Wattwagen vor Neuwerk (Symbolbild)
  • Auf Neuwerk kam es zu einem gefährlichen Wattwagen-Unfall. Der Kutscher steht nun vor Gericht (Symbolbild).
  • Foto: Ingo Wagner/dpa

Umgekippter Wattwagen: Wie der Richter nun für Klarheit sorgen will

„Man weiß ja nicht, ob man sowas überlebt“, sagt der einstige Briefträger von Neuwerk, noch immer hörbar mitgenommen. Er saß zusammen mit zwei Touristen in einem Wattwagen mit gebrochener Deichsel, der am 7. Februar 2019 auf der Insel umkippte. Jetzt ist der Kutscher wegen fahrlässiger Körperverletzung angeklagt. Der 27-Jährige entstammt einer uralten Dynastie von Wattwagenführern – und ist sich keiner Schuld bewusst. Der Richter will den Unfall nun vor Ort nachstellen.

Seit Generationen fährt die Familie des Angeklagten die Post für die Neuwerker mit Pferdekutschen von Cuxhaven aus durchs Watt. Schon „mit drei, vier Jahren“ habe er gelernt, wie man einen Wattwagen lenkt, erklärt der junge Mann. Entsprechend selbstsicher schildert er dem Amtsrichter seine Sicht auf das Unglück. Weil die winzige Insel in der Elbmündung zu Hamburg gehört, findet der Prozess hier statt.

Der angeklagte Wattwagenfahrer
Der Wattwagenfahrer ist wegen fahrlässiger Körperverletzung angeklagt

Die Pferde hätten sich nach der Ankunft auf Neuwerk unbeabsichtigt „in Bewegung gesetzt“, während er auf einem der Höfe die Post auslud, erklärt der Angeklagte. Die beiden Pferde, noch vor die Kutsche gespannt, rammten eine Mauer, die Deichsel brach – und der junge Wattwagenfahrer traf für den Rückweg nach Cuxhaven eine folgenschwere Entscheidung: „Ich habe die Deichsel provisorisch repariert. Das haben andere in der Vergangenheit auch schon gemacht. Dass das nicht klappt, ist zum ersten Mal passiert.“

Neuwerk: Prozess um umgekippten Wattwagen

Bei der gebrochenen Deichsel handelte es sich um eine Stange, die zwischen den beiden Pferden verlief.

Tatsächlich kam der Wattwagen mit dem defekten Gespann nicht einmal von der Insel herunter: Nach 200 Metern scheuten die Pferde, der Wagen, besetzt mit dem Angeklagten, dem Briefträger und einem Touristenpaar, kippte um. Das Gästepaar erlitt schwere Prellungen – unter anderem im Gesicht – und musste per Hubschrauber in die Notaufnahme nach Bremerhaven geflogen werden. Der Briefträger litt anschließend unter einer posttraumatischen Belastungsstörung und musste vorzeitig in den Ruhestand versetzt werden: „Das war mein Traumjob“, sagt er leise im Prozess. Den höchsten Preis zahlten die beiden Kutschpferde: „Die kamen danach zum Schlachter“, erklärt der Angeklagte.

Amtsrichter Johann Krieten, wortgewaltig wie immer („In den Western werden die Pferde immer angebunden!“), will den nächsten Verhandlungstag am 22. Juli als Ortstermin auf Neuwerk abhalten. Ein Wattwagen sei auf der Insel bereits reserviert, sagt er zum Unfallkutscher: „Dann haben Sie die Gelegenheit zu zeigen, wie man ohne Deichsel fährt“.

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