriorisierung in den Fach- und Hausarztpraxen. „Der Versuch, der Impfpriorisierung nachzukommen, verschlingt in den Praxen eine Unmenge Zeit, die für das Impfen sehr viel besser verwendet werden könnte“ so Plassmann zur MOPO. „Deshalb sollte AstraZeneca auch für unter 60-Jährige freigegeben und der Umgang mit der Impfverordnung erleichtert werden – wenigstens für die Praxen.“

Jana Husemann, Vorsitzende des Hamburger Hausärzteverbandes

Jana Husemann, Vorsitzende des Hamburger Hausärzteverbandes

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Jana Husemann, Vorsitzende des Hamburger Hausärzteverbands, sagt zur MOPO, jede Hausarztpraxis nehme innerhalb ihres Patientenklientels eine Priorisierung vor, so lange es noch nicht ausreichend Impfstoff für alle gebe. Das entspreche vielleicht nicht immer den sechs Priorisierungskriterien des Robert-Koch-Instituts, die Hausarztpraxen hätten aber im Blick, wer von den Patienten gefährdet ist.

Aufhebung der Priorisierung: Wer kommt beim Arzt zuerst dran?

Und wenn die Priorisierung einmal aufgehoben wird, kommen dann Hamburger mit guten Kontakten zu ihrem Hausarzt zuerst dran? Termine in Arztpraxen würden nicht über gute Beziehungen vergeben, sondern durch geschulte Mitarbeiter oder mit Hilfe von Online-Tools, sagt Husemann. „Diese Frage impliziert auch, dass Hausärzte und Hausärztinnen nicht das Wohl ihrer Patienten an die erste Stelle stellen würden, sondern irgendwie bestechlich wären. Das weise ich entschieden zurück.“

Ärzte sehen Armut als Risikofaktor

Hamburg hat noch eine weitere Baustelle in Sachen Impfpriorisierung. In ärmeren Stadtteilen wie Veddel, Billstedt oder Jenfeld ist die Inzidenz meist deutlich höher als in anderen Vierteln. „Die Zahlen zeigen ganz deutlich, dass Menschen in ärmeren Stadtteilen stärker von Corona betroffen sind. Die Inzidenz ist höher, das Risiko für schwere Verläufe und auch die Sterblichkeit“, sagt Jonas Fiedler, Arzt in der Poliklinik auf der Veddel zur MOPO.

Hamburg: Veddel hat nur zwei Hausarztpraxen

Ärmere Stadtteile seien auch von den Lockdown-Maßnahmen stärker betroffen. „Die Bildungsungleichheit verstärkt sich, die beengten Wohnverhältnisse führen zu einer erhöhten psychischen Belastung. Das einzige, was dieses Spannungsverhältnis auflösen kann, ist die Impfung“, so Fiedler.

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Außerdem gibt es auf der Veddel gerade einmal zwei Hausarztpraxen, beide betreibt das multiprofessionelle Gesundheitszentrum Poliklinik. „So viele Impfungen sind auch von der Kapazität der Praxen her gar nicht zu leisten.“

Das fordern die Ärzte von der Veddel

Fiedler und seine Kollegen fordern lokale temporäre Impfzentren für Stadtteile mit einer hohen Inzidenz. Dort sollen sich alle Bewohner des Stadtteils prioritär impfen lassen dürfen. „Armut muss eine Berücksichtigung finden in der Priorisierung. Es ist ein Risikofaktor.“

Wartende vor dem Hamburger Impfzentrum in den Messehallen.

Wartende vor dem Hamburger Impfzentrum in den Messehallen. 

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Die Mediziner fänden es auch sinnvoll, stärker mit den Initiativen und Institutionen vor Ort zusammenzuarbeiten. „Denn genau die wissen, was in ihrem Stadtteil los ist und können im Sinne einer Impfkampagne die Leute in den Stadtteilen über die Impfzentren informieren“, so Fiedler.

Hausärzteverband warnt vor zu viel Bürokratie

Auch die Vorsitzende des Hamburger Hausärzteverbands kann sich vorstellen, dass man die Verteilung des Impfstoffes nach Inzidenzen der Stadtviertel berechnet. Aber sie warnt auch „vor zu viel Bürokratie und Verkomplizierung der ohnehin schon sehr aufwändigen Impfstoffbestellung.“

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Momentan sei man an einem Punkt, wo es schnell gehen müsse. „Soweit ich weiß, hat die Behörde aber auch bereits Praxen aus sozialen Brennpunkten bestimmt, die 100 Impfstoffdosen zusätzlich erhalten.“

Kassenärztliche Vereinigung und Sozialbehörde in Gesprächen

Auf Nachfrage der MOPO gab es dazu aus der Hamburger Sozialbehörde bis Redaktionsschluss keine Antwort. Die Kassenärztliche Vereinigung bestätigte, dass es Gespräche mit der Sozialbehörde über eine Priorisierung von Stadtteilen wie der Veddel gebe.Bekannt ist allerdings auch, dass die Hamburger Linke in der Bürgerschaft einen Antrag für eine Impfoffensive in diesen Stadtteilen gestellt hatte und der Senat diesen ablehnte.

So viel Impfstoff bekommt Hamburg

Fast 53.000 Impfdosen sollen in der ersten Maiwoche an das Hamburger Impfzentrum geliefert werden. Rund 77 Prozent der Lieferung machen die Dosen des Herstellers Biontech aus, etwa 18 Prozent entfallen auf Moderna und rund fünf Prozent auf AstraZeneca.

In den Wochen darauf sollen pro Woche rund 54.200 Impfdosen von Biontech und Moderna eintreffen. Von Astrazeneca hatte es noch keine Lieferankündigung gegeben. Damit stehen fast 270.000 Impfdosen der verschiedenen Hersteller bis Anfang Juni zur Lieferung an das Hamburger Impfzentrum an.

Zweitimpfungen in Hamburg stehen an

„Es handelt sich um eine deutliche Ausweitung – allerdings ist diese auch erforderlich, schon um die anstehenden Zweitimpfungen zu bedienen“, sagte Behördensprecher Martin Helfrich. Zusätzliche 100.000 Dosen sollen laut Kassenärztlicher Vereinigung an die Praxen gehen.

Auch hier wird der Impfstoff von Biontech den Großteil ausmachen. Aufgrund der vielen Erstimpfungen in Hamburg in den vergangenen Wochen stehen nun bald die Zweitimpfungen an.

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