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Godo Savinsky wünscht sich verpflichtenden Reanimationsunterricht an Schulen.
  • Godo Savinsky wünscht sich verpflichtenden Reanimationsunterricht an Schulen.
  • Foto: Feuerwehr Hamburg

Reanimation im Notfall: „Man kann nichts verkehrt machen – außer, man tut nichts“

Für ihn ist die Reanimation das täglich Brot: Godo Savinsky ist „Ärztlicher Leiter Rettungsdienst“ bei der Feuerwehr Hamburg. Mit der MOPO sprach er über typische Fehler und die Angst vorm Loslegen.

MOPO: Was ist der größte Fehler, den man als Ersthelfer bei jemandem machen kann, der leblos ist?

Godo Savinsky: Nichts zu tun. Jede Hilfe ist erst mal positiv. Und es gibt auch nichts, für das man hinterher als Laie belangt wird. Wenn im Rahmen der Wiederbelebungsversuche eine Rippe bricht oder es zu einer Kopfplatzwunde kommt, weil Sie ihn zu unsanft auf den Boden gelegt haben etwa. Gesellschaftlich gibt es zu Recht nur Strafen für Leute, die nichts tun. 

Woher weiß ich, dass ich eingreifen muss? 

Bei vielen ist die Hemmschwelle zu hoch. Auch weil Wissen fehlt. Man muss für den Führerschein einen Kurs besuchen, und das war’s dann oft. In Hamburg haben wir das Thema nicht verpflichtend in der Schule, um bei den Jüngsten die Basics zu trainieren: das Erkennen und die Wiederbelebung. In anderen europäischen Staaten lernen Sie in der 7. Klasse Herzdruckmassage und professionell Hilfe zu holen. Die Zahlen belegen: Das wirkt sich positiv aus.

Was tun, wenn man jemanden wiederbeleben muss?

Was konkret sollte man tun, wenn jemand leblos ist?

Es gibt eine ganz einfache Merkhilfe: Prüfen, rufen, drücken.

➤ 1. Hat jemand einen Herz-Kreislauf-Stillstand? Ist die Person wirklich leblos?

➤ 2. Hilfe holen. Jemandem sagen: „Rufen Sie 112 an!“

➤ 3. Schnellstmöglich anfangen mit der Wiederbelebung. 100 bis 120 Mal pro Minute auf den Brustkorb drücken. So die Zeit überbrücken, bis der Rettungsdienst kommt. 

Was ist mit Beatmung?

Vor der schrecken viele zurück. Oberste Priorität hat die Herzdruckmassage.

„Staying Alive“ von den Bee Gees – der Soundtrack zur Reanimation

120 Mal pro Minute. Das ist sehr schnell.

Ja. Die Brustbeinmitte fünf bis sechs Zentimeter rhythmisch runterdrücken. Wenn Sie dabei an den Song „Staying Alive“ denken, dann sind Sie beim Tempo im richtigen Bereich. Das muss man durchhalten, das ist anstrengend, auch deshalb ist es wichtig, Hilfe zu holen.

Sie haben die dabei knackenden Rippen angesprochen. Ist das relevant in dem Moment? 

Das Herz schlägt nicht, der Mensch atmet nicht: Es geht jetzt darum, die Schädigung des Gehirns zu verlangsamen, bis der Rettungsdienst kommt. Oder das Herz zum Schlagen zu bringen.

Muss man mal Pause machen und überprüfen, ob es schon wieder schlägt?

Nein. Den Puls zu überprüfen, ist gar nicht so leicht. Und wenn Sie eine zu lange Pause machen, um den zu finden, schadet das eher. Sobald Sie aufhören zu drücken, fällt der Minimalkreislauf, den Sie mühsam aufgebaut haben, in sich zusammen. Sofort kommt im Gehirn kein Blut mehr an. Lieber weiterdrücken, bis der Rettungswagen eintrifft. Wenn der Patient allerdings beginnt sich zu wehren, dann ist das natürlich das Beste, was passieren kann.

„Drücken Sie als Ersthelfer so lange, bis die Rettungskräfte übernehmen“

Weil er dann wieder da ist. Wie lange bringt denn das Drücken etwas? Muss man irgendwann aufgeben?

Es gibt viele Einflussfaktoren für den Ausgang einer Reanimation. Alter, Vorerkrankungen, Umgebungs-Temperatur. Wichtig ist, dass schnell begonnen wird mit der Herzdruckmassage. Drücken Sie als Ersthelfer einfach so lange, bis die Rettungskräfte übernehmen. Sie können sich dabei auch von der Rettungsleitstelle über das Telefon anleiten lassen.

 Was für Möglichkeiten haben die Experten zusätzlich?

Wenn das Herz nach allem noch nicht wieder schlägt, gibt es Medikamente, also Adrenalin, die Möglichkeit, die Beatmung zu verbessern, oder Elektro-Schocks, Defibrillation. Es gibt immer häufiger auch in öffentlichen Bereichen Geräte, bei denen die Anwendung sehr einfach gehalten ist, sodass Laien sie einsetzen können. 

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Ein Mann, Ende 50. Die Herz-Druck-Massage beginnt vermutlich zwei, drei Minuten zu spät. Schließlich wird 30 Minuten gedrückt. Denkbar, dass so jemand da so rauskommt, wie er vorher war?

Ja. Grob kann man sagen, dass pro Minute ohne Herzdruckmassage die Überlebenswahrscheinlichkeit um 10 Prozent sinkt. Grundsätzlich gibt es aber Hoffnung, dass der Patient in einem solchen Szenario alles unbeschadet übersteht.

Reanimations-Unterricht in der Schule – eine Investition in die Zukunft

Wie oft sind denn Ihre Leute bei solchen Einsätzen erfolgreich?

In etwa zehn Prozent der Fälle überleben die Betroffenen. In etwa 40 Prozent hatte es vorher eine Laienreanimation gegeben. Ein Fortschritt. Aber weniger als in Skandinavien, wo in 80 Prozent Laien reanimiert haben. Dort greifen die Leute früher und häufiger ein, weil sie gut vorbereitet sind.

Woran scheitert denn die Einbindung in den Schulunterricht? 

Die Kultusministerkonferenz hat den Reanimations-Unterricht in Schulen empfohlen. Erst in zwei Bundesländern wurde das flächendeckend umgesetzt. Die Gesundheitskompetenz zu stärken ist aber allein deshalb wichtig, weil wir davon ausgehen müssen, aufgrund des demografischen Wandels bald nicht ausreichend Pflegekräfte zu haben. Da hilft es, wenn man auch selbst weiß, was in eindeutigen Fällen zu tun ist. 

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