Ein am Bein verletzter Mann wird in den Rettungswagen gebracht.
  • Ein Mann wurde am Sonntag vor einer Woche durch Schüsse am Bein verletzt.
  • Foto: Blaulicht News

Brennpunkt in Hamburg: Anwohner lieben ihr Viertel trotz Schüssen und Gewalt

Lassallestraße Ecke Baererstraße, 15.17 Uhr. Es ist trocken, kalt und grau. Eigentlich ein unauffälliger und normaler Sonntag, vergangene Woche hier im Harburger Phoenix-Viertel. Dann peitschen plötzlich Schüsse durch die Luft, fünf, sechs Mal. Zwei Männer gehen zu Boden, einer wird lebensgefährlich verletzt. Schon wieder das Martinshorn des Rettungswagens, schon wieder das Blaulicht der Streifenwagen. Wie lebt es sich in einem Quartier, das als hartes Pflaster gilt? Die MOPO sprach mit Polizei, Geschäftstreibenden und vor allem Anwohnern, die teilweise schon Jahrzehnte hier wohnen. Ihre Antworten sind überraschend. Denn eines ist klar: Tauschen wollen sie nicht. Nur etwas sauberer hätten sie es gerne. Ein Ortsbesuch.

Einige Tage nach besagtem Vorfall. Die Lassallestraße zeigt sich im alltäglichen Trott; Papiermüll wird vom Wind aufgewirbelt, Autos stehen dicht an dicht, Menschen gehen zur Arbeit, kommen von dort, müssen einkaufen oder zum Arzt. Junge, Alte, jeder für sich. Geredet wird wenig. Es ist nicht viel los.

Schüsse in Hamburg: Darum lieben wir den Brennpunkt trotzdem 

„Früher war das mal ein richtig schönes Viertel.“ Edith Meinberg ist 73 und wohnt schon seit mehreren Jahrzehnten an der Lassallestraße. Die Rentnerin erzählt von bezahlbarem Wohnraum, sauberen Straßen, einem „sehr herzlichen Miteinander unter den Menschen hier“. Mittlerweile habe sich das verändert, findet sie, viele Menschen seien dazu gekommen, oft würden sie schnell wieder wegziehen. „Es ist aber trotzdem ruhig. Ich habe nie Angst über die Straße gehen zu müssen. Man achtet auf sowas nicht mehr“, sagt sie in Hinblick auf die Schüsse.

Die hatte sie am Sonntag nur beiläufig wahrgenommen: „Ich saß mit meiner Schwester zusammen, wir haben Kaffee getrunken. Dann knallte es mehrmals. Wir scherzten noch und sagten: ‚Jetzt haben sie einen erschossen‘. Dass das dann so war, merkten wir erst später. Aber so ist das hier. Solche Geräusche hört man nicht selten.“ Trotzdem findet sie es schön hier, betont sie. „Ich will hier nicht weg. Wohin auch? Hier habe ich alles. Nur der Dreck könnte weg.“

Edith Meinberg ist 73 Jahre alt und wohnt schon seit Jahrzehnten im Phoenix-Viertel.
Edith Meinberg ist 73 Jahre alt und wohnt schon seit Jahrzehnten im Phoenix-Viertel.

Eine Etage tiefer im gleichen Mehrfamilienhaus wohnt Vera Sittrisa. „Beschissen“, antwortet sie auf die Frage, wie sich das Viertel hier im Laufe der Jahre entwickelt hat. „Momentan ist es katastrophal. Ich bin hier großgeworden. Aber es ist echt schlimm.“ Damit meint sie nicht einmal die Kriminalität, sondern den Müll, der „überall auf Straßen liegt“. Sie ist kurz abgelenkt und überprüft das Schloss, an dem ihr Rollator hängt. „Man weiß ja nie hier“, sagt sie.


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Manchmal gebe sie den Angestellten der Stadtreinigung Schokolade, erzählt sie, weil die ja dafür nichts könnten. „Es sind andere, die hier wohnen, die hier ihren Müll einfach wegwerfen. Dazu die Kriminalität. Es nervt.“

Vera Sittrisa findet die Entwicklung in ihrem Viertel „beschissen“.
Vera Sittrisa findet die Entwicklung in ihrem Viertel „beschissen“.

Um die 5000 Menschen, überwiegend mit Migrationshintergrund, leben auf 20 Hektar verteilt zwischen Harburger City, dem Bahnhof und der Außenmühle, einem Waldstück mit See – eigentlich eine Top-Lage. Einer der zentralen Punkte des Viertels ist der Kennedy-Platz an der Kalischerstraße, der erst vor einigen Jahren modernisiert wurde: Neues Fußballfeld, eine Kita mit Spielplatz, unten zur Straße hin eine Fläche mit Sitzgelegenheiten. Dort wird an den Abenden, vor allem an Wochenenden, mit Akkordeons Musik gemacht, gesungen, getrunken, gefeiert. „Die meisten haben nicht viel, erst recht kein Geld“, sagt eine Frau, die von ihrer Wohnung aus direkt auf den Platz schauen kann. „Viele sind einfach nur nett und wollen nichts Böses. Menschen, die nichts mit der Kriminalität hier zu tun haben.“

Phoenix-Viertel: Das sagt die Hamburger Polizei

Die Schattenseite des Viertels: An vielen Ecken wird offen mit Drogen gehandelt, oft es sind es bereits Jugendliche, die als Dealer von Älteren instrumentalisiert werden. Marihuana wird verkauft, aber auch die Nachfrage nach Kokain steigt. Auch an Gewaltdelikten mangelt es nicht, wie zuletzt die Schießerei zeigte.

