Teilnehmer einer Demonstration gegen Rassismus und Polizeigewalt protestierten im Juni 2020 vor dem US Konsulat am Alsterufer.
  • Teilnehmer einer Demonstration gegen Rassismus und Polizeigewalt protestierten im Juni 2020 vor dem US Konsulat am Alsterufer.
  • Foto: picture alliance/dpa/Christian Charisius

Rassismus in Hamburg: „Betroffene berichten von alltäglichen Bedrohungen“

Ob Racial Profiling, antisemitische Beleidigungen oder rechtsextreme Gewalt: All das wird von der Hamburger Beratungsstelle „empower“ erfasst, die seit 2015 den Opfern ein offenes Ohr schenkt. Seit April unterhält die Einrichtung zusätzlich die digitale Beschwerdestelle „memo“, bei der Betroffene innerhalb von ein paar Minuten Vorfälle übers Handy oder den Computer melden können. Anders als die Beschwerdestelle der Polizei ist diese nicht staatlich eingebunden. Die Co-Leiterin Nissar Gardi hat mit der MOPO darüber gesprochen, wie das neue Angebot angenommen wird – und was in Hamburg gehörig schiefläuft.

MOPO: Frau Gardi, gibt es einen Vorfall, der Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Nissar Gardi: Jede Beratung bei uns ist intensiv. Betroffene berichten von alltäglichen Bedrohungen in der Arbeitswelt, in der Nachbarschaft, der Bahn oder wenn sie ihre Kinder von der Kita abholen. Da gibt es Hassbotschaften von Lehrer:innen oder Trainer:innen im Sportverein bis hin zu körperlichen Angriffen und versuchten Tötungen sowie Beratung von Familienangehörige von Verstorbenen. Da bleiben viele Fälle in Erinnerung bei uns.

Wie sieht es in Hamburg mit rechter, antisemitischer und rassistischer Gewalt aus?

Wir beobachten, dass vermehrt Angriffe und Bedrohungen im öffentlichen Raum stattfinden – zum Beispiel gegenüber jüdischen Männern oder muslimischen Frauen. Betroffene berichten immer mehr, dass das Umfeld nicht auf die Angriffe reagiert und stillschweigend sitzen bleibt oder vorbeiläuft. Die Botschaft lautet, rechte Ideologien sind sagbar und machbar. Ein großes Problem ist auch die Reviktimisierung.

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Was bedeutet das?

Das bedeutet, dass Personen nach einer Gewalttat nochmal zum Opfer gemacht werden, unter anderem durch Schuldzuweisungen oder Täter-Opfer-Umkehr. Wenn zum Beispiel eine Schwarze* Person die Polizei zur Hilfe ruft und die Beamten vor Ort den Betroffenen auffordern, sich an die Wand zu stellen – weil sie davon ausgehen, dass er der Täter ist. Das ist eine massive Erfahrung, in dem Moment, in dem Schutz gebraucht wird, mit Rassismus der Polizei zusätzlich konfrontiert zu sein. Aus verschiedenen Communitys gibt es begründetes Misstrauen gegenüber Behörden. Viele Vorfälle werden nicht ernst genommen. Es ist auch in Hamburg so, dass bei der Polizei und der Justiz entsprechendes Fachwissen mehrheitlich fehlt und die Aufarbeitung der historischen Verantwortung wenig vorangeschritten ist. Wir stellen fest: Die Mehrheit der Betroffenen, die sich bei uns melden, sind noch nicht zur Polizei gegangen.

Und das können sie seit April bei Ihnen sogar digital …

Genau, „memo“ ist bei uns eine Ergänzung zu unserem persönlichen und telefonischen Beratungsangebot. Betroffene, Zeug:innen oder Menschen aus dem Umfeld können dort innerhalb von wenigen Minuten einen Vorfall melden. Sie werden dann durch einen Fragebogen geleitet, der auch mehrsprachig zur Verfügung steht. Bereits in den ersten paar Tagen trudelten hier viele Meldungen ein, was zeigt, dass es Bedarf dafür gibt antisemitische, rassistische und rechte Vorfälle zu melden.

