Sonja K..
  • Sonja K. verabschiedet sich von ihrem Bruder. Der 55-Jährige lag über ein Jahr tot in seiner Wohnung in Eilbek.
  • Foto: Marius Röer

Schrecklicher Fund in Hamburg: Mein Bruder lag 425 Tage tot hinter dieser Tür

Ein Toter liegt mehr als ein Jahr in einer Wohnung in Eilbek, selbst als die Schlösser der Wohnungstür ausgetauscht werden, bemerken die Handwerker den Leichnam nicht. Nur über einen DNA-Abgleich mit seiner Schwester kann die Polizei seine Identität klären. Frank K. war 55 Jahre alt, als er seinen einsamen Tod starb. Wer war er? Und warum hat ihn niemand vermisst? Die MOPO sprach mit seiner Schwester.

Frank K. war ein großer Bruder, das älteste von vier Kindern – und der einzige Sohn. Nach ihm wurden zwei Zwillingsmädchen geboren, dann Nesthäkchen Sonja, heute 54. In Lurup sind sie aufgewachsen, die Mutter Hausfrau, der Vater Elektriker.

Der Bruder und seine drei Schwestern standen sich nah in der Kindheit: „Er war ein liebenswerter Mensch“, sagt Sonja K. zur MOPO: „Frank hat gern geteilt. Sein letztes Hemd hätte er gegeben.“ Auf einem Kinderfoto ist ein kleiner Junge in Hochwasserhosen zu sehen, mit skeptischem Blick: Fotografiert zu werden, das mochte der Junge Frank K. gar nicht.

Kinderfoto von Frank K.
Grimmig schaut er in die Kamera. Als Kind sei Frank K. ein liebenswerter Mensch gewesen, der gern teilt. Doch Fotos habe er gehasst.

Nach der Schule schloss er eine Lehre zum Einzelhandelskaufmann ab, alles hätte gut weitergehen können. Aber schon als Teenager habe Frank angefangen zu trinken, sagt Sonja K. Es ging bergab mit ihrem geliebten großen Bruder: „Er verlor sich im Alkohol und bezog Sozialhilfe.“ Nach dem Tod der Eltern vor 32 Jahren gab es nur noch die Schwestern als Angehörige. Frau und Kinder hatte ihr Bruder nicht. Was es war, das ihn zur Flasche greifen ließ, weiß die Schwester nicht, einen konkreten Schicksalsschlag habe es nicht gegeben, auch keinen Streit, trotzdem trennten sich ihre Lebenswege: „Der Alkohol hat unsere Beziehung zerstört.“

Jahrelang hörte Sonja K. nichts von ihrem Bruder, wusste nicht einmal, wo er lebt. Sie versuchte alles, um seine Adresse herauszufinden, rief sogar beim Einwohnermeldeamt an. Vergeblich, man verwies auf den Datenschutz. Und dennoch: Die Gedanken waren immer wieder bei ihm. Zwei Wochen vor dem Fund des Leichnams besuchte Sonja K. ein Restaurant in Eilbek, nicht ahnend, dass die Wohnung ihres Bruders nur wenige Schritte entfernt war: „Ich habe zu meiner Freundin gesagt: ‚Vielleicht lebt mein Bruder auch gar nicht mehr‘“, erzählt sie der MOPO. Eine Vorahnung, mit der sie Recht behalten sollte.

Hamburg: Körper teils skelettiert, teils mumifiziert

Als Frank K. am 8. Juli gefunden wurde, war der Körper teils skelettiert, teils mumifiziert. Nur mittels eines DNA-Tests konnte die Polizei herausfinden, wer dort lag: „Ich wurde Anfang August über den Fund meines Bruders benachrichtigt. Man brauchte meine DNA, um einen Abgleich mit seiner Leiche machen zu können. Das war das erste Mal nach zehn Jahren, dass ich etwas von meinem Bruder gehört habe“, sagt die trauernde Schwester: „Ich bin einfach nur entsetzt. Er wurde im Stich gelassen. So sollte wirklich niemand sterben.“

Kienast mit Fotos
Sonja K. mit den einzigen Fotos, die sie von ihrem Bruder hat – Kinderfotos.

Der Tote wurde gefunden, als die Wohnung zwangsgeräumt werden sollte. Warum vermisste niemand den Verstorbenen? Die Miete wurde von der Arge „team.arbeit.hamburg“ gezahlt. Mitte 2020 wurden die Zahlungen jedoch eingestellt. Kirsten Maaß, Sprecherin des Jobcenters in Hamburg sagt dazu: „Zahlungen werden eingestellt, wenn der Betroffene keine Verlängerung des Bewilligungszeitraums beantragt“. Wenn kein neuer Antrag gestellt werde, gehe das Jobcenter davon aus, dass kein Bedarf an Unterstützung mehr bestehe. Warum jemand nach Jahren plötzlich keine Hilfe mehr braucht, das kann niemand überprüfen. Die Arge erfuhr erst durch die MOPO vom Tod des Mannes.

Das könnte Sie auch interessieren: Horror-Haus in Hamburg: Neuer Eigentümer will Bruchbude neuen Glanz verleihen

Grausiges Detail: „Ein Nachbar meines Bruders erzählte mir, dass Handwerker schon in der Wohnung gewesen seien, obwohl der Beschluss noch nicht durch war. Sie hätten Schlösser ausgetauscht und seine Leiche dabei nicht gesehen“, erzählt Sonja K. Momentan ist die Wohnung nicht zugänglich. An der Wohnungstür wurde in großer schwarzer Schrift „Zulassen“ gesprüht. Freundlich sei ihr Bruder bis zuletzt gewesen, erfuhr Sonja K. von den Nachbarn: „Aber er war körperlich in einem schlechten Zustand.“

Haustür des Verstorbenen.
„Fristlos gekündigt“ steht an der Haustür des Verstorbenen geschrieben.

Wie kann es sein, dass die Nachbarn monatelang den Verwesungsgeruch nicht bemerkten? Schon 2010 berichtete die MOPO über die Wohnhäuser Roßberg 33 und 35 . Der damalige Eigentümer hatte die Quadratmeter-Angaben manipuliert und völlig überhöhte Mieten vom Amt kassiert. Ende Mai 2021 berichtete die MOPO erneut von den katastrophalen Zuständen in dem Mehrfamilienhaus. Müll und Schrott türmten sich in den Fluren, Schimmel machte sich breit, Fäkalien waren zu sehen.

Während der MOPO-Recherchen im Mai lag Frank K. bereits zehn Monate lang tot in seiner Wohnung. Der Geruch des Todes war von dem Gestank im Flur überdeckt. Eingeschmissene Fenster sorgten zudem für Durchzug. Niemand bemerkte, dass in der Wohnung eine Leiche lag. Ein Mann, der einmal der große Bruder von drei Schwestern gewesen war, der freundlich war und gerne geteilt hat.

Email
Share on facebook
Share on twitter
Share on whatsapp