Christina Okeke.
  • Christina Okeke (53) zieht bald mit ihrem Mann in den „Hafen der Familien“ ein. Sie werden sich um vier Kinder kümmern.
  • Foto: Patrick Sun

SOS-Kinderdorf: Wo Homeoffice eine andere Bedeutung hat

Der „Hafen der Familien“, das erste SOS-Kinderdorf in Hamburg, soll im August öffnen – und das Haus ist bald bezugsfertig. Drei Familien sollen hier leben, aber eine Kinderdorf-Mutter oder ein Kinderdorf-Vater fehlt bisher noch. Dieser Job ist auch nicht für jede:n etwas.

Am Straßburger Platz, direkt neben der evangelisch-lutherischen Kirche, ist der Bau eines vierstöckigen Gebäude fast abgeschlossen. Die meisten Fensterrahmen sind schwarz, manche weiß. Die Fassade besteht aus Terrakotta, und mit dieser Backsteinfarbe soll sich das Gebäude des ersten SOS-Kinderdorfs in Hamburg dem üblichen Backstein-Stil in Dulsberg anpassen. Bereits jetzt kann man in der Umgebung Kindergelächter hören, die Kirche betreibt eine Kita. Ansonsten ist es ruhig an diesem Vormittag.

Es ist elf Uhr und knapp 30 Grad warm. Christina Okeke kommt mit dem Fahrrad an. Eigentlich findet sie das Wetter schön. Es eigne sich aber nicht für einen Fotoshooting-Termin, meint sie. Sie arbeitet seit 30 Jahren als Sozialpädagogin und Sozialmanagerin und wird am Anfang Juli mit ihrem Mann Prince Okeke in eine der Wohnungen ziehen. Sie wird eine SOS-Kinderdorf-Mutter für vier Kindern sein.

Auf der Terrasse des ersten SOS-Kinderdorfs in Hamburg. Neben an ist die Evangelische-Lutherische Kirche.
Auf gute Nachbarschaft: Direkt neben der Terrakottafassade des SOS-Kinderdorfs in Dulsberg steht die evangelische-lutherische Kirche.

SOS-Kinderdorf-Familien nehmen Kinder bis zum Alter von zwölf Jahren auf. Es sind Kinder, die nicht bei ihren leiblichen Familien aufwachsen können – zum Beispiel weil die Eltern Suchtprobleme haben. „Wir sind eine zusätzliche Familie und arbeiten idealerweise gut mit der Herkunftsfamilie zusammen“, erklärt Christina Okeke. „Kinder können von uns profitieren, wir können als Vorbilder wirken. Das heißt aber nicht, dass die leibliche Familie schlimm oder schlecht war.“

„Hafen der Familien“ will ein Zuhause für Kinder schaffen

Die 53-Jährige lächelt viel und ist voller Energie, während sie die Räumlichkeiten ihres zukünftigen Zuhauses zeigt. Eine blaue Küche ist schon eingebaut. Elektrogeräte und ein großer Esstisch kommen noch. Eine Schiebetür trennt die Küche vom Wohnzimmer. „Und ab hier fängt der private Raum an“, sagt Okeke zeigt auf eine weiße Tür. Dahinter liegen die Schlaf- und Badezimmern.

„Wir haben uns ganz viele Gedanken darüber gemacht, wie wir die Zimmer der Kinder gestalten“, sagt sie. Bisher sind die Zimmer noch leer, nur der Parkettfußboden liegt und die Wände sind geweißt. „Die sollen ankommen und es soll ein Zuhause sein. Es soll gemütlich sein.“ Also werden schon einige Möbel da sein, wenn die Kinder einziehen – ein Bett oder eine Nachtlampe. Doch letztlich sollen die Kinder ihren Raum frei gestalten und ihre Kreativität einbringen, sagt Okeke. Schließlich werden sie viele Jahre dort verbringen. Wenn die Kinder nicht in ihre Herkunftsfamilie zurückkehren, bleiben sie in der Regel bis sie selbstständig in der SOS-Kinderdorf-Familie.

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Eine Kinderdorf-Mutter oder ein Kinderdorf-Vater verpflichten sich also für eine lange Zeit, und deswegen dauert auch der Recruiting-Prozess lange. „Es ist ein Annäherungsprozess. Diejenige, die wir jetzt eingestellt haben, hatten schon seit drei Jahren Kontakt zum SOS-Kinderdorf“, erläutert Birgit Ulpts, Bereichsleiterin beim SOS-Kinderdorf Hamburg und zuständig für die SOS-Kinderdorf-Familien.

So sah das alte Familienzentrums in Dulsberg aus. Mit einem bunten Transparent sagen die Mitarbeiter „Tschüss“.

Die Motivation der Bewerber:innen wird stets überprüft, dazu gibt es einen Praxisteil und Gespräche sowohl im Kinderdorf als auch mit der Personalabteilung. „Das ist keine Entscheidung, die man von heute auf morgen treffen kann“, so Birgit Ulpts.

Tatsächlich beschreibt auch Christina Okeke ihre Entscheidung als einen langjährigen Prozess. „Es gab nicht den entscheidenden Moment, wir sprachen am Abendbrottisch immer wieder darüber. Wir überlegten uns, wie ist es für uns als Familie, wollen wir das wirklich? Sind wir bereit das einzugehen?“

Und wie sieht es mit privat Leben aus?

Manche SOS-Kinderdorf-Eltern behalten ihre eigene Wohnung, um dort Feiertage und Urlaub zu verbringen. Die Familie Okeke nicht. Die alte Wohnung ist schon gekündigt, die Kartons schon gepackt. „Unser Zuhause wird das Kinderdorf sein. Es ist, worauf wir uns vom Herzen einlassen“, so Christina Okeke. Nicht alle Kinderdorf-Eltern ziehen mit ihre Partner:innen ein. Christina Okekes Kollege zum Beispiel, der in einer Wohnung unter ihr leben wird, ist allein.

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Von der Organisation wird darauf geachtet, dass die Kinderdorf-Eltern genügend Unterstützung bekommen und nicht überfordert sind. Deswegen wohnen auch die Familien nah einander, damit die Kinderdorf-Eltern sich schnell und unkompliziert austauschen können. „Die sollen offen und ehrlich das kommunizieren, was sie gerade fühlen“, erzählt Birgit Ulpts. Die Verwaltung der Organisation wird auch im „Hafen der Familien“ sitzen und somit stets erreichbar sein.

Ankersteinen beziehungsweiße „Walk of Help“ am Eingang des SOS-Kinderdorfs. Auf den Ankersteinen werden Spendern gewürdigt. Auf den goldenen Ankern der Steine ist der Name des jeweiligen Spenders/der jeweiligen Spenderin eingraviert.
Der „Walk of Help“ am Eingang des SOS-Kinderdorfs. Auf diesen Steinen werden die Namen der Spender eingraviert und so gewürdigt.

Außerdem gibt es ein Netzwerk, dass bei Fragen und Unsicherheiten helfen kann – etwa Hauswirtschaftskräfte, Vertretungspersonal, Expertinnen und Experten. Zusätzlich werden Kurse und Weiterbildungsmöglichkeiten angeboten. „Ich erwarte eine Einbettung in ein großes Hilfesystem, dass ich dann, wenn ich alleine nicht mehr weiterkomme und unsicher bin, nutzen kann“, erzählt Christina Okeke. „Ich glaube aber, dass wir gut vorbereitet sind. Wir schaffen das.“

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