Bei der neuen digitalen Hinweisstelle „memo“ können Betroffene, Zeug:innen und Menschen aus dem Umfeld rassistische, antisemitische und Vorfälle rechter Gewalt melden.
Bei der neuen digitalen Hinweisstelle „memo“ können rassistische, antisemitische und Vorfälle rechter Gewalt gemeldet werden.

Wie geht es dann weiter?

Zunächst verifizieren wir die Vorfälle und melden uns entsprechend bei den Personen. Die Vorfälle werden anonymisiert in unsere Statistik und unsere Berichte aufgenommen, wenn Personen hierzu ihre Zustimmung gegeben haben. Die fachlichen Auswertungen fließen in zivilgesellschaftliche Forderungen ein und werden Communitys zur Verfügung gestellt sowie der Hamburger Sozialbehörde übermittelt. Damit liegen Hamburger Behörden und der Politik fachliche Erhebungen vor. Bei Beratungen schauen wir, was Anliegen und Fragen sind und begleiten Personen bei der Verarbeitung des Geschehens.

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Wie kann so eine Verarbeitung des Geschehens aussehen?

Viele der Betroffenen sind alltäglich mit Rassismus und/oder Antisemitismus konfrontiert. Nach Angriffen und Bedrohungen sind Auswirkungen auf die Psyche und/oder körperliche Gesundheit nicht unüblich. Stabilisierungsprozesse, Empowerment und Stärkung im Alltag werden wichtig. Auch vermitteln wir bei Bedarf weiter an zum Beispiel an Ärzt:innen. In vielen Fällen geht es auch um die Stärkung der Solidarität im Umfeld sowie die Familie, Arbeitskolleg:innen und Communities in die Verarbeitung miteinzubinden.

Sie sind so viel in Kontakt mit Betroffenen rechter, antisemitischer oder rassistischer Gewalt – haben Sie das Gefühl, es ändert sich in der Gesellschaft etwas?

Wir leben nicht in einer Gesellschaft, die selbstverständlich wahrnimmt, dass es gesamtgesellschaftlich verankerte rechte Ideologien gibt. Vor allem in Hamburg, die sich als weltoffene Stadt versteht, gibt es die Perspektive, dass Antisemitismus, verschiedene Formen von Rassismus und rechte Gewalt nicht bedeutend sind. Das Verharmlosen bis zur Verleugnung dieser Gewaltstrukturen ist ein massives Problem. Sobald über Rassismus oder Antisemitismus gesprochen wird, ist oft nicht das Skandalöse, dass diese Gewalttaten passieren, sondern dass diese als solche benannt werden.

Die Communitys sind selbst organisiert und gut vernetzt, Betroffene sind hörbarer und punktuell gibt es eine Öffentlichkeit dafür, wie beispielsweise bei Black Lives Matter. Die Kämpfe um die eigenen Rechte und Schutz in Communitys liefen allerdings schon lange davor und sie laufen weiter, nur das öffentliche und politische Interesse klingt immer wieder ab.

Was würden Sie sich für die Betroffenen wünschen?

Es muss gewährleistet sein, dass der Rechtsstaat alle Bürger:innen schützt. Institutionen und staatliche Strukturen müssen sich anders aufstellen, sie benötigen dringend Fortbildungen und Maßnahmen zum Schutz von Betroffenen. Projekte zur Unterstützung von Opfern müssen regelfinanziert werden. Es ist wichtig, dass die Erfahrungen und Forderungen der Betroffenen und Communitys in der Öffentlichkeit und Politik ernstgenommen werden.

*In den Antworten ist das Adjektiv „schwarz” auf Wunsch der Interviewpartnerin groß geschrieben, da „Schwarze Menschen” für sie eine Selbstbezeichnung ist, in der es nicht um die Hautfarbe, sondern um eine von Rassismus betroffene gesellschaftliche Position geht.

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