Die Hamburger Polizei registrierte in den ersten drei Quartalen, dass die Kriminalität in Harburg rückläufig ist; mit gezielten Maßnahmen würde man die öffentlich wahrnehmbare Drogenkriminalität bekämpfen und mit Kräften des täglichen Dienstes, der Dienstgruppe Operative Aufgaben und den sogenannten Bürgernahen Beamten im Viertel Präsenz zeigen, so Polizeisprecherin Evi Theodoridou. „Wir sind ansprechbar und führen darüber hinaus zusätzlich mit der Dienstgruppe Fahndung und auch Kräften der Bereitschaftspolizei und des Jugendschutzes sichtbare und nichtsichtbare präventive und repressive Maßnahmen durch.“ Tatsächlich, so berichten es auch Anwohner, sind die Polizisten Tag und Nacht im Viertel unterwegs und „überaus freundlich und hilfsbereit“ bei Fragen oder Anliegen.

„Verbrechen passieren überall“, sagt ein Mann, der in einem Café einen Tee trinkt. Er pustet Zigarettenqualm weg. „Wilhelmsburg, Billstedt. Nun ist es eben hier passiert.“ Er kommt aus Albanien und fühlt sich „sehr wohl hier“. Er lebt mit seiner Familie im Viertel und begrüßt die Menschenvielfalt. „Ich find’s gut. Es bedeutet für mich Leben.“

Das sieht auch der Besitzer der Shisha-Bar nebenan so: „Es herrscht hier eine hohe Hilfsbereitschaft. Wenn mir mal der Alkohol ausgeht, gehe ich einfach nach nebenan. Man passt aufeinander auf.“ Auch er wohnt mit Frau und Kindern hier. „Ich würde nicht woanders leben wollen. Nur Corona-Kontrollen nerven uns, alles andere ist gut so wie es ist.“

Die Wilstorfer Straße führt am Phoenix-Viertel vorbei.
Die Wilstorfer Straße führt am Phoenix-Viertel vorbei.

Die Wilstorfer Straße liegt zwischen Phoenix-Center – dem Ort, wo einst das Industrieherz des Stadtteils in Gummi- und Kohleform schlug – und Phoenix-Viertel, und erlangte Anfang der 2000er als „Straße der Gewalt“ Berühmtheit. Es ging um Milieu-Streitigkeiten, Menschen wurden verletzt, andere sogar getötet. Claudia Meier, 49, Angestellte eines bekannten Ross-Schlachters, sagt als eine der Wenigen: „Ich bin froh, wenn ich Feierabend habe und nach Hause kann. Gerade in der dunklen Jahreszeit fühle ich mich als Frau hier nicht wohl.“


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Heute ist die Wilstorfer vor allem eine Straße mit vielfältigem Geschäftsangebot: Afroshops, Cafés, Friseure, Restaurants und Läden mit traditioneller Kost aus den unterschiedlichsten Ländern. Dort, wo Trubel zum Alltag gehört, hat auch Aziz Eryeri sein Reisebüro. Seit zwölf Jahren bringt er vor allem Menschen aus dem Stadtteil in die Heimat, wie er erzählt. Ob er Negatives zu berichten habe und sich unsicher dort fühle? „Nein, überhaupt nicht. Es hat sich hier eigentlich sogar positiv entwickelt“, sagt er. Gebäude seien saniert worden, es würden im alten Phoenix-Werk sogar Lesungen und Ausstellungen stattfinden. „Natürlich könnte es noch mehr Kultur sein. Aber die Grundstimmung hier ist positiv.“

Aziz Eryeri in seinem Reisebüro an der Wilstorfer Straße. Er freut sich über mehr Kultur im Viertel.
Aziz Eryeri in seinem Reisebüro an der Wilstorfer Straße. Er freut sich über mehr Kultur im Viertel.

Noch mehr könnte es sein – auch andere Anwohner sagen das, gerade wenn es um die Unterstützung der Politik geht, weitere Möglichkeiten für ein gemeinsames Leben im Viertel zu schaffen. Die Sicht des Hamburger Senats auf das Phoenix-Viertel scheint eine andere zu sein: War es 2015 noch über viele Jahre Fördergebiet, ist es das nun seit fünf schon nicht mehr. Der Bereich sei attraktiver und lebendiger gemacht worden, vor allem durch die Sanierung der Quartiers- und Bürgerzentren. Das geht aus einer Großen Anfrage der Grünen aus Ende 2020 hervor.

Phoenix-Viertel-Bewohnerin: „Die Politik darf die Augen vor den Problemen hier nicht verschließen“

Viele Bewohner sehen das anders. „Die Politik darf die Augen vor den Problemen hier nicht verschließen“, sagt Vera Sittrisa, während sie ihren Rollator vom Schloss befreit. Es müsse wieder schöner werden, das Miteinander gestärkt werden. „Damit Menschen freiwillig herkommen, nicht, weil sie gezwungen sind.“

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Dann rollt sie davon, vorbei an Müll und umgeworfenen Einkaufswagen. Irgendwann verschwindet ihre Silhouette am Horizont der Lassallestraße. Ein ganz normaler Tag im Phoenix-Viertel. Ohne Schüsse. Ohne Gewalt.